Politischer Vertrauter und Freund

Vor 100 Jahren wurde Valéry Giscard d’Estaing geboren

Autor/in:Meik Woyke
Schwarz-Weiß Foto von Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing

Am 2. Februar 1926 erblickte Valéry Giscard d’Estaing in Koblenz das Licht der Welt, wo sein Vater als Oberfinanzinspektor der französischen Rheinlandkommission stationiert war.

Seit Beginn der 1970er-Jahre verband Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing eine vertrauensvolle politische Partnerschaft und persönliche Freundschaft. Geprägt durch ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg standen beide für die Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland. Schmidt trat 1972 das Amt des Bundesfinanzministers an und zeichnete bis zur Bundestagswahl im November desselben Jahres zusätzlich für das Wirtschaftsministerium verantwortlich, während Giscard d’Estaing als „Superminister“ beide Ressorts von 1969 bis 1974 führte. Eines ihrer zentralen Themen bestand nach dem Zusammenbruch des Weltwährungssystems von Bretton Woods in der Suche nach Alternativen hierfür. Beide telefonierten miteinander, wenn sie einen Rat benötigten, und schätzten die Zuverlässigkeit des anderen. Mehrfach ergriffen sie gemeinsam die politische Initiative.

Gemeinsame Politik mit genauem Kompass

Im Jahr 1974 machten sich Schmidt und Giscard d’Estaing – nunmehr als Bundeskanzler respektive französischer Staatspräsident – für die Institutionalisierung des Europäischen Rats stark. Künftig fanden die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft (EG) regelmäßig zu Gipfeltreffen zusammen. Die Bundesrepublik Deutschland und Frankreich nahmen angesichts ihrer territorialen Größe und ökonomischen Stärke in der EG, die bis 1981 nur aus neun Mitgliedern bestand, fast zwangsläufig eine Führungsrolle ein. So konnten Giscard d’Estaing und Schmidt das von ihnen 1978/79 konzipierte Europäische Währungssystem mühelos gegen die übrigen Ratsmitglieder durchsetzen. Es sollte helfen, massive Kursschwankungen zwischen den Währungen der EG-Mitgliedstaaten auszugleichen, und für geldpolitische Stabilität sorgen.

Darüber hinaus initiierten Schmidt und Giscard d’Estaing die Weltwirtschaftsgipfel als Forum zur internationalen Krisenbewältigung, das erstmals 1975 auf Schloss Rambouillet bei Paris tagte. Obgleich das Konzept für die bald als G7-Gipfel bekannten Treffen in Arbeitsteilung entstanden war, überließ Schmidt in der Öffentlichkeit seinem französischen Partner den Vortritt, was schon die Auswahl des Tagungsorts zeigte. Als Bundeskanzler eines nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Teilstaats hegte Schmidt keine Zweifel, dass Frankreich als Nuklearmacht und mit einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat international einen weitaus festeren Stand als die Bundesrepublik hatte.

Auch den NATO-Doppelbeschluss setzten Schmidt und Giscard d’Estaing in engem Zusammenwirken durch. Im Januar 1979 trafen sich die Regierungschefs der USA, Großbritanniens, Frankreichs und der Bundesrepublik Deutschland auf der französischen Antillen-Insel Guadeloupe. Helmut Schmidt gewann durch seine Teilnahme an diesem inoffiziellen westlichen Direktorium zusätzlich an internationalem Prestige. Zwar hatte Valéry Giscard d’Estaing zu dem Sicherheitsgipfel eingeladen, der Impuls dafür ging jedoch vom Bundeskanzler aus. Der US-Präsident Jimmy Carter und der britische Premierminister James Callaghan vertraten die beiden anderen Staaten.

Bereits im Oktober 1977 hatte Schmidt in einer Rede vor dem „International Institute for Strategic Studies“ in London auf die in der Blockkonfrontation des Kalten Kriegs fehlende Parität bei den taktisch-nuklearen Mittelstreckenwaffen hingewiesen. Wenn die Sowjetunion nicht bereit sei, über die Reduzierung ihrer SS-20-Raketen zu verhandeln, müssten die USA ausreichend Pershing-II-Raketen in Westeuropa stationieren, nicht zuletzt in der Bundesrepublik. Dieser Auftritt Schmidts gilt als Geburtsstunde des NATO-Doppelbeschlusses, der schließlich am 12. Dezember 1979 förmlich gefasst wurde.

Le couple franco-allemand

Europäischer Rat, G7-Gipfel und NATO-Doppelbeschluss – diese Wegmarken für politische Richtungsentscheidungen führen vor Augen, welche Bedeutung und Durchsetzungsstärke das „couple franco-allemand“ einstmals im vereinigten Europa besaß. Angesichts der Herausforderungen, mit denen sich die Europäische Union der 27 Mitgliedstaaten heute konfrontiert sieht, ist es inspirierend, sich an das enge Zusammenwirken von Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing zu erinnern, und zwar für innereuropäische Fragen ebenso wie im globalen Maßstab.

Schwarz-Weiß Foto von Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing

Der französische Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing (l.) und Bundeskanzler Helmut Schmidt am 16. Juni 1977 im Bundeskanzleramt in Bonn. © Heinrich Sanden/dpa

Foto von zwei Männern

Sie waren freundschaftlich verbunden: der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt (r.) und Frankreichs Präsident Valéry Giscard d’Estaing (17. Juni 1977). © Bundesregierung/Reineke

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