„Putin-Versteher“? Helmut Schmidt, Russland und die Ukraine

Erschienen in der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). Autor: Uwe Westdörp

Was er heute zum Krieg Russlands sagen würde, kann man Helmut Schmidt nicht mehr fragen. 2014 nach der Annexion der Krim bestritt er, dass es ein Volk der Ukrainer gibt.

Er war schon zu Lebzeiten eine Legende: Der frühere Bundeskanzler und langjährige Publizist Helmut Schmidt (1918 - 2015) genoss einen großen Ruf als politischer Analyst und Welterklärer. Auch zur Ukraine und der Annexion der Krim durch Russland hat er sich immer wieder geäußert. Er sei ein „Putin-Versteher“, hat er sich anhören müssen, auch deshalb, weil er pointiert zu der Frage Stellung nahm, ob die Ukrainer eine Nation seien.

Heute ist die Sache klar: Das Russland von Präsident Wladimir Putin ist der Aggressor, die Ukraine das angegriffene Land. Krieg haben die allermeisten Politiker und Beobachter bis vor kurzem nicht erwartet, auch Helmut Schmidt bis zuletzt nicht. Auch nach der Annexion der Krim im März 2014 sagte der Altkanzler noch: „Ich traue Putin nicht zu, dass er Krieg will.“ In der „Bild“-Zeitung griff Schmidt im Mai 2014 zugleich den Westen scharf an: „Die Politik des Westens basiert auf einem großen Irrtum: dass es ein Volk der Ukrainer gäbe, eine nationale Identität.“

„Krim ein Geschenk von Chruschtschow“

„In Wahrheit“, so dozierte Schmidt, „gibt es die Krim, die Ost- und die West-Ukraine. Die Krim, einst Land der Tataren, kam erst in den 50er-Jahren durch ein ‚Geschenk‘ des russischen Staatschefs Chruschtschow zur Ukraine. Die West-Ukraine besteht größtenteils aus ehemaligen polnischen Gebieten, allesamt römisch-katholisch. Und die Ost-Ukraine, überwiegend russisch-orthodox, liegt auf dem Gebiet der Kiewer Rus, dem einstigen Kerngebiet Russlands.“

Auch Putin bezeichnet die Ukraine als „historisches russisches Gebiet“, zuletzt in seiner TV-Ansprache direkt vor dem Einmarsch. Das Land sei „ein integraler Bestandteil der eigenen Geschichte“. Die Ukraine habe keine Tradition der Eigenstaatlichkeit. Der Kollaps der Sowjetunion 1991 habe Russland in eine schwierige Lage gebracht. Im Anschluss daran sei es ein Fehler gewesen, die Ukraine und weitere Sowjetrepubliken in die Unabhängigkeit zu entlassen.

„Produkt sowjetischer Nationalitätenpolitik“

Wie bewertet die Wissenschaft den geschichtlichen Hintergrund und die Frage, ob die Ukraine eine Nation sei? Es werde nicht begriffen, so der führende Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski 2016 in einem Interview, dass die Ukraine kein Nationalstaat in dem Sinne sei, wie man ihn sich in Westeuropa vorstelle. „Die Vorstellung ist: Das war eine Nation, die in der Sowjetunion in einen Völkerkerker gesteckt wurde und 1991 wiedererwachte. (…). Aber die Ukraine ist ein Produkt sowjetischer Nationalitätenpolitik. Als die Ukraine 1991 unabhängig wurde, wurde sie das nicht, weil eine große Nationalbewegung das wollte, sondern weil die Kommunisten das verabredet hatten. Danach musste eine nicht existente Nation mit Sinn und Inhalt gefüllt werden. Die Menschen haben auf ganz unterschiedliche Weise gesehen, was die Ukraine sein soll.“

Und was macht eine Nation aus? Ulf Brunnbauer, Ost- und Südosteuropaforscher an der Uni Regensburg, hat Schmidt heftig widersprochen. Dessen Aussagen seien „im Kern blanker Unsinn“, zitiert der„Focus“ den Wissenschaftler. Selbstverständlich existiere eine ukrainische Nation, was auch Umfragen immer wieder bestätigt hätten. Bei der letzten Volkszählung im Jahr 2001 hätten 78 Prozent der Bevölkerung „Ukrainer“ bei der Frage nach ihrer Nationalität angegeben. „Darauf kommt es an“, so Brunnbauer, denn eine Nation definiere sich nicht durch Merkmale wie eine gemeinsame ethnische Herkunft oder eine einheitliche Religion. Vielmehr sei Nation ein Bewusstseinszustand der Bürger, die sich ihr als zugehörig fühlten.

Stiftung will Schmidt kritisch würdigen

Auch diejenigen, die das Andenken an Schmidts politisches Wirken wahren, gehen auf Distanz zu dessen einstiger Einschätzung. Die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung in Hamburg betont auf Anfrage unserer Redaktion, es gehe der Stiftung nicht darum, Schmidt ein Denkmal zu errichten, sondern um eine kritische Würdigung seines Denkens und Handelns. Und weiter: „Die Aggression des russischen Präsidenten Putin gegen das ukrainische Volk ist ein schreiendes Unrecht und steht im fundamentalen Gegensatz zum Eintreten der Stiftung für Recht, Demokratie und Freiheit.“

Unumwunden räumt die Stiftung ein: „Helmut Schmidt hat die Annexion der Krim durch Russland im März 2014 gerechtfertigt.“ Zugleich habe er auch Verhandlungen nach dem Vorbild der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Helsinki 1975 gefordert. „Er setzte auf Dialog.“

Und weiter: „Wie Schmidt den heutigen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine beurteilt hätte, können wir ihn nicht mehr fragen. Es gibt keine historischen Gründe, die Souveränität eines Staats grundsätzlich zu bestreiten und den Bruch des Völkerrechts zu legitimieren. Ebenso steht fest, dass Schmidt bis ins hohe Alter die politische Debatte suchte und bereit war, seine Position zu überdenken und gegebenenfalls auch zu revidieren.“



Der Artikel erschien in der Neuen Osnabrücker Zeitung.

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