50. Jahrestag des „Kniefalls von Warschau“

Im Jahr 2000 wurde die Gedenktafel der Künstlerin Wiktoria Czechowska Antoniewska enthüllt. Foto: Bundesregierung, Steffen Kugler

Autor: Hendrik Heetlage, M.A., Registrar der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Foto: BKHS/Zapf

Vom Ereignis zum Mythos

„Das war aber doll.“1 – mehr brachte Egon Bahr, Staatssekretär im Bundeskanzleramt, nicht heraus, als er am Abend des 7. Dezember 1970 mit Brandt einen Whisky trank. Wenige Stunden zuvor vollzog Brandt die als der „Kniefall von Warschau“ berühmt gewordene Geste. Als der Kranz niedergelegt wurde und Brandt zusammen mit Außenminister und Vizekanzler Walter Scheel, flankiert von polnischen Soldaten, Pressevertretern, aber auch von Überlebenden des Ghettos, auf das Ehrenmal zuging, blieb offen, wie sich der deutsche Bundeskanzler verhalten würde. Wortlos hatte er dann vor dem Denkmal der Helden des Warschauer Ghettos gekniet. In seinen Memoiren schrieb er Jahre später, er habe aufgrund der Millionen Ermordeten gekniet. Worte habe er in dieser Situation nicht finden können.2

Es war eine Geste, die 50 Jahre später einen Markstein in der bundesdeutschen Erinnerungskultur darstellt, mit einer im Jahr 2000 angebrachten Gedenktafel selbst Eingang vor allem in die polnisch-deutschen und israelisch-deutschen Erinnerungsräume fand. Die öffentlich dargebotene Demut Brandts vor den (jüdischen) Opfern der Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands war eine Geste, die starke Emotionen auslöste. Dieser außergewöhnliche, spontane Akt außerhalb des offiziellen Protokolls fand Eingang in den erinnerungskulturellen Kanon eines „anderen Deutschlands“ (Bertolt Brecht). Dabei war Brandt eigentlich für etwas anderes gekommen: In Warschau sollten die Weichen für die Zukunft des Kontinents gestellt werden.

 „Neue Ostpolitik“ & „Wandel durch Annäherung“

25 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs besuchte Willy Brandt als erster Bundeskanzler den Nachbarn im Osten der Deutschen Demokratischen Republik. Der Überfall der Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 markierte den Beginn des Zweiten Weltkriegs in Europa. Die polnische Bevölkerung litt besonders stark unter der fast sechs Jahre andauernden Besatzung: Fünfeinhalb Millionen Menschen starben, davon drei Millionen in den Vernichtungslagern. Das Land verlor ein Fünftel seiner Bevölkerung. Die Vorbehalte gegenüber den Deutschen waren dementsprechend groß, die Hürden hoch. In Polens Hauptstadt wollte Brandt zusammen mit dem polnischen Ministerpräsidenten Józef Cyrankiewicz den „Warschauer Vertrag“ unterzeichnen, der zusammen mit dem bereits am 12. August 1970 unterzeichnetem „Moskauer Vertrag“ das Herzstück der „Neuen Ostpolitik“ darstellte.     

Das Ziel der sozial-liberalen Koalition: Entspannung und Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn der Bundesrepublik. Den Architekten dieser Politik, vor allem dem Brandt-Vertrauten Egon Bahr, aber auch Helmut Schmidt, war klar, dass dies nur mit der in Westdeutschland heftig umstrittenen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und der damit einhergehenden Aufgabe der ehemaligen deutschen Siedlungsgebiete östlich dieser Grenze gelingen würde. Sie wollten anerkennen, was ist, und dafür arbeiten, dass sich etwas bewegt.

Seit die Regierung Konrad Adenauers die „Westbindung“ vollzogen und die junge Bundesrepublik in die westliche Staatengemeinschaft sowie in deren Verteidigungs- und Wirtschaftsbündnisse integriert hatte, war die Außenpolitik gegenüber den sozialistischen Staaten und der UdSSR vor allem durch die „Hallstein-Doktrin“ und den „Eisernen Vorhang“ geprägt. Mindestens mit Sanktionen, im äußersten Fall auch mit der Aufkündigung diplomatischer Beziehungen, mussten diejenigen Staaten rechnen, die die DDR anerkannten. Darüber hinaus ließen die nukleare Aufrüstung der beiden Supermächte USA und UdSSR, die Errichtung der „Berliner Mauer“ ab 1961 und zuletzt der Einmarsch von Soldaten des „Warschauer Pakts“ in Prag im Jahr 1968 das Ost-West-Beziehungsgeflecht stark abkühlen.

Mit einer Politik unter der Losung „Wandel durch Annäherung“ (Egon Bahr) wollte und konnte die Regierung Brandt Bewegung in dieses starre Geflecht bringen. Eine gegenseitige Gewaltverzichtserklärung zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR, der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR), der DDR und Polen, die sogenannten Ostverträge, sowie eine spürbare Entspannung in den deutsch-deutschen Beziehungen waren die Folge – jedoch ohne diplomatische Anerkennung der DDR und mit dem weiterhin angestrebten Ziel der Wiedervereinigung Deutschlands. Für die einflussreichen konservativen Gruppen in der Bundesrepublik bedeutete diese Politik eine „Aufgabe der Ostgebiete“, die mit dem Schicksal von Tausenden sogenannter Vertriebener behaftet war und als Verrat von (west-)deutschen Interessen gebrandmarkt wurde. Ihr Missfallen gipfelte 1972 in einem von der CDU/CSU ausgehenden Misstrauensvotum gegen Willy Brandt.

Die Geste

Während sich in der westdeutschen Bevölkerung Ablehnung und Befürwortung der Geste die Waage hielten und die Presse Brandts Auftritt eher als Friedensangebot an Polen interpretierte, herrschte in den internationalen Medien schiere Begeisterung, die darin gipfelte, dass ihm ein Jahr später der Friedensnobelpreis verliehen wurde. In der Geste des Kniefalls verdichteten sich gleich mehrere Stränge der damaligen bundesrepublikanischen Außenpolitik. Sie verband die Anerkennung historischer Schuld und deren territoriale Folgen mit dem Wunsch nach Versöhnung und Annäherung. Somit entwickelte sie sich zu einem Symbol gleichsam einer „Erfolgsgeschichte“ wie auch einer „Belastungsgeschichte“ der Bundesrepublik (Axel Schildt). Deutlich hervorgehoben wurde sie als ein Symbol eines deutschen Wandels, einer moralischen Anerkennung und Läuterung.

Die polnische Regierung reagierte hingegen eher zurückhaltend. Die unterzeichneten Verträge sollten nicht das Produkt eines geläuterten Deutschlands, sondern dem politischen Geschick der sozialistischen Staaten zu verdanken sein. Für einige Mitglieder der Regierung kniete Brandt zudem vor dem falschen Denkmal. Er legte ihrer Meinung nach zu viel Wert auf die jüdischen Opfer. Für viele Juden war der Kniefall hingegen eine „große Genugtuung“ (Feliks Tych) und wurde gleichsam zu einem Symbol der Versöhnung gegenüber den jüdischen Opfern gesehen. Die zeitgenössischen Deutungen der Geste waren demnach höchst unterschiedlich.


Die bekannteste Aufnahme des „Kniefalls“ kommt ganz ohne Denkmal aus. Zu sehen ist links der Wachsoldat mit Waffe und im Zentrum Willy Brandt. Foto: Bundesregierung, Engelbert Reineke

Der Mythos

Unbestritten veränderte der Kniefall das Selbst- und Fremdbild der (west-)deutschen Gesellschaft nachhaltig. Bis das seinerzeit allgegenwärtige Foto des knienden Bundeskanzlers auch in Westdeutschland zu einer Ikone des Friedens und der Versöhnung wurde, sollte indes noch ein Jahrzehnt vergehen.

Angestoßen durch die US-amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ (1978) entwickelte sich in den 1980er-Jahren in (West-)Deutschland das, was wir heute „Erinnerungskultur“ nennen. Das Medienereignis löste eine gesamtgesellschaftliche Debatte über die nationalsozialistischen Verbrechen im Allgemeinen und über den Holocaust im Besonderen aus. Eine Folge dieser erinnerungskulturellen Zäsur war ein Wandel großer Teile der westdeutschen Gesellschaft in Bezug auf die NS-Vergangenheit.

Der „Kniefall von Warschau“ ist indes mehr als eine Ikone des Friedens. Er entwickelte sich von einem singulären Ereignis zu einem zeitgeschichtlichen Mythos. Dabei ist von dem alltäglich gebrauchten und übermäßig bemühtem Begriff des Mythos Abstand zu nehmen. Es handelt sich hier auch weder um einen negativen, noch um einen der Vernunft oder der Realität gegenübergestellten Begriff. Wie der Historiker Matthias Waechter herausgearbeitet hat, besteht die elementare Funktion des historischen Mythos in der „Integration menschlicher Gemeinschaften“.3 Er wirkt identitätsstiftend. 

Wer glaubt, eine moderne Gesellschaft bedürfe keiner solchen, identitätsstiftenden Erzählung oder könne gar auf Vorbilder verzichten, liegt falsch. Gerade vermeintlich rationale, argumentgeleitete Demokratien bedürfen Mythen, die sich gesellschaftlich verankern und die Bevölkerung an das demokratische Projekt glauben lassen. Der kniende Brandt symbolisiert einen historischen Prozess und reduziert gleichsam seine Komplexität. Er wurde zu einem Vorbild erklärt, der für das Kollektiv – anders als noch 1970 – eine identitätsbildende Wirkung entfaltete und sie auch heute, 50 Jahre später, noch immer hat. So wie sich die Regierungserklärung Brandts mit dem Leitmotiv „Mehr Demokratie wagen“ (1969) als Gründungsdokument einer neuen Ära lesen lässt, so lässt sich der Kniefall als deren Gründungsmythos interpretieren. Ein Staat, von dem kein Krieg mehr ausgehen sollte. Ein Staat, der sich seiner Vergangenheit bewusst ist, der versöhnen möchte und dessen übergeordnetes Ziel der Frieden ist.

Auch Helmut Schmidt war hiervon fest überzeugt. Nach der Unterzeichnung des Moskauer Vertrags schrieb er an Brandt: „[A]us meiner Sicht spricht alles dafür, das visavis Osten [sic] eine neue Ära begonnen hat.“4


Diese Perspektive zeigt die breiten Stufen und lässt die Größe des Denkmals erahnen. Im Mittelpunkt befinden sich Willy Brandt und der Trauerkranz. Foto: bpk/Hanns Hubmann


Quellen:

1. sueddeutsche.de | Bahr über Brandts Kniefall: "Plötzlich wurde es ganz still"
2.  Brandt, Willy: Erinnerungen, Frankfurt am Main 1989, S. 214.
3. Waechter, M.: Mythos, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.02.2010 http://docupedia.de/zg/waechter_mythos_v1_de_2010 DOI: http://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok.2.581.v1, letzter Zugriff: 03. Dezember 2020.
4. Brief von Helmut Schmidt an Willy Brandt vom 13. August 1970, abgedruckt in: Brandt, W./Schmidt, H.: Schmidt: Partner und Rivalen. Der Briefwechsel (1958–1992), herausgegeben und eingeleitet von Meik Woyke, Willy-Brandt-Dokumente, Band 3, Bonn 2015, S. 299ff.

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