„Das Wort hat der Herr Bundeskanzler“

Bildrechte: Westdeutscher Verlag

Autorin: Karin Ellermann, die Archivarin der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Bildrechte: Zapf

Eine Analyse der Großen Regierungserklärungen von Adenauer bis Schröder.

Karl-Rudolf Korte (Hg.), Westdeutscher Verlag, 2002

Die Autorengruppe um Korte befasst sich in diesem Band mit der Funktion der Großen Regierungserklärungen (Antrittsreden der Bundeskanzler) und deren Analyse.

Die Reden von Konrad Adenauer 1949, Ludwig Erhard 1963, Kurt Georg Kiesinger 1966, Willy Brandt 1969, Helmut Schmidt 1974, Helmut Kohl 1982 und Gerhard Schröder 1998 werden im Wortlaut der Stenographischen Berichte des Deutschen Bundestages wiedergegeben.

Für viele Leser mag der interessanteste Teil des Bandes in der Analyse der Regierungserklärungen liegen, die nach folgendem Raster verfährt:

  1. Zeitgeschichtliche Situation
  2. Entstehungsprozess der Rede und der Anteil des Kanzlers
  3. Standortbestimmung und Selbstverständnis
  4. Entscheidungspaket und Programmatik
  5. Konfliktpotenziale und Konfliktlinien in Koalition, Fraktion, Partei
  6. Die Rede als Führungsinstrument
  7. Die unmittelbare Resonanz

Aus dem Blickwinkel des Helmut Schmidt-Archivs beantwortet das Kapitel „Redenschreiben für den Bundeskanzler. Formulieren, Koordinieren und Beraten“ von Antje Schwarze und Antje Walther weitere spannende Fragen.

Die Schlussfolgerung der beiden Autorinnen, dass ein Bundeskanzler jährlich bis zu 250 Reden und Ansprachen halten muss und diese als Autor wohl kaum mehr selbst verfassen könnte, ohne sein Amt als solches aufgeben zu müssen, wird durch den Bestand im Helmut Schmidt-Archiv bestätigt. In der Kategorie „Eigene Arbeiten“ finden sich für das Jahr 1974 ca. 4000 Blatt für mehr als 100 Schriftstücke.

Die unter Punkt 3.1. besprochene  „Konzeptionsphase“, in der es heißt: „[…] sowie die Festlegung, welche ‚relevanten Experten‘ […]: Fachabteilungen, Wissenschaftler, politisch-kritische Freunde, Intellektuelle […]“ an den Vorentwürfen beteiligt werden, lässt sich ebenfalls durch die Überlieferung im Nachlass von Helmut Schmidt verfolgen. Dabei wird die ständige Rückkoppelung mit dem Bundeskanzler in allen Phasen der Entstehung der „Großen Regierungserklärung“ durch dessen eigenhändigen Korrekturen in den Manuskripten deutlich sichtbar.

Aus der genauen Charakteristik der „Organisation der Redenschreiber im Bundeskanzleramt“ durch Schwarz und Walther im Allgemeinen, lassen sich weitere interessante Fragen in Bezug auf die Arbeitsweise von Helmut Schmidt aufwerfen, der sämtliche Reden, Aufsätze, Ansprachen und Ausarbeitungen zu allen von ihm jemals bearbeiteten Themenkomplexen sorgfältig aufbewahrte.

Dies betrifft nicht nur den fertigen, veröffentlichten Text. Vom ersten Entwurf an, sei er eigenhändig geschrieben oder in die Maschine diktiert, über frühe Korrekturen, einer ersten Reinschrift, beziehungsweise einem zweiten Entwurf, erneuten Korrekturen, eventuell einer weiteren Reinschrift und schlussendlich bis hin zum fertigen Manuskript sind alle diese editionsphilologischen Textstufen überliefert. Darüber hinaus wurden Tonbandprotokolle der gesprochenen Reden transkribiert und stenographische Mitschriften überarbeitet. So kann bis heute jede einzelne Korrektur nachvollzogen werden.

Mehr noch, durch die z.T. vorhandene Überlieferung der Anschreiben zu den Texten treten einige Ghostwriter aus ihrer Anonymität heraus. Dadurch kann, beispielweise bei einer Edition, jede Textstufe und ihr Bearbeiter dargestellt und erläutert werden. Gleichzeitig lassen sich sämtliche Arbeitsspuren von Helmut Schmidt aus den Jahren von 1953 bis 2015 nachvollziehen.

In der Rückkopplung mit dem Nachlass können folgende Fragen aufgeworfen werden:

  • Wie unterscheiden sich in sprachlicher Form die frühen, noch eigenständig verfassten Texte Helmut Schmidts, von den späteren, die mit Hilfe von Ghostwritern ausformuliert wurden?
  • Ist ein eigener Sprachstil in den frühen Arbeiten auszumachen und worauf sind evtl. Veränderungen im Sprachstil des späten Helmut Schmidt zurückzuführen?
  • Gibt es eine sprachliche Rückkoppelung durch die Ghostwriter und können deren eigene Texte als Vergleichsproben herangezogen werden?
  • Greift Schmidt als Autor nach seiner aktiven politischen Karriere weiter auf Zuarbeiten von Dritten zurück?

Und schlussendlich:

  • Wieviel Schmidt steckt in einem Text der 1960er, der 1980er und der 2000er Jahre?

Sprache und Denken bilden eine Einheit. Mit den Großen Regierungserklärungen und der machtvollen Ansage: „Das Wort hat der Herr Bundeskanzler“ darf die Frage nach der geistigen Schöpferkraft der Person, die die parlamentarische Demokratie in einem der wichtigsten politischen Ämter der Bundesrepublik lenkt, gestellt werden.

Der vorliegende Band gibt dazu eine erste Antwort und der Nachlass von Helmut Schmidt bietet dazu einen einzigartigen Zugang.



Erst kürzlich feierte übrigens Thilo von Trotha, seines Zeichens Redenschreiber von Helmut Schmidt, seinen 80. Geburtstag.

„Helmut Schmidt habe sich beileibe nicht immer wortgetreu ans Manuskript gehalten“

Von Trotha soll es auch gewesen sein, dem das Motto „Mut zur Zukunft“ für die Regierungserklärung Helmut Schmidts vom 24. November 1980 eingefallen war. Mehr zur Entstehung dieser Rede in einem ZEIT-Artikel aus demselben Jahr:

„Keine Fackel nur Streichhölzer“

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