„Der 8. Mai 1945 brachte uns die Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“

Helmut Schmidt mit 21 Jahren als Luftwaffenleutnant der Reserve. Nach Abitur und Arbeitsdienst absolvierte Schmidt ab November 1937 einen zweijährigen Wehrdienst. Anschließend wollte er Architektur studieren. Mit dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 zerschlugen sich diese Pläne. In den Jahren 1941/1942 kämpfte Schmidt als Führer einer Flugabwehr-Batterie für sechs Monate in der Sowjetunion. Die längste Zeit des Krieges diente er an der sogenannten Heimatfront. Bildrechte: Helmut Schmidt-Archiv

Im November 1977 ist er der erste Bundeskanzler, der die KZ-Gedenkstätte im polnischen Auschwitz besucht, darum wird es in der ständigen Ausstellung, die die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung im November 2020 eröffnen wird, ausführlich gehen. Bildrechte: Chris Niedenthal

Helmut Schmidt Bundeskanzler (2.v.r.) bei einer Erklärung zum 30jährigen Jahrestag des Kriegsendes, vor einer Kabinettssitzung im Bundeskanzleramt (hinten l. Egon Bahr, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit; 3.v.l. Hans-Dietrich Genscher, Bundesminister des Auswärtigen. Bildrechte: BPA

Dr. Magnus Koch, der wissenschaftlicher Mitarbeiter und der Ausstellungskurator der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, ordnet die Rede, die Schmidt am 8. Mai 1975 zum 30. Jahrestag des Kriegsendes vor dem Bundeskabinett hielt, in den historischen Zusammenhang ein und erläutert, welche Schlüsse Schmidt aus diesem Kapitel der deutschen Geschichte zog. Bildrechte: Zapf

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Mit einem Gedenktag erinnern wir heute selbstverständlich an die Befreiung von Krieg und Nationalsozialismus.

Doch das war nicht immer so. Über Jahrzehnte tat sich die junge Bundesrepublik schwer mit der Einordnung der Ereignisse: Zunächst wollte man sich öffentlich nicht an das Kriegsende erinnern, später richtete sich Fokus vor allem auf den 8. Mai 1945 als Tag der Kapitulation und der Niederlage Deutschlands. Die wegweisende Rede, die Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 vor dem Bundestag hielt, markiert einen Wendepunkt in der historischen Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur. Doch bereits zehn Jahre zuvor finden sich bei Helmut Schmidt Gedanken, die einen Wandel in der Bewertung dieses wichtigen Datums andeuten.

Dr. Magnus Koch, Ausstellungskurator der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, ordnet die Rede, die Schmidt am 8. Mai 1975 zum 30. Jahrestag des Kriegsendes vor dem Bundeskabinett hielt, in den historischen Zusammenhang ein und erläutert, welche Schlüsse Schmidt aus diesem Kapitel der deutschen Geschichte zog.

Schmidt weist gleich zu Beginn seiner Rede auf das Leid hin, das die europäischen Nachbarn wie auch die Deutschen selbst durch den vom „Dritten Reich“ verschuldeten Krieg hätten erdulden müssen – einen Krieg, den er selbst als Offizier der Luftwaffe mitgekämpft hatte. Die Konsequenz daraus habe die Bundesrepublik gezogen: indem sie eine stabile Demokratie errichtet habe, „auf dem Fundament der freiheitlichsten Verfassung, die es je auf deutschem Boden gab“, mit dem Verzicht auf jede Gewalt sowie auf die Revision der Grenzen nach Kriegsende und mit der Absage an jegliche „deutsche Großmannssucht“ im Umgang mit den Nachbarländern. Diesen gegenüber äußert Schmidt seine Dankbarkeit, denn sie hätten der Bundesrepublik wieder auf die Beine geholfen. Und noch etwas ist bemerkenswert an Schmidts Rede: Er deutet den Tag der deutschen Kapitulation ausdrücklich als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus – eine Bewertung, die seine Vorgänger noch nicht hatten vornehmen wollen. Hier war meist noch die Niederlage Deutschlands betont worden.

Neben diesen neuen und die eigene, deutsche, Verantwortlichkeit benennenden Punkten finden sich jedoch auch andere Aspekte. Sie spiegeln Mitte der 1970er-Jahre den allgemeinen Stand der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen wider. So zitiert Schmidt den bekannten Historiker Friedrich Meinecke, der vom Nationalsozialismus als der „deutschen Katastrophe“ schrieb. Der Begriff lässt an eine Art Naturereignis denken. Auch Schmidts Rede von der „Hitler-Diktatur“ oder „Hitlers Niederlage“ beschwört, ganz im Geiste noch der 1950er- und 1960er-Jahre, das Bild einer kleinen Clique ideologischer Fanatiker herauf, die den Deutschen aufgezwungen wurde. Von Ursache und Verantwortung, von den vielen überzeugten Täter*innen, Gefolgsleuten, Nutznießer*innen und Mitläufer*innen ist hier nicht die Rede. Diese Deutung bestätigt Schmidt indirekt dadurch, dass er ausdrücklich die „Vielen“ erwähnt, die Widerstand geleistet hätten. Dass es sich dabei um eine kleine Minderheit gehandelt hatte, wird nicht deutlich – Angehörige seiner eigenen Partei, der SPD, waren darin allerdings stark vertreten, wie er mit berechtigtem Stolz vermerkt.

Schmidts Text reflektiert insgesamt ein auf den Staat fixiertes Bild der historischen Ereignisse und ihrer Deutung, er begibt sich kaum auf die Ebene des Handelns und der Verantwortung einzelner. Dieser Wandel der historischen Fragestellungen zum Nationalsozialismus setzte erst später in den 1980er-Jahren ein. Stattdessen lenkt Schmidt den Blick auf die Gegenwart und die Schlüsse, die die Bundesrepublik aus Krieg und Gewalt gezogen habe: Die Errichtung eines demokratischen Staats. Die Feinde der Demokratie – und diese stehen für Helmut Schmidt immer rechts und links – seien heute (1975) marginalisiert.

Noch ein letzter Punkt ist wichtig: Helmut Schmidt zählt am Anfang seiner Rede die europäischen Völker auf, die unter dem von Deutschland verursachten Krieg hätten leiden müssen. Am Ende des Textes spricht er dann (in dieser Reihenfolge) von den „Millionen Gefallenen und Opfern des SS-Staates“ in Deutschland und in vielen anderen Ländern Europas. Hier ist vielleicht ein erster Schritt zu jener feineren Ausdifferenzierung zu erkennen, die zehn Jahre später Richard von Weizsäckers Rede so bedeutend machen sollte. Der Bundespräsident nannte 1985 explizit auch einige bis dahin überhaupt nicht benannte sozial oder auch rassistisch definierte Opfergruppen des Nationalsozialismus wie z.B. Sinti und Roma, und von Weizsäcker beschäftigte sich mit der Frage, welche Mitverantwortung auch die „ganz normalen Deutschen“ treffe – etwa wenn er darüber reflektierte, was die Deutschen vom Holocaust hätten wissen können.

In diesem Punkt übrigens waren sich Schmidt und von Weizsäcker bis ins hohe Alter nicht einig. Denn für Schmidt war das Wissen um die ungeheuren Dimensionen der NS-Verbrechen auch eine Frage des sozialen Stands oder des intellektuellen Horizonts. Er selbst, so befand er, habe als einfacher Truppenoffizier nicht den Abstand und die entsprechende Einsicht haben können.

Für die Betrachtung des Umgangs Helmut Schmidts mit der nationalsozialistischen Vergangenheit sind abschließend zwei Punkte erwähnenswert: Im November 1977 ist er der erste Bundeskanzler, der die KZ-Gedenkstätte im polnischen Auschwitz besucht, darum wird es in der ständigen Ausstellung, die die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung im November 2020 eröffnen wird, ausführlich gehen. Zum Zweiten ist Schmidt der erste Regierungschef der Bundesrepublik, der sich 1978 in der Synagoge zu Köln über die Reichspogromnacht und die Verantwortung der Deutschen dazu äußert.

Als Kanzler und Staatsmann zog Schmidt die notwendigen Konsequenzen aus Krieg und Verbrechen. Er leitete daraus eine zentrale Verantwortung der Bundesrepublik für die Außen- und Sicherheitspolitik ab: Nur durch die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den europäischen Nachbarn und durch stabile transatlantische Beziehungen könne es Frieden in Europa geben.

Mehr zum Thema:

Um unsere Website für Sie optimal gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen hierzu erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Einverstanden