Der Genosse mit der Mitgliedsnummer 8/3137

Die neue Ausstellung zeigt auch die SPD-Mitgliedskarte von Helmut Schmidt vom 22. Mai 1946. Foto: BKHS/Michael Zapf

Auch als ganz alter Mann halte ich persönlich immer noch fest an den drei Grundwerten des legendären Godesberger Programms: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität.“ sagte Helmut Schmidt auf dem SPD-Bundesparteitag am 4. Dezember 2011. Foto: dpa/Michael Kappeler

Autor: Dr. Meik Woyke, Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Foto: BKHS/Zapf

Vor 75 Jahren trat Helmut Schmidt in die SPD ein

Erst vier Jahre nach dem Tod von Helmut Schmidt wurde sie in seinem Privatarchiv in Hamburg-Langenhorn gefunden: seine Mitgliedskarte, mit der er sich nach dem Zweiten Weltkrieg für die SPD entschieden hatte. Dort lag sie, unter einem Treppenabsatz in einem alten Pappkarton zusammen mit anderen persönlichen Dokumenten. Vier Seiten rotes, mittlerweile gealtertes Papier, dem neuen Mitglied für eine Aufnahmegebühr von einer Reichsmark übergeben, unterschrieben am 22. Mai 1946 von Carl Gehrmann, dem SPD-Kreisvorsitzenden von Harburg. Die Beitragsmarken hat Schmidt über Jahre hinweg lückenlos in seine Mitgliedskarte eingeklebt, doch sie ist viel mehr als nur ein sorgfältig gepflegter Parteibuch-Vorläufer: Hinter Schmidts Eintritt in die SPD steht eine politische Grundsatzentscheidung nach einem langen und auch schmerzhaften Reifeprozess.

Nach dem Kriegsende fühlte sich Schmidt von den Nationalsozialisten um seine Jugend betrogen und von deren verbrecherischer Führungsclique als Soldat der Deutschen Wehrmacht missbraucht. Seit April 1945 in britischer Kriegsgefangenschaft, hatte er viel Zeit zum Nachdenken. So meinte er, manche Parallelitäten zwischen der an der Front erfahrenen und von ihm hochgeschätzten soldatischen Kameradschaft und dem sozialistischen Prinzip der Solidarität unter Genossen und Genossinnen zu erkennen. Die mithilfe der Wehrmacht errichtete Gewaltherrschaft über den gesamten europäischen Kontinent, zu der er beigetragen hatte, veranlasste ihn nach 1945 nicht zu einer grundsätzlichen Ablehnung des Militärischen, sondern überzeugte ihn von der Notwendigkeit, dass jede Armee einer demokratischen Einbindung und Kontrolle bedürfe.

Erste Berührungspunkte mit der Sozialdemokratie

Im Kriegsgefangenenlager in der Nähe von Brügge traf Schmidt auf seinen 1893 geborenen Mitgefangenen Hans Bohnenkamp, um den sich ein kleiner Diskussionskreis gebildet hatte. Auch Vorträge fanden statt, etwa über die Deutschen als vom NS-Regime verführtes Volk oder über den Widerstand des 20. Juli 1944. Bohnenkamp, ein religiöser Sozialist und in beiden Weltkriegen hochdekorierter Offizier, war nach Jahren als Lehrer von 1930 bis 1939 an verschiedenen Hochschulen als Professor für Pädagogik und Philosophie tätig gewesen, hatte es also geschafft, diese Position über die nationalsozialistische Machtübernahme hinaus zu bekleiden. Überdies war er 1933 der SA und 1937 der NSDAP beigetreten. Dennoch oder gerade deshalb gelang es ihm nach dem Bankrott des Nationalsozialismus und der totalen deutschen Niederlage, Schmidt mit seinem Wertesystem und seinen Anschauungen zu beeindrucken. Er führte den 25 Jahre jüngeren Lagerkameraden in die Gedankenwelt der Arbeiterbewegung ein. Auf seine Initiative begann Schmidt, dem sich ein neuer geistiger Horizont eröffnete und der das vermittelte Wissen begierig aufsaugte, sich intensiver mit den Bedingungen und dem gesellschaftlichen Wert von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Sozialismus auseinanderzusetzen.

Auf diese von Bohnenkamp angestoßenen Lernprozesse ging Schmidt bei seiner Abschiedsrede vor dem Bundestag im September 1986 ein, wobei er seinen Mentor namentlich erwähnte. In ungewohnter Offenheit sprach Schmidt über seine Emotionen und psychischen Nöte während seiner Soldatenzeit, die er als eine Generationserfahrung darstellte. Es sei ein schizophrener Zustand gewesen, tagsüber an der Front für eine Diktatur zu kämpfen, deren Zusammenbruch man sich nachts trotz allem Pflichtgefühl herbeiwünschte.

Ein Vordenker mit Ecken und Kanten

Als Schmidt sich aus dem Parlament zurückzog, lagen 40 Jahre intensives Engagement als Sozialdemokrat hinter ihm, von 1968 bis 1984 als stellvertretender Parteivorsitzender, stets unterstützt von den „Kanalarbeitern“, der einflussreichen konservativen und gewerkschaftsnahen SPD-Gruppierung. Der Genosse mit der Mitgliedsnummer 8/3137 war ein Vordenker mit Ecken und Kanten, der seine Meinung sagte und sie politisch durchzusetzen versuchte. Doch auch die SPD machte es ihm nicht leicht. Gerade als Minister und Bundeskanzler während der sozial-liberalen Koalition litt Schmidt unter den Flügelkämpfen in seiner Partei und den neomarxistisch inspirierten Jusos. Die Sozialdemokratie habe – so warnte er – verbindliche Grundwerte und lebe von gemeinsamen Überzeugungen. Keinesfalls dürfe man die SPD zu einem Dachverband ohne klares Profil verkommen lassen.


Wer nicht warten möchte, bis die Ausstellung „Schmidt! Demokratie leben“ vor Ort zu besichtigen ist, hat zwei Mal wöchentlich die Gelegenheit für einen digitalen Besuch:
Mittwochs um 18 Uhr sowie sonntags um 15 Uhr.
Die 60-minütige Ausstellungsführung ist kostenfrei.

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