„Der Sport braucht den Frieden…“

US-Präsident Jimmy Carter und Helmut Schmidt bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Washington im März 1980. Foto: picture-alliance/dpa/Martin Athenstädt

Vom Boykott der Olympischen Spiele 1980

Heute, am 23. Juli, beginnen die 32. Olympischen Spiele in Tokio. Nach der Corona-bedingten Absage im letzten Jahr finden die Wettkämpfe in diesem Sommer statt, allerdings ohne Publikum und damit abermals unter den besonderen Bedingungen einer weltweiten Pandemie. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass die Olympischen Spiele zum globalen Politikum wurden.

Im Sommer 1980 fanden die Olympischen Spiele in Moskau statt. Erstmals hatte ein kommunistisches Land den Wettbewerb um die Ausrichtung des Weltsport-Ereignisses gewonnen. Doch nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan 1979 forderte US-Präsident Jimmy Carter Bundeskanzler Helmut Schmidt und andere Regierungschefs zum gemeinsamen Boykott der Spiele auf – in der Bundesrepublik Deutschland entbrannte ein Streit zwischen Funktionär*innen und Sportler*innen. 

Ohne jede Frage: Sport ist politisch. Doch mit der Eskalation in Afghanistan wurden die Olympischen Spiele mehr denn je zum Spielball globaler Machtinteressen. In seiner Regierungserklärung erinnerte Helmut Schmidt an die Anfänge der Olympischen Idee: Diese seien untrennbar mit dem Frieden der Völker verbunden. Es brauche daher eine gemeinsame westliche Antwort auf die sowjetische Expansion.

Obwohl die Bundesregierung eine Entscheidung, getreu ihrer Entspannungspolitik unter dem Leitbild „Wandel durch Annäherung“, lange Zeit aufschob, sprach sie sich letztlich doch für den Boykott aus und empfahl dem Nationalen Olympiakomitee offiziell die „Nichtteilnahme der deutschen Sportler an den Olympischen Spielen in Moskau“. Schmidt war der Auffassung, „der Sport braucht den Frieden“ und könne daher nicht isoliert vom Weltgeschehen betrachtet werden. 

Rund acht Wochen vor der Eröffnungszeremonie stimmte das Komitee der Regierungsempfehlung zu und verzichtete auf die Teilnahme der bundesrepublikanischen Olympionik*innen. Es war ein harter Schlag für die Sportlerinnen und Sportler, die bis zum Schluss auf ihre Wettkampfteilnahme hofften. Viele von ihnen fühlten sich um den Lohn ihres harten Trainings betrogen. 

Am Ende blieb die erhoffte Signalwirkung des Boykotts aus. Der Einmarsch der sowjetischen Truppen wurde ungehindert fortgesetzt, während sich die Bundesregierung bemühte, das „politische Tauwetter“ nicht weiter zu gefährden. Drei Wochen vor Eröffnung der Spiele reiste Schmidt nach Moskau, wo er mit der sowjetischen Führung neue Handels- und Wirtschaftsbeziehungen vereinbarte. 

2008 gestand Helmut Schmidt in einem Interview (ab Minute 34:13), dass auch er gegen den Boykott der Olympischen Spiele gewesen sei, aber letzten Endes den Amerikanern nachgegeben habe. Ihm täte es leid, so Schmidt, aber unter den damaligen Umständen des Kalten Kriegs sei es geboten gewesen.

Auf die Frage, was er den jungen Olympioniken heute rät, antwortet Helmut Schmidt ruhig: „Sie sollen ihrem Sport nachgehen. Die haben nicht Politik zu treiben!“

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