„Die Stimme dieses Staatsmannes wird in der Welt gehört“

Seinen Einstand als Mitherausgeber der Zeit feierte Altbundeskanzler Helmut Schmidt am 5. Mai 1983 im Hamburger Pressehaus. Auf seinen neuen Job stieß er mit Verlagsleiterin Hilde von Lang (links), Verleger Gerd Bucerius (Mitte) und Chefredakteur Theo Sommer (daneben rechts) an. Foto: dpa/Chris Pohlert 

Die Nullnummer der Zeit (Foto), die selbst im Hamburger Pressehaus am Speersort nicht mehr aufzufinden war, ist jetzt im privaten Nachlass von Helmut Schmidt in Langenhorn aufgetaucht. Foto: Die Zeit/Tomas Engel 

Die Titelseite der Nullnummer der Zeit im Archivschrank. Foto: Die Zeit/Tomas Engel

Axel Schuster, Archivar der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Foto: BKHS/Zapf

Wie die Nullnummer der Zeit im Helmut Schmidt-Archiv entdeckt wurde und warum der ehemalige Bundeskanzler Herausgeber wurde

Am 25. Februar gratulierten wir der Zeit zu ihrem 75. Geburtstag mit einem spektakulären Fund: der Nummer Null vom 15. September 1945. Warum fand sich diese achtseitige Probeausgabe im Nachlass des Altbundeskanzlers? Wie kam sie dorthin? Nach seiner Bonner Karriere als Politiker führen die Spuren zurück nach Hamburg und in das Pressehaus am Speersort. Dort sorgte der Zeit-Verleger Gerd Bucerius am 26. März 1983 mit einer Pressemitteilung für eine Überraschung: Er verkündete, dass Helmut Schmidt künftig als Herausgeber und Publizist für die Zeit tätig sein werde.

Schmidt lernt die Zeit schätzen

Nach Bucerius´ Erinnerungen lernten sich die beiden Bundestagsabgeordneten Gerd Bucerius (1949-1962 für die CDU) und Helmut Schmidt (ab 1953 für die SPD) in den 1950er-Jahren auf Zugfahrten nach Bonn im Speisewagen kennen. Welche Anregungen Schmidt auf diesen Fahrten, seit 1957 war Bucerius alleiniger Verleger der Zeit, aufnahm oder ihn weiter beschäftigten, ist nicht überliefert. Gleichwohl gratulierte der damalige Bundeskanzler dem Verleger zum 30. Geburtstag der Zeit am 27. Februar 1976 und bezeichnete sich damals als einen der vielen Zeit-Leser von der ersten Nummer an. „Sie haben als Verleger und als homo politicus das Blatt durch viele Fährnisse bugsiert… Seit ihrer ersten Ausgabe hat die Zeit Kontinuität bewahrt, um ein wichtiges Wort im passenden Zusammenhang zu gebrauchen. Das gilt für die Liberalität des Blattes so gut wie für das Niveau der Autoren. Vor der großen journalistischen und verlegerischen Leistung zollt Respekt und wünscht Erfolg für das nächste Jahrzehnt. Ihr Helmut Schmidt.“ Damals ahnte Schmidt nicht, dass er ein Jahrzehnt später selbst Herausgeber und Autor der Zeit würde: 1986 bezeichnete sich Schmidt in einem kollegialen Geburtstagsbrief „als Leser unserer Zeitung über fast alle vierzig Jahre“. Auch die jahrzehntelange Verbindung zu Marion Gräfin Dönhoff, Chefredakteurin und spätere Herausgeberin, brachte viele Berührungspunkte. Zudem konnte Schmidt zwei Journalisten des Blatts für die politische Arbeit nach Bonn locken: Theo Sommer leitete den Planungsstab unter Bundesverteidigungsminister Schmidt und Kurt Becker arbeitete von 1980 bis 1982 als Regierungssprecher und Chef des Bundespresseamts. 

Verleger Bucerius stellt ein

Durch die politischen Herausforderungen wurde Bundeskanzler Schmidt ab 1981 zusehends ins parteipolitische Abseits gedrängt. Das blieb dem Verleger der Zeit nicht verborgen und so wurde Bucerius noch 1982 aktiv, als es darum ging, Helmut Schmidt einen neuen Job anzubieten. Manchem Zeit-Leser wird es am 1. April 1983 beim Blick auf die Seite 1 die Sprache verschlagen haben, denn dort schrieb Bucerius: „Nun ist mir nie zweifelhaft gewesen, dass diesem Mann von außergewöhnlichen Gaben und großer Leistung für die Bundesrepublik eine Plattform zu geben sei, von der er seine Meinung und seine Ratschläge unbeschwert sagen kann. Die Stimme dieses Staatsmannes wird in der Welt gehört. Über meinen Freund (und Mitglied des Kuratoriums der Zeit-Stiftung) Karl Klasen habe ich deshalb Helmut Schmidt gefragt, ob er bereit sei, neben Marion Gräfin Dönhoff Mitherausgeber der Zeit zu werden. Schmidt hat zugesagt. Helmut Schmidt ist ab 1. Mai Mitherausgeber der Zeit. Das werden auch die Zeit-Leser begrüßen, die in wichtigen Fragen anderer Meinung als Schmidt sind und etwa – wie ich – am 6. März Kohl und nicht Vogel als Kanzler wollten. Die Zeit hat kritische Leser. Sie verlangen, dass das Blatt ihnen die Kontroverse unvoreingenommen in der bestmöglichen Form vorträgt.“ 

Leser-Reaktionen von „Aprilscherz“ bis „fabelhaft“

Im ersten Quartal 1983 überstieg die Auflage erstmals 400.000 verkaufte Exemplare, gute Startbedingungen für die prominente Verstärkung. Von den 61 wohlwollenden und 138 negativen Leser-Reaktionen ließ sich Bucerius nicht wirklich beeindrucken, sie reichten von „das ist wohl ein Aprilscherz“ bis „fabelhaft“. Der Verleger erhoffte sich mit seinem Coup eine langfristig steigende Auflage, wenn der ehemalige Bundeskanzler in seiner Zeitung schreibt. Der Anstellungsbrief vom 25. April 1983 bemerkte dazu: „Die Redaktion wäre dankbar für monatlich je einen längeren und einen kürzeren Artikel (Glosse)“. Die Erwartung besagte schwarz auf weiß: Schmidt sollte Texte liefern.

Nach dem ersten halben Jahr feierte Schmidt seinen 65. Geburtstag. Was schenkt man einem neuen Kollegen und Bundeskanzler a.D.? Es wurde eine frühe Barlach-Zeichnung von Marion Gräfin Dönhoff, Hilde von Lang, Theo Sommer und Gerd Bucerius mit den Zeilen überreicht: „Das wäre denn also der Beitrag der Zeit zum 65. Geburtstag eines Mannes, dem über die Wertschätzung hinaus unsere persönliche Zuneigung gilt. Wir – die Redaktion – sind wohl nicht immer Ihrer Meinung; aber jeder weiß, was Sie für uns alle getan haben. Was wir nicht vergessen werden.“ Schmidt dankte mit einem Brief aus Langenhorn: „Zugleich darf ich Ihnen sagen, dass mir die Arbeit für die Zeit Spaß macht; in den kommenden Jahren will ich mich in zunehmender Weise für die gemeinsame Aufgabe engagieren.“ Man blieb die folgende Zeit beim Sie – und Schmidt hielt sein Versprechen.

Herausgeber und Autor Helmut Schmidt

Er schrieb in den kommenden mehr als 30 Jahren zahlreiche Artikel für das Blatt. Seine geistreichen und weitblickenden Analysen des Zeitgeschehens umfassten unter anderem Sicherheits- und Bündnisfragen, Weltökonomie, die aufstrebende Macht China. Die Auflage stieg in den 1980er-Jahren bis auf ca. 500.000, fiel in den Neunzigern. Bucerius und Schmidt waren noch zwölf gemeinsame Jahre bei der Zeit, schrieben sich etliche Hausmitteilungen, auch kontrovers wie diese von 1987: „Lieber Herr Schmidt, Ihre Ansicht: Die Zeit darf nicht zur Volkshochschule werden – das hat mir einen Stich gegeben. Weil ich es so ganz anders gesehen habe und sehe.“

Schmidts Aufgabe als Herausgeber lag darin, Verlag und Redaktion in allen das Blatt betreffenden, vor allem den kaufmännisch-geschäftlichen Fragen zu beraten. Maßgeblich war er, auch als Kuratoriumsmitglied der Zeit-Stiftung, an den Diskussionen um die Zukunftssicherung der Zeit und des Verlags beteiligt. Nach Bucerius´ Tod 1995 erfolgte ein Jahr später der Verkauf an die Holtzbrinck Verlagsgruppe. Helmut Schmidt blieb der Zeit als Herausgeber und Autor über 32 Jahre bis zu seinem Tod 2015 treu.

Mit 550.000 Exemplaren erfolgreicher denn je

Damit kommen wir zur Ausgangsfrage zurück. Warum befand sich die Nullnummer der Zeit in einem unscheinbaren Ablagestapel, gefaltet in einer Klarsichthülle und ohne irgendeinen Hinweis? Es lässt sich nur vermuten: weil Schmidt sich der Zeit lang und eng verbunden fühlte. Er kam zum Blatt als einer ihrer letzten Protagonisten nach Bucerius, Dönhoff, Sommer, von Lang und blieb bis zu seinem Lebensende.

Es ist nicht bekannt, ob Helmut Schmidt wahrnahm, wie die Zeit am 21. Februar 1946 mit 25.000 Exemplaren das Laufen lernte. Sie musste viele Krisen meistern, bereitete oft Kummer, kostete Verleger Bucerius viel Geld und wurde doch noch ein großer Erfolg. Heute im 75. Jahr ihres Bestehens steht die Wochenzeitung mit mehr als 550.000 Exemplaren erfolgreicher denn je da – und das ohne Bucerius, Gräfin Dönhoff (bis 2002) und Helmut Schmidt. Die Zeit ist erwachsen geworden.

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