Ein furchtloser Helmut Schmidt beim Evangelischen Kirchentag 1981

Helmut Schmidt in der ZDF-Sendung "Christen befragen Bundeskanzler Helmut Schmidt" in der Trinitatiskirche in Hamburg-Altona anlässlich des 19. Deutschen Evangelischen Kirchentages am 18. Juni 1981. 
Foto: Bundesregierung/Engelbert Reineke

Helmut Schmidt bei seiner Rede "Wie christlich kann Politik sein?".
Foto: Bundesregierung/Engelbert Reineke

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Autor: Arnim Joop

Lebhafte Diskussionen auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung – Ein persönlicher Rückblick von Arnim Joop

Im Juni 1981 fand in Hamburg der 19. Evangelische Kirchentag statt. Dieser Kirchentag war auch ein politisches Ereignis, geprägt von der Nachrüstungsdebatte. Er wurde zu einem ersten Kulminationspunkt der Friedensbewegung, während die Verhandlungen in Genf stockten. Mit knapp 118.000 Teilnehmer*innen wurde das Protestantentreffen, das in den siebziger Jahren kriselte, in Hamburg zu der Großveranstaltung, die es seitdem ist. Das Publikum dieses Kirchentages war sehr jung, mehrheitlich zwischen 15 und 25 Jahren.

Ich war damals bereits 30 Jahre alt und studierte an der Universität Hamburg Germanistik und Politikwissenschaft mit dem Ziel Journalist zu werden. Ich habe nicht am Kirchentag teilgenommen, weil ich bereits nach meinem Abitur aus der evangelischen Kirche ausgetreten war, aber ich war dabei als sich der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und der Hamburger Landesbischof Hans-Otto Wölber am 18. Juni in der Altonaer Trinitatiskirche in einem Podiumsgespräch den Fragen besorgter Bürger stellten. Die Veranstaltung mit dem Thema „Wie christlich kann Politik sein?” wurde live vom ZDF übertragen, und ich gehörte als „Kabelaffe“ zum Kamerateams des Fernsehens.

Das Publikum bestand aus 400 ausgewählten Personen, und ein Jugendlicher konfrontierte Schmidt mit dem Satz: „Ich habe Angst vor Ihrer Politik!“ Schmidt argumentierte als verantwortungsethisch abwägender Staatsmann und beantwortete Angstbekenntnisse aus dem Publikum, indem er von seiner eigenen Angst als Wehrmachtssoldat erzählte. Aus diesen biographischen Berichten leitete er die Konsequenz ab, dass vom deutschen Boden nie wieder Krieg ausgehen dürfe.

Während der Veranstaltung gab es vor der Kirche eine Demonstration von Rüstungsgegnern und die kirchlichen Organisatoren hatten einen „Notausgang” für den Bundeskanzler vorbereitet für den Fall, dass es während der Live-Übertragung Störungen geben sollte. Aber dazu ist es nicht gekommen.

Das Motto des Kirchentages war „Fürchte dich nicht”, was gut zu Schmidt passte, denn er war ein Politiker, der sich nicht fürchtete. Das hat er bereits 1962 bewiesen als er Innensenator in Hamburg war und als Krisenmanager bei der Sturmflut an der deutschen Nordseeküste den Großeinsatz von Rettungskräften unbürokratisch und energisch koordinierte und damit wahrscheinlich hunderte von Menschenleben gerettet hat.

Und er hat seine Furchtlosigkeit auch bewiesen als die Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) im sogenannten „Deutschen Herbst” 1977 den deutschen Wirtschaftsführer Hanns Martin Schleyer kidnappten und ermordeten und ein Lufthansa-Flugzeug entführten. Schmidt hat zu Zeiten des RAF-Terrors mit seiner Frau Loki die Abmachung getroffen, dass, sollte einer von ihnen entführt werden, der andere keine Forderungen der Kidnapper erfüllen würde.

Ich habe Schmidt 1981 kritisch gesehen, weil ich gegen seine Rüstungspolitik war, aber als der erzkonservative Politiker Franz Josef Strauß bei der Bundestagswahl 1980 gegen ihn kandidierte, habe ich in Hamburg an einer Demonstration gegen Strauß teilgenommen. Und ich war froh, dass Schmidt im Oktober 1980 wiedergewählt wurde, und ich war traurig als die von ihm geführte sozialliberale Regierungskoalition zwei Jahre später zerbrach.

Nach meiner Auswanderung nach Kanada im Jahr 1989 habe ich mich zu einem großen Fan von Helmut Schmidt entwickelt, der nach seiner Kanzlerschaft als „Elder Statesman“ parteiübergreifend hohe Popularität erlangte und von 1983 bis zu seinem Tod im November 2015 Mitherausgeber der Wochenzeitung Die Zeit war. Er hat nicht nur viele intelligente Artikel für Die Zeit geschrieben, sondern auch mehr als 40 Bücher veröffentlicht, die ich alle besitze und mit großem Interesse gelesen habe. Besonders beeindruckt haben mich seine Beiträge zum Verhältnis von Religion und Politik, weil diese Frage auch 40 Jahre nach dem Kirchentag in Hamburg immer noch hockaktuell ist.

Im Mai 1998 hatte ich bei einem Besuch in Hamburg die Gelegenheit, Schmidt eine Stunde lang in seinem Büro bei der Zeit für meine deutsch-kanadische Zeitung zu interviewen. Es war faszinierend für mich diesen prominenten deutschen Politiker, den ich so oft im Fernsehen gesehen hatte, nun persönlich zu treffen. Schmidt begrüßte mich mit einem kräftigen Handschlag, war gut vorbereitet und hat in der einen Stunde wahrscheinlich eine ganze Packung Zigaretten geraucht!

Ich habe ihn unter anderem gefragt, welche Rolle China in Zukunft spielen würde, und er sagte voraus, dass in 30 Jahren (also im Jahr 2028) die chinesische Währung neben dem US-Dollar und neben dem Euro eine der drei Weltwährungen sein würde, wichtiger als der japanische Yen. Und als ich ihn gefragt habe was seine größte Leistung als Bundeskanzler war und was sein größter Fehler war, wollte er nur die zweite Frage beantworten und meinte, dass er ein Jahr früher hätte aufhören sollen.

Als ich mich nach dem Interview bei Schmidt bedankt habe und verabschieden wollte, übernahm er kurz die Rolle des Interviewers und stellte mir ein paar Fragen über Kanada. Er war gut informiert und erkundigte sich u.a. nach der Wirtschaftslage in unserer Provinz Alberta, die umfangreiche Ölvorkommen besitzt.

Seitdem die Welt von dem Corona-Virus beherrscht wird, habe ich mich oft gefragt wie Helmut Schmidt mit dieser Krise umgegangen wäre, wenn er noch Bundeskanzler wäre. Ich bin davon überzeugt, dass er als Regierungschef nicht so viel Zeit mit Reden und Diskussionen verschwendet hätte, und er hätte bestimmt mehr auf die Wissenschaftler und Forscher gehört, die Experten auf dem Gebiet der Pandemiebekämpfung sind.

Ich meine: Die Welt braucht mehr furchtlose Politiker wie Helmut Schmidt!


Zum Autor: Arnim Joop ist ein deutsch-kanadischer Journalist, der an der Universität Hamburg Germanistik und Politikwissenschaft studiert hat, 1989 nach Kanada ausgewandert ist und dort seit 1995 die deutschsprachige Zeitung Albertaner herausgibt.

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