Es war ein Rekord: Mit dem Opel quer durch Osteuropa

Sven Simon schoss das Foto während einer Pause auf der Landstraße. „Erdbeersaft noch aus Warschau" schrieb Loki Schmidt unter das Bild ins Fotoalbum. Foto: Sven Simon

Der detaillierte Reiseplan mit handschriftlichen Notizen. Foto: HSA

Helmut Schmidt auf dem Dortmunder Parteitag 1966. Foto: J. H. Darchinger

Zwischen Polen und Russland wurden nicht nur die Straßen schlechter, sondern auch das Benzin knapp. Schmidt führte daher eine Liste über Kilometer und Verbrauch. Foto: HSA

Autorin: Franziska Zollweg ist wissenschaftliche Assistentin im Helmut Schmidt-Archiv.
Foto: BKHS/Zapf

Helmut Schmidt übernahm das Steuer bei seiner diplomatischen Mission

Ein Opel Rekord, fünf Reisende, vier Länder und 5000 Kilometer − vor 55 Jahren fuhren Helmut und Hannelore „Loki“ Schmidt zusammen mit Tochter Susanne, dem Fotografen Sven Simon und Wolfgang Schulz, dem für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, vier Wochen lang mit ihrem privaten Auto durch Osteuropa. Auf die Frage, welches Motiv diese ungewöhnliche Reise habe, antwortete Schmidt lapidar: „Touristische und politische Neugierde!“

Entscheidung auf dem Dortmunder Parteitag 

Schon seit geraumer Zeit wurde im SPD-Parteivorstand eine neue Ostpolitik diskutiert, die eine Annäherung an die sozialistischen Länder zum Ziel haben sollte. Diese Position vertrat auch Helmut Schmidt, der damals schon zum Führungsstab gehörte und als Nachfolger des Fraktionsvorsitzenden Fritz Erler im Gespräch war. Wohl auch deswegen wurde ihm auf dem Dortmunder Parteitag im Juni das Referat zur Außen- und Sicherheitspolitik übertragen. Schmidt plädierte unter dem Leitgedanken „Abbau von Furcht vor Deutschland“ für einen Dialog mit den osteuropäischen Nachbarn. Während die Mehrheit mit seinen ostpolitischen Vorstellungen einverstanden war, profilierte er sich als neuer „Wehrexperte“.

Mit der Zustimmung der Parteiführung konkretisierte Schmidt in den nachfolgenden Wochen seine Idee einer Osteuropareise: Am 13. Juli fuhr er mit seinem Opel Rekord von Hamburg über Nürnberg nach Prag, Breslau, Warschau, Minsk, Smolensk, Moskau, Nowgorod, Leningrad und Helsinki. Von dort ging es am 8. August mit dem Schiff zurück nach Deutschland. Er bereiste die wichtigsten sozialistischen Länder mit dem Ziel, das Vorhaben einer aktiveren Ostpolitik im Gespräch mit Repräsentanten vor Ort auszuloten und die Menschen hinter dem „Eisernen Vorhang“ kennenzulernen. 

Kein Interesse an der Wiedervereinigung Deutschlands

Mit Unterstützung durch die Senatskanzlei Berlin beschafften Schmidts Mitarbeiterinnen die notwendigen Visa und Hotelreservierungen. Es gestaltete sich jedoch schwierig, Termine mit offiziellen Gesprächspartnern zu vereinbaren. Die DDR hatte ihre Bündnispartner aufgefordert, keine diplomatischen Beziehungen zu Westdeutschland aufzunehmen. Zudem war der aufstrebende Hamburger in Osteuropa ohnehin weitgehend unbekannt.

Hinzu kam der Druck vonseiten der SPD: Nur wenige Wochen vor der Abreise warnte Erhard Eckert, Chef des Sozialdemokratischen Pressedienstes, vor „einer prominenten Dreier-Gruppe“ der CDU/CSU-Fraktionsführung, die sich mit „hochgestellten Persönlichkeiten der CSSR-Politik“ besprechen wolle. Er schlage unter diesen Umständen vor, den Status der Gesprächspartner Schmidts noch einmal anzupassen. 

In den vier Wochen in Osteuropa traf Helmut Schmidt mehr als 20 politische Vertreter und Repräsentanten des Sozialismus. Die ersten Gespräche führte er in Prag, wo er unter anderem mit Otto Klicka, stellvertretender Außenminister, und František Kriegel, Vorsitzender des auswärtigen Parlamentsausschusses, sprach. Der Wunsch nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen sei deutlich, vermerkt Schmidt als Gesprächsergebnis. Das schönste Erlebnis für ihn aber war eine zufällige Begegnung. Eine Gruppe von Bauarbeitern machte in einer überfüllten Kneipe den Schmidts an ihrem Tisch Platz und schon bald sprach man offen über den Verdienst westdeutscher Bauarbeiter und darüber, was ein Volkswagen kostete.

Am 20. Juli überquerte die kleine Reisetruppe die Grenze nach Polen. Die Einreise gestaltete sich überaus langwierig, das Gepäck wurde genauestens kontrolliert. Die Atmosphäre der wenigen politischen Gespräche war höflich, aber kühl. Während polnische Vertreter kaum Gesprächsbereitschaft gegenüber Schmidt zeigten, kam es im Nachgang zu einem Affront: Ein von polnischer Seite verfasster Vermerk beinhaltete verfälschte Aussagen. So wurde Schmidt unterstellt, kein Interesse an weiteren Gesprächen gezeigt zu haben. Dieser wies den Vorwurf entschieden zurück und vermutete, dass die Intrige dazu dienen sollte, weitere Treffen zu verhindern. 

Neben den politischen Terminen blieb ausreichend Zeit für Land und Leute. Besonders überrascht waren die fünf Reisenden von den in Polen teuer gehandelten Katalogen westdeutscher Versandhäuser. Grund dafür war, dass die Menschen sich darin über den Stand westlicher Technik und Mode informierten. „Für manche Jugendliche leben wir im großen Paradies, wo jeder Kaugummi hat und blue jeans und Transistor-Kofferradio“, fasste Schmidt die skurrile Situation in seinem Reisebericht zusammen. 

Nach vier Tagen ging es weiter nach Moskau. Bei Brest überquerten sie die Landesgrenze und kämpften mit dem bürokratischen Aufwand. So musste bei Einreise auf einer Karte vermerkt werden, wohin genau die Route führen sollte − Abweichungen waren verboten. Aus Schmidts Aufzeichnungen geht hervor, dass er als vorausschauender und sparsamer Mensch die Kilometer und das benötigte Benzin handschriftlich berechnete. Was er nicht bedacht habe, so Schmidt, dass der notwendige Treibstoff in Moskau nur an zwei Tankstellen verfügbar war. Die eine war ausverkauft und die andere lag 20 Kilometer außerhalb des Stadtkerns. Die Suche nach Benzin wurde zum Abenteuer, resümierte Schmidt.

In Moskau endlich angekommen, wusste man noch nicht, ob auch hier jemand mit Schmidt sprechen würde. Nach mehreren Tagen konnte er sich immerhin mit dem stellvertretenden Außenminister Wladimir Semjonowitsch Semjonow und den „Prawda“-Chefredakteur Michail Wassiljewitsch Simjanin austauschen. Schmidt erfuhr nun aus erster Hand, dass die Führung der Sowjetunion kein Interesse an der Wiedervereinigung Deutschlands hatte, man sich aber eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik vorstellen könne. Es war dennoch ein großer Erfolg für den Sozialdemokraten, der 1941/42 als Wehrmachtsoffizier an der Ostfront zwischen Smolensk und Moskau gekämpft hatte und dem das Land als Kriegsschauplatz in Erinnerung geblieben war. Nun konnte Schmidt zur demokratischen Beziehung beider Länder beitragen.

Ein Wegbegleiter der „Neuen Ostpolitik“

Mit den gesammelten Erkenntnissen fuhren die Schmidts und ihre Begleiter über Leningrad nach Helsinki und schließlich zurück nach Hamburg. Helmut Schmidt knüpfte wichtige Kontakte und erhielt Einblicke, die er Zeit seines Lebens in politische Überlegungen einfließen ließ. Nach seiner Rückkehr teilte er dem Parteivorstand umgehend mit, dass die gewonnenen Eindrücke mit den Ideen vom Parteitag übereinstimmten und übermittelte zugleich seine Empfehlungen. Helmut Schmidts Engagement und Erkenntnisgewinn beeinflusste in nennenswertem Maße die gerade aufblühende „Neue Ostpolitik“.

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