Europas vergessener Anteil an der deutschen Einheit 1990

Als Tag der Währungsumstellung ging der 1. Juli 1990 in die Geschichtsbücher ein. Auch vor der Genossenschaftskasse in Gera fanden sich viele Menschen ein, um sich einen Vorabbetrag in D-Mark von ihrem Konto zu holen. Foto: BArch, Bild 183-1990-0706-400 / Kasper, Jan Peter

Die Europäische Union bietet in den neuen Bundesländern kaum noch Grund zum Jubeln. Dass Ostdeutschland dem europäischen Projekt ohne große große Debatte und kritische Auseinandersetzung beitrat, hat Spuren hinterlassen. Die Zustimmungsrate liegt dort mittlerweile deutlich unter jener in den alten Bundesländern. Foto: gpointstudio

Autor: Prof. Dr. Kiran Klaus Patel ist der erste Scholar-in-Residence der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung und des Europa-Kollegs Hamburg. Er hat den Lehrstuhl für Europäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München inne. Foto: LMU

Die Höhepunkte der europäischen Geschichte zeigen sich nun von ihren Schattenseiten

Helmut Schmidt konnte zufrieden sein. Der Weltökonom hatte sich jahrelang für ein Projekt eingesetzt, das nun, am 1. Juli 1990, endlich einen wesentlichen Schritt vorankam. Während seiner Kanzlerschaft hatte er in enger Kooperation mit dem französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing dafür gekämpft, eine gemeinsame europäische Währung zu schaffen. Beide waren sich einig, dass europäische Zusammenarbeit ohne diesen Schritt Stückwerk bleiben müsste. Um ihre Pläne auszuhecken, trafen sie sich mehrmals privat, bevor sie an die Öffentlichkeit gingen. Anfang der 1980er-Jahre gründeten sie außerdem einen Expertenkreis, der sich der Sache weiter annehmen sollte. Ihre Anstrengungen führten schon in ihrer Amtszeit zu ersten institutionellen Fortschritten. Im Sommer 1990, ein Dreivierteljahr nach dem Fall der Mauer und ein Dreivierteljahrzehnt nach dem Ende von Schmidts Kanzlerschaft, ging es mit dem Projekt einen wesentlichen Schritt weiter. Damals trat die erste Stufe der europäischen Währungsunion in Kraft – der ersten Etappe auf dem Weg zum Euro unserer Tage.  

Seinen Weg in die Geschichtsbücher fand der 1. Juli aber aus einem anderen Grund. An jenem Tag führte die DDR die westdeutsche D-Mark als ihre offizielle Währung ein und ging damit einen wichtigen Schritt in Richtung der deutschen Einheit, die drei Monate später eintrat. Auf den ersten Blick hatte das mit dem europäischen Projekt nichts zu tun. Tatsächlich kreuzten sich an jenem Tag zwei historische Prozesse, die unterschiedlicher kaum hätten sein können: Ausgerechnet der Moment des größten Triumphs der Westmark markierte auch einen Ausgangspunkt ihres Endes. Denn während die einen die D-Mark als Aufbruchssignal in eine bessere, nationale Zukunft feierten oder mit Ängsten in die gesamtdeutsche Zukunft schauten, waren die anderen längst dabei, diese gerade erst gemeinsam gewordene Währung auf europäischer Ebene abzuschaffen.

Allgemein wirkten europäische Einigung und deutsche Einheit in der dramatischen Phase am Ende des Kalten Krieges mehrfach zusammen. Das wurde damals häufig übersehen, hat aber Folgen bis heute. So brachte der 3. Oktober 1990 nicht nur die deutsche Einheit; seit dem Tag gehörte das Gebiet der vormaligen DDR auch zur Europäischen Gemeinschaft (EG) als Vorgängerin der heutigen Europäischen Union (EU). Nicht 2004, sondern schon 1990 fand die erste Osterweiterung des Projekts Europa statt. 

Was man lange als Höhepunkte deutscher und europäischer Geschichte sah, zeigt sich gegenwärtig stärker von seinen Schattenseiten. Denn wenn heute häufig zu Recht beklagt wird, dass die Bevölkerung der DDR wenig Anteil an der Ausgestaltung der deutschen Einheit hatte, gilt das noch mehr für die EG-Mitgliedschaft. Diese vollzog sich damals ganz im Schatten des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik: Weil Westdeutschland der EG angehörte, sollte dies auch für das vereinigte Deutschland gelten. Tatsächlich hatte die EG damals aber schon so viel Eigengewicht entwickelt, dass die Missachtung dieser Dimension die Zukunft wesentlich belastete. Denn die Zugehörigkeit zum europäischen Projekt brachte nicht nur Subventionen, sondern auch eine Vielzahl von ökonomischen Regeln und Auflagen. Dass die DDR-Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte 1990 kollabierte, hatte verschiedene Gründe; nicht zuletzt lag es jedoch daran, dass sie sich nunmehr im Wirtschaftssystem der EG bewegen musste. Nirgendwo sonst war der Übergang zur Marktwirtschaft so hart und schnell wie in Ostdeutschland. Die DDR durchlief von allen postkommunistischen Ländern Europas die radikalste Schocktherapie, und dies lässt sich ganz wesentlich auf die EG zurückführen.

Dass Ostdeutschland dem europäischen Projekt ohne große Debatte und kritische Auseinandersetzung beitrat, hat Spuren hinterlassen. Während in den fünf neuen Bundesländern in den ersten beiden Jahren nach 1990 die Zustimmung zum europäischen Projekt deutlich über den entsprechenden Werten in Westdeutschland lag, änderte sich dies dramatisch, seitdem man die konkreten Effekte europäischer Einigung am eigenen Leib verspürte. Seitdem liegt die Zustimmungsrate Ost immer deutlich unter jener in den alten Bundesländern. 

Zugleich hatte die Einheit auch massive Folgen für die Währungsfrage, die Schmidt so sehr am Herzen lag. 1990 bildete sich in den Hauptstädten der westlichen Staaten schnell ein Konsens heraus, dass ein vereinigtes Deutschland als Abwehrmittel gegen wiedererwachenden Nationalismus tiefer in Europa integriert werden müsse. Kaum ein Projekt bot sich dafür mehr an als die Währung. Der Euro unserer Tage – mit seinen Stärken und seinen Problemen – hat einen wesentlichen Ursprung in der welthistorischen Ausnahmesituation am Ende des Kalten Krieges. Ohne das Zusammenspiel mit der deutschen Einheit hätte sich dieses ebenso komplexe wie kontroverse Projekt auf europäischer Ebene nicht so schnell und nicht in dieser Form realisieren lassen.

Helmut Schmidt sagte einmal, dass Demokratie kein Zustand, sondern ein Prozess sei. Was damals zu wenig diskutiert wurde, prägt unsere Gegenwart bis heute. Deswegen muss das Wechselspiel, das europäische und deutsche Einigung um 1990 eingingen, uns auch heute noch interessieren. 


Abendveranstaltung: Doppelte Integration?

Die europäische Leerstelle in der Debatte über den Stand der deutschen Einheit


Prof. Dr. Kiran Klaus Patel, Ingo Schulze und Jana Werner (im Bild v.l.n.r.). 
Fotos: LMU, Gaby Gerster, Bertold Fabricius

Die Geschichte der deutschen Einheit und der europäischen Einigung haben mehr miteinander zu tun als bisher wahrgenommen. Der 3. Oktober 1990 brachte nicht nur das Ende der deutschen Teilung. An dem Tag wurde das Gebiet der vormaligen DDR auch Teil der damaligen Europäischen Gemeinschaft als Vorläuferin der heutigen EU.

Dennoch wissen wir bislang auffallend wenig über das Wechselspiel zwischen den beiden Prozessen, inklusive der Langzeitfolgen bis in die Gegenwart. Haben die Probleme zwischen Ost und West in Deutschland mehr mit Europa zu tun als wir gemeinhin glauben? Welche Auswirkungen hatte der Beitritt der DDR zur BRD und damit zur EG am Ende des Kalten Kriegs für die Bevölkerung des verschwundenen Landes? Welches Interesse bestand überhaupt, sich auf das „neue Denken“ von einer Welt ohne Blockkonfrontation, aber auch ohne Sieger und Besiegte der Geschichte in Europa und in der Welt einzulassen? Wurde die Chance des Umbruchs in Osteuropa auch für eine Revision westlicher Positionen überhaupt diskutiert? Welche Angebote hätte der Osten bereitgehalten?

Der Historiker Kiran Klaus Patel und der Schriftsteller Ingo Schulze diskutieren bei einer Abendveranstaltung in Hamburg Belastungen und Chancen, die sich aus dem damaligen Prozess doppelter Einigung ergeben, für eine Gegenwart, in der die Post-Cold-War-Ära ihrerseits an ihr Ende gekommen ist. Moderiert wird die Veranstaltung von der Journalistin Jana Werner.

Abendveranstaltung am 23. September
von 19:00 bis 21:00 Uhr

Ort: Reimarussaal, Patriotische Gesellschaft,
Trostbrücke 4-6, 20457 Hamburg

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