Helmut Schmidts „philosophische Hausapotheke“

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Autorin: Merle Strunk, M.A., die Ausstellungsassistentin der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Bildrechte: Zapf

„Krisensituationen zwingen einen handelnden, verantwortlichen Politiker zur Philosophie“: Das antwortete Helmut Schmidt einmal auf die Frage, ob er je bei politischen Entscheidungen Philosophen zu Rate gezogen habe.

Schmidt muss sich im Laufe seines Lebens einigen Krisen stellen, in denen er im Minutentakt Entscheidungen zu treffen hat. Trotz der Popularität, die er durch sein „Macher-Image“ in Teilen der Bevölkerung erlangt, ist es ihm stets wichtig, nicht als theorieloser Pragmatiker zu gelten. Vertritt er doch selbst die Auffassung, wer ohne philosophische Grundlage handele laufe Gefahr, ein „Opportunist“ und „Scharlatan“ zu werden. Immer wieder nennt Schmidt vier philosophische Lehrmeister, auf die er sich sowohl in Krisensituationen als auch im politischen Alltag beruft: Marc Aurel, Max Weber, Immanuel Kant und Karl Popper.

Die vier Denker, die von der Zeit des Römischen Reiches bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wirken, helfen ihm etwa durch den Zweiten Weltkrieg oder in den schweren Zeiten des RAF-Terrorismus. Sie bieten jedoch mehr als Entscheidungshilfen in der Krise: Ihre Lektüre bereitet Schmidt oft genug auch ein nicht geringes Maß an Vergnügen. Grund genug, um einen Blick in Schmidts „philosophische Hausapotheke“ zu werfen. Sie mag kein Allheilmittel sein, geistige Nahrung bietet sie noch heute allemal:

Marc Aurel – „Selbstbetrachtungen“ (um 172)

Keine Beschreibung von Helmut Schmidt als einem intellektuellen Politiker kommt an dem römischen Kaiser Marcus Aurelius (121–180) vorbei, der Schmidt sein ganzes Leben lang begleitet. Mit gerade einmal fünfzehn Jahren bekommt der den Selbstdialog des „Philosophen auf dem Kaiserthron“ zur Konfirmation geschenkt. Selbst während der Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg trägt er den Band bei sich. Auch wenn Marc Aurel Schmidt nach eigener Aussage kaum politisch geprägt hat, so ist der Einfluss auf seinen Charakter umso größer: Schmidt lernt von dem Stoiker auf den Kaiserthron Disziplin und das Gebot zur Pflichterfüllung. Insbesondere eignet sich Schmidt den Grundsatz an, sich auch unter widrigen Umständen zur Gelassenheit zu zwingen.

Marc Aurel schreibt den Selbstdialog in seinen letzten Lebensjahren in verschiedenen Feldlagern. Verhandelt der Kaiser darin im Zwiegespräch mit sich selbst, ob und warum er morgens aus dem „warmen Bette“ aufstehen soll, lesen sich seine Selbstbetrachtungen zuweilen wie der Beginn eines Home Office-Tages in Corona-Zeiten. Marc Aurel hält für diese Zwickmühle eine hehre Motivation bereit: „Wenn du des Morgens nicht gern aufstehen magst, so denke: Ich erwache, um als Mensch zu wirken.“

Max Weber – „Politik als Beruf“ (1919)

Helmut Schmidt ist noch Student, als er den verschriftlichten Vortrag „Politik als Beruf“ von Max Weber (1864–1920) in die Hände bekommt. Der Soziologe stellt darin die Frage, „was für ein Mensch man sein muss, um seine Hand in die Speichen des Rades der Geschichte legen zu dürfen“. Weber benennt drei Qualitäten, die ein Politiker mit sich bringen sollte: Sachliche Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und ein distanziertes Augenmaß: Eigenschaften, die Schmidt sich immer wieder als Fixpunkte seines politischen Handels vor Augen führt. Insbesondere habe er von Weber die Bedeutung des Prinzips Verantwortung gelernt, sagt Schmidt. Man müsste sich über die Konsequenzen seines Handelns im Klaren sein und auch für die „Nebenwirkungen“ seiner Taten Verantwortung übernehmen. Ein Grundsatz, den es sich nicht nur in der Politik zu berücksichtigen lohnt.
                                                                                
Eine weitere Eigenschaft, die laut Webers Schrift dem Berufspolitiker zu eigen sein sollte: Beharrlichkeit. Denn Politik, so sagt er, sei das „langsame Bohren in harten Brettern“. Wer also durch die aktuellen Herausforderungen dieser Tage sein Verantwortungsgefühl und Durchhaltevermögen neu entdeckt, der mag vielleicht während des verhängten Kontaktverbots seine Karrieremöglichkeiten neu bewerten und für sich über „Politik als Beruf“ grübeln. Allerdings benennt Weber in seinem Aufsatz auch eine sehr menschliche Schwäche, die ein Politiker sich nicht leisten sollte: die Eitelkeit. Vor dieser ist auch ein Helmut Schmidt sicher nicht ganz gefeit...

Immanuel Kant – „Kritik der praktischen Vernunft“ (1788)

Im Gegensatz zu Helmut Schmidts anderen »Hausphilosophen« ist Immanuel Kant (1724–1804) vielen noch dunkel aus der Schulzeit im Gedächtnis und auch der untrennbar mit ihm verbundene Begriff des „Kategorischen Imperativs“ dämmert irgendwo im Hinterkopf. Diese „goldene Regel“ der praktischen Ethik lautet in ihrer einfachen Spielart „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ Bei Kant heißt es: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Es gibt unzählige Varianten dieses viel zitierten Satzes und auch Schmidt, der „Verantwortungsethiker“, ist vom „Kategorischen Imperativ“ fasziniert. Er zitiert Kant im Bundestag und bei anderen offiziellen Anlässen. Wer sein Privathaus in Hamburg-Langenhorn betritt, wird von einer Statue des Königsberger Philosophen begrüßt.

Wer, trotz nationalem Stillstand, nicht die Muße finden sollte, sich durch die 248 Seiten von Kants „Kritik der praktischen Vernunft“ zu arbeiten, dem sei seine deutlich kürzere Schrift „Zum ewigen Frieden“ ans Herz gelegt, die auch für Schmidt ein wichtiger Ratgeber ist. Er lernt von Kant, dass Frieden kein Naturgesetz sei und man ihn aktiv „stiften“ müsse. Worte, die Schmidt wohl besonders bei der „Nachrüstungs“-Debatte der frühen 1980er-Jahre oft im Ohr hat.

Karl Popper – „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1945)

Die Schriften Karl Poppers (1902–1994) sind eine so späte wie bedeutsame Entdeckung für Helmut Schmidt. Doch Schmidt studiert Popper nicht nur – die beiden befreunden sich. Der Philosoph und der Politiker haben viel gemeinsam: Sie sind überzeugte Demokraten und teilen das große Misstrauen gegenüber Ideologien, die die „eine Wahrheit“ für sich beanspruchen. Beide werden entscheidend durch die Ereignisse des NS-Regimes geprägt, auch wenn sie diese Zeit aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erleben: Der gebürtige Österreicher Popper erlebt den Krieg aus der Ferne im neuseeländischen Exil, während Schmidt als Soldat in der Wehrmacht kämpft. In dieser Zeit schreibt Popper sein wohl bekanntestes Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, es erscheint noch 1945. Popper ergründet darin die Ursprünge totalitären Denkens und „macht Jagd“ auf „falsche Propheten“, die mit Heilsversprechen für ihre Weltanschauung werben.
Es ist ein Buch, das in Zeiten wachsender populistischer Strömungen aktueller kaum sein könnte. Poppers Ideen geben uns auch heute hilfreiche Werkzeuge an die Hand: Ist eine politische Behauptung nicht widerlegbar, dann handelt es sich vermutlich um eine Ideologie. Ist eine Regierung nicht abwählbar, dann handelt es sich kaum um eine Demokratie.

Der Sozialpsychologe Harald Welzer greift seit einigen Jahres Poppers Gedanken in seinem Projekt „Die offene Gesellschaft und ihre Freunde“ kreativ auf und will einen Raum für „konkrete Utopien“ schaffen. Was Schmidt, der ja bekanntermaßen seine Probleme mit Visionen hat, dazu wohl sagen würde?

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