Heute live aus dem Sportstudio: Als in Hamburg noch Fußballgeschichte geschrieben wurde

Ehrengäste am 22.6.1974 beim WM-Gruppenspiel zwischen der DDR und der BRD auf der Tribüne des Hamburger Volksparkstadions: (v.l.) der ständige Vertreter der BRD in Ost-Berlin, Günter Gaus, der ständige Vertreter der DDR in Bonn, Michael Kohl, ein nicht identifizerter Zuschauer, DFB-Präsident Dr. Hermann Gösmann, der Hamburger Bürgermeister Peter Schulz und der Bundeskanzler Helmut Schmidt. Foto: dpa - Sportreport

Die Fußballnationalmannschaft der DDR bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland: Das 1:0 von Jürgen Sparwasser in der 79. Minute hielt bis zum Abpfiff und war eine Überraschung. Das einzige jemals ausgetragenen Länderspiel zwischen der Bundesrepublik und der DDR fand in der Vorrunde in Hamburg statt. Foto: Bundesregierung/Ulrich Wienke

Bundeskanzler Helmut Schmidt beim Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft Deutschland-Niederlande am 7. Juli 1974 auf der Ehrentribüne im Olympiastadion in München mit unter anderem Bundespräsident Walter Scheel (3.v.r.) und dem Bundesminister des Auswärtigen Hans-Dietrich Genscher (6.v.r.) Foto: Bundesregierung/Lothar Schaack

Autor: Axel Schuster ist Archivar im Helmut Schmidt-Archiv. Foto: BKHS/Zapf

Was Helmut Schmidt und Uwe Seeler miteinander verbindet

Schmidt als oberster Chef der Nationalelf

Wir schreiben den 22. Juni 1974 und richten den Blick zurück auf das Spiel der Bundesrepublik gegen die DDR im Hamburger Volksparkstadion. Die sportlichen Vorzeichen sprachen vor 47 Jahren eindeutig für die bundesdeutsche Mannschaft (amtierender Europameister 1972, WM-Dritter in Mexico 1970). Die Voraussetzungen für einen Titel im eigenen Land sahen gut aus. Der Gegner DDR hatte sich erstmalig 1974 für ein Turnier dieser Größenordnung qualifiziert. Für die DDR war die WM-Teilnahme ein enormer sportlicher Erfolg. Bisher waren viele Westdeutsche überzeugt, „die von drüben können eh nicht Fußball spielen“.

Als politische Hypothek lastete zudem die Enttarnung des DDR-Spions Günter Guillaume im April 1974 auf den deutsch-deutschen Beziehungen. Willy Brandt trat im Zuge der Guillaume-Affäre zurück. Helmut Schmidt war als Bundeskanzler qua Amt nun sozusagen der neue „Vorstandsvorsitzende der bundesdeutschen Nationalmannschaft“. Und nun sollten diese beiden Länder gegeneinander Fußball spielen? Die Auslosung in eine gemeinsame Gruppe war schon sensationell. CDU/CSU-Fraktionschef Karl Carstens sah es pragmatisch. „Sport ist eine wichtige Klammer zwischen den Deutschen. Ich begrüße daher dieses Spiel.“ Schwarzmarktpreise für einen Stehplatz (regulär 11 D-Mark) schwankten von 80 D-Mark am Vortag bis auf 30 D-Mark kurz vor dem Spiel.

Kommentare von der Politikertribüne zum Prestigeduell

Unter den mehr als 60.000 Zuschauern im ausverkauften Volksparkstadion platzierte sich in der „politischen“ Reihe der Ehrentribüne neben Helmut Schmidt und sieben Bundesministern auch ein bis zur WM 1970 aktiver Hamburger Nationalspieler: Uwe Seeler. Das 1:0 von Jürgen Sparwasser in der 79. Minute hielt bis zum Abpfiff und war eine faustdicke Überraschung. Schmidt kommentierte das Match: „Ein schnelles Spiel auf beiden Seiten. In der zweiten Halbzeit hat unser Sturm zu unkonzentriert gespielt. Unsere Verteidiger haben die Laufkraft der gegnerischen Stürmer unterschätzt.“ CDU-Parteichef Helmut Kohl meinte: „Ein rasantes Spiel in dem die bundesdeutsche Mannschaft die besseren Chancen, aber erhebliches Schusspech hatte.“ Der ständige DDR-Vertreter in Bonn, Michael Kohl, formulierte es diplomatisch: „Es war ein schönes, interessantes, faires Spiel. Es hat gezeigt, dass der DDR-Fußball ein gutes Stück vorangekommen ist. Ich freue mich darüber, dass beide Mannschaften weitergekommen sind.” Schmidt legte mit einem Fachkommentar nach: „Also, ich denke, dass in der ersten Halbzeit insgesamt eine leichte Feldüberlegenheit der westdeutschen Mannschaft gegeben war, die Ballbehandlung durch die westdeutschen Spieler war in beiden Halbzeiten im Schnitt besser als bei den DDR-Spielern. Unsere Mannschaft hat, obwohl schon nach einer Viertelstunde deutlich war, dass hier die größte Gefahr lag, gleichwohl bis zum Abpfiff die enorme Spurtgeschwindigkeit der gegnerischen Außenstürmer und die Gefährlichkeit ihrer Konterschläge beharrlich unterschätzt – und das ist dann ja schließlich auch einmal schiefgegangen. Es hätte auch zweimal ins Auge gehen können.“ Sein Fazit: „Bei gleichen Spielstärken bessere Taktik der DDR. Insofern hat sie verdient gewonnen!“ Den Bundesbürgern, die diese Niederlage einer nationalen Katastrophe gleichsetzten, zeigte Schmidt die gelbe Karte: „Ich halte es eher für eine Katastrophe, dass es solche Bundesbürger gibt.“ In den westdeutschen Stadien wurde die DDR-Mannschaft während ihrer Spiele mit reichlichen Schmähgesängen begleitet, die erheblich härter als bei anderen Gegnern ausfielen.

Ein Stück Rührung für die DDR-Sportler

Entgegen allen Erwartungen beendete die DDR-Auswahl die Vorrunde als Gruppensieger vor der bundesdeutschen Elf. Die großen Hoffnungen auf die Bundesrepublik als WM-Favorit erfüllten sich in der Vorrunde jedenfalls nicht. Ausgerechnet gegen die ostdeutschen „Brüder“ verlor die DFB-Elf das einzige Spiel während des gesamten Turniers. Auf der anderen Seite des geteilten Landes schlich sich neben der Achtung vor diesem sportlichen Erfolg bis zur Begeisterung auch ein Stück Rührung für die DDR-Sportler ein. Viele sportbegeisterte Ostdeutsche sahen bis dato nur gescheiterte Qualifikationsspiele. Und nun schlägt ihre Mannschaft die Bundesrepublik und beendet die erste Gruppenrunde auf Platz 1. Das hat es noch nie gegeben. Nach der Niederlage in Hamburg verbreitete sich doch Respekt vor den armen Vettern aus dem internationalen Fußball-Keller. War es eine Art „Deutschstunde“? Wenn die deutsche Boulevardpresse meinte: „Noch ist Deutschland nicht verloren“, hat sie durchaus Recht behalten, während die englische von Brudermord sprach: „Als Sparwasser das 1:0 erzielte, konnte man glauben, Kain hätte Abel erschlagen“.

Dieser sportliche Ausrutscher hatte für die DFB-Elf einen positiven Nebeneffekt. Da in diesem Turnier die zweite Runde nicht im K.-o.-System, sondern wieder in Gruppen gespielt wurde, hießen die nächsten Gegner der DDR: Brasilien, Argentinien und die Niederlande – alle miteinander auch damals schon Fußball-Schwergewichte. Die Bundesrepublik traf als Zweiter auf Polen, Schweden und Jugoslawien. Mit Gruppen-Rang 3 war das Turnier für die DDR-Auswahl schließlich beendet, die bundesdeutsche Mannschaft belegte Platz 1 und entschied gegen die Niederlande das Finale in München für sich. Die zweite Überraschungsmannschaft dieses Turniers war, neben der DDR-Elf, die polnische Mannschaft, die im Spiel um den dritten Platz Brasilien bezwang. Die Weltmeisterschaft 1974 blieb (außer olympischen Wettbewerben) die einzige Teilnahme der DDR an einem Turnier dieser Größenordnung. Der Name Jürgen Sparwasser wurde nach dem 1:0 bundesweit ein Begriff, er verließ noch 1988 als Trainer die DDR.

Zwei bescheidene Hanseaten

Was nun Helmut Schmidt mit Fußball zu tun hat? Für ihn war es eher eine, wenn auch nicht unwichtige, Nebensächlichkeit. Überliefert ist, dass er als Hamburger seit Mitte der 1950er-Jahre den Hamburger Sportverein (HSV) schätzte, dabei besonders auch Uwe Seeler. Schmidt blieb die Rolle Seelers bei den Weltmeisterschaften 1966 und 1970 in lebhafter Erinnerung – von großartigen Toren bis zu tiefbetrübten Niederlagen wie im verlorenen Finale gegen England. 

Schmidt erkannte die Faszination in dieser Sportart als ein verbindendes Element und sprach auch von einem „fußballbegeisterten deutschen Volk“ im positiven Sinne. Seine Achtung sprach aus der Tatsache, dass Uwe Seeler nicht als Profi nach Italien wechselte, sondern dem HSV treu blieb und neben dem Fußball auch noch in seinem Beruf als Repräsentant für einen Sportartikelhersteller unterwegs war. „Die Ehre haben sie sich, Seeler wie andere Spieler, verdient – nicht nur wegen ihrer mitreißenden Erfolge, sondern ebenso wegen ihrer Normalität und ihrer Anständigkeit. Weil sie einfach und bescheiden geblieben sind. Weil ihnen der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen ist”, kommentiert Schmidt und sprach 1996 rückblickend vom Fußballer als Vorbild. Schmidt und Seeler wurden Ehrenbürger ihrer Heimatstadt Hamburg und werden noch heute in der Stadt verehrt, Uwe Seeler in seinem 85. Lebensjahr.

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