„Innere Führung“: Demokratie wagen für die Bundeswehr

Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt (vorn) im Dialog mit Soldaten der Luftwaffe, Marine und des Heeres. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundeswehr diskutierten Soldaten am 20. November 1970 auf einer Arbeitstagung in der Koblenzer Pionier-Kaserne mit ihrem Minister. An der Tagung nahmen 250 gewählte Vertrauensmänner der Bundeswehr teil. Foto: dpa/Roland Witschel

Wolf Graf von Baudissin war Gründungsdirektor des Hamburger Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH). Foto: Baudissin Dokumentationszentrum

Autor: Dr. Magnus Koch, Leiter des Arbeitsbereichs Ausstellungen und Geschichte der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Foto: BKHS/Zapf.

Wie sich das Bild des „Soldaten als Staatsbürger in Uniform“ formte

Liebe Leser*innen,

was heißt „Innere Führung“ für die Bundeswehr und woher kommt dieser Begriff? Wie leben Soldat*innen diese Haltung heute und wie sieht die Zukunft dieses Konzepts aus? 

Helmut Schmidt vertrat nicht nur das bis heute gültige Bild vom Soldaten als Staatsbürger in Uniform. Als Wehrexperte der SPD-Bundestagsfraktion, Verteidigungsminister, Bundeskanzler und als leidenschaftlicher Demokrat gestaltete er auch den Weg dorthin mit. 

Steigen Sie heute mit unserem Schmidtletter in dieses Thema ein und erfahren Sie mehr darüber bei unserer Online-Veranstaltung zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Konzepts der „Inneren Führung“, zu der wir am 27. Oktober gemeinsam mit dem Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) einladen.

Ihre Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung

 

Online-Veranstaltung:
Geschichte, Gegenwart und Zukunft der "Inneren Führung"

in Kooperation mit dem Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH)

Keynote: Dr. Eva Högl, Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags

Es diskutieren:

  • Prof. Dr. Dagmar Bussiek (Historikerin und Baudissin-Biografin)
  • Dr. Magnus Koch (Leiter des Arbeitsbereichs Ausstellungen und Geschichte, Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung)
  • Dr. Hendrik Hegemann (Referent im Forschungsbereich Gesellschaftlicher Frieden und Innere Sicherheit, IFSH)
  • Prof. Dr. Stefan Bayer (Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg)

Moderation:

  • Dr. Meik Woyke (Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung)
  • Prof. Dr. Ursula Schröder (wissenschaftliche Direktorin des IFSH)

am 27. Oktober, ab 19 Uhr

Mehr Informationen hier


 

Wie sich das Bild des „Soldaten als Staatsbürger in Uniform“ formte

„Alle Soldaten der Bundeswehr sind Staatsbürger in Uniform. Das bedeutet nicht nur, dass die Grundrechte auch für sie gelten. Vielmehr sind sie diesen Werten ganz besonders verpflichtet. […] Der Staatsbürger in Uniform ist ein Grundsatz der Inneren Führung.“ Diese Sätze von der aktuellen Homepage des Bundesministeriums der Verteidigung formulieren seit Gründung der Bundeswehr deren Anspruch und Ideal. Helmut Schmidt vertrat diese Ideen bereits in den 1950er-Jahren als Wehrexperte seiner SPD-Fraktion im Bundestag. Er sah die Soldaten der noch jungen Bundesrepublik als ebenso mündige wie kritische Bürger – ein denkwürdiger Wandel gegenüber den historischen Vorbildern, dem Leitbild der Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkriegs! 

Schmidt hatte als Soldat erlebt, was blinder Gehorsam gegenüber einem verbrecherischen Regime anrichten konnte. Er war 1937 als Wehrpflichtiger zur Wehrmacht eingezogen worden und 1945 als Oberleutnant der Luftwaffe in britische Kriegsgefangenschaft geraten. Dazwischen lagen auch Fronteinsätze in der Sowjetunion und, kurz vor Ende des Kriegs, im Westen. Jahrzehnte später erinnerte sich Schmidt an seine zwiespältigen Gefühle: einerseits seinem Land gegenüber Gehorsam zu schulden und ihm zu dienen, andererseits tiefe Zweifel an Sinn und Charakter dieses Kriegs zu verspüren. Im Kriegsgefangenenlager kam er zur Einsicht, dass ein Nachkriegsdeutschland demokratisch sein müsse. Kaum jemand konnte sich zu dieser Zeit wohl vorstellen, dass der westdeutsche Teilstaat bereits zehn Jahren später wieder eine Armee haben würde. 

Der Neustart gestaltete sich schwierig: Bereits kurz nach Kriegsende 1945 zeigten sich tiefe Brüche innerhalb der ehemaligen „Anti-Hitler-Koalition“ (die USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion). Der „Kalte Krieg“ mit seinem Systemgegensatz von Kapitalismus und Kommunismus schuf auch zwei Militärblöcke – die 1955 aufgestellte Bundeswehr wurde Teil der NATO. Zwar „erbte“ diese Armee ihr Personal von der Wehrmacht, und von Anfang an schafften es einflussreiche ehemalige Generäle mit der „Legende der sauberen Wehrmacht“ falsche Geschichtsbilder über den von der Wehrmacht in weiten Teilen verbrecherisch geführten Krieg zu etablieren. Gleichzeitig wagten die Gründungsväter der Bundeswehr mit dem Konzept der „Inneren Führung“ einen visionären Gegenentwurf zu den historischen Vorgängern. Zielvorstellung war dabei eine von demokratischen Werten geleitete Armee in einem Rechtsstaat.

Für Helmut Schmidt als leidenschaftlichen Vertreter der parlamentarischen Demokratie war klar, dass demokratische Prinzipien in allen gesellschaftlichen Sphären und damit etwa auch in der Wirtschaft und dem Militär gelten müssten. Als Bundesminister der Verteidigung (1969-1972) füllte er diese Überzeugung auf verschiedenen Ebenen mit Leben: So trat er für eine umfassende Bildung der Soldaten ein: nicht nur Kampf, Strategie und Wehrtechnik, sondern auch staatsbürgerlicher Unterricht und Erziehung zum kritischen Denken standen bald auf den Lehrplänen – auch in den von Schmidt ins Leben gerufenen Bundeswehrhochschulen in Hamburg und München. Er interessierte sich für die Meinungen seiner Soldaten, ließ sie zu ganz unterschiedlichsten Themen befragen und suchte nach pragmatischen Lösungen für Probleme aller Art – auch und vor allem, angesichts von massiven Rekrutierungsproblemen.

Doch die „Innere Führung“ bedeutete für Schmidt noch weit mehr: Als Parlamentsarmee hatte sich die Bundeswehr für ihn unter allen Umständen dem Primat der Politik zu fügen. Das heißt zum Beispiel, dass die letzte Entscheidung über den Einsatz der Armee stets bei Politikern, nicht bei dem Militär zu liegen habe. Konservative Generäle, die sich diesen und anderen Zielen der „Inneren Führung“ nicht fügen mochten, und die gerade angesichts der Einflüsse der 68er-Bewegung auf die Bundeswehr eine „Reform an Haupt und Gliedern, an Bundeswehr und Gesellschaft“ forderten, ließ Schmidt nicht gewähren, wichtige Vertreter dieser Position schickte er in den vorzeitigen Ruhestand. 

Gleichwohl standen Anspruch und Wirklichkeit der „Inneren Führung“ bei der Bundeswehr nicht immer in einem spannungsfreien Verhältnis. Dies gilt etwa für ihr Traditionsverständnis, das bis in die 1970er-Jahre die „ewigen Tugenden“ des deutschen Soldaten beschwor und außerdem „Dankbarkeit und Ehrfurcht vor den Leistungen und Leiden der Vergangenheit“ forderte.

Als Vater der „Inneren Führung“ gilt bis heute Wolf Graf Baudissin, wie Schmidt als ehemaliger Wehrmachtsoffizier – beide verband seit den 1960er-Jahren ein enges Verhältnis. Baudissin war Gründungsdirektor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH). Gemeinsam mit dem IFSH wird die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung am 27. Oktober eine Veranstaltung zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Konzepts der „Inneren Führung“ anbieten. Die Keynote wird die Wehrbeauftragte des Bundestags Dr. Eva Högl halten.

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