Neue Heimat gefunden

Exklusive Einblicke in das Leben und politische Wirken des Jahrhundertpaars gewährt unser soeben erschienenes Buch „Zuhause bei Loki und Helmut Schmidt“.

Autor: Dr. Meik Woyke, Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Bildrechte: Michael Zapf

Bezahlbarer Wohnraum für alle! Der sozialdemokratische Traum bleibt ein Dauerbrenner.

Für Familie Schmidt wurde das Wunschbild wahr. Kurz vor Heiligabend 1961, Tochter Susanne ist 14 Jahre alt, ziehen die Schmidts in ihre neue Heimat – gebaut von der Neuen Heimat. Das Rotklinkerhaus in einer Neubausiedlung in Langenhorn war Anfang der 1960er-Jahre von der gewerkschaftseigenen Wohnungsbaugesellschaft hochgezogen worden. Hier im Norden Hamburgs konnte auch der Mittelstand sich Eigentum leisten. Dazu zählte sich Helmut Schmidt: „Der vornehme Hamburger“, sagte er in einem Film über seine Stadt, „kann nicht in Langenhorn wohnen – wie ich zum Beispiel – oder in Barmbek oder in Altona.“ (zitiert nach DIE ZEIT, 10.11.2016). Die Elbchaussee war nicht seine Welt. Das Doppelhaus am Stadtrand im Neubergerweg 80-82 teilte man sich nach dem Einzug jahrelang mit Schmidts Eltern Gustav und Ludovika.

„Der vornehme Hamburger kann nicht in Langenhorn wohnen – wie ich zum Beispiel – oder in Barmbek oder in Altona.“

Die Neue Heimat, im Jahr 1926 vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund als Kleinwohnungsbau-Gesellschaft gegründet, verstand sich als gemeinnütziges Unternehmen, das preiswerten Wohnraum schafft. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte Wohnungsnot in Deutschland. Viele waren ausgebombt. Hinzu kamen die Millionen Geflüchteter und Vertriebener, die ein Dach über dem Kopf brauchten – so wie Helmut und Loki Schmidt. Nach Stationen auf der anderen Elbseite in Neugraben, in Barmbek und Othmarschen fand die Familie in Hamburg-Langenhorn ein Zuhause. Der beschauliche Stadtteil gehörte zu Schmidts Bundestagswahlkreis. Helmut Schmidt wird 1961 zunächst Polizei-, dann Innensenator der Hansestadt, 1966/67 SPD-Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag, 1968 stellvertretender Parteivorsitzender, 1969 Verteidigungsminister im Kabinett von Bundeskanzler Willy Brandt, 1972 Finanzminister und am 16. Mai 1974 schließlich Bundeskanzler. Je mehr Verantwortung er übernahm, desto höher wurde der Sicherheitsstandard des Wohnhauses in Langenhorn: vom Metallzaun über Alarmanlage und Kameras bis hin zum Polizeiposten rund um die Uhr an der Gartenpforte. Von hier, dem Neubergerweg 80, hat Schmidt auf die Welt geblickt und die Welt zu sich eingeladen. Er nutzte sein Privathaus als politische Bühne, als ein Ort der Bodenständigkeit, der eine entspannte Gesprächsatmosphäre bot. Hochrangige Besucher nahmen auf dem Sofa im Wohnzimmer Platz, darunter im Juni 1976 Edward Gierek, Erster Sekretär des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, im April 1977 der spanische König Juan Carlos und seine Frau Sophia sowie 1978 der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew sowie der französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing.

Von hier, dem Neubergerweg 80, hat Schmidt auf die Welt geblickt und die Welt zu sich eingeladen.

Doch noch in Schmidts Kanzlerjahren zerplatzte die Idee vom Wohnungsbau für das Gemeinwohl. Am 8. Februar 1982 – die sozial-liberale Koalition aus SPD und FDP hatte ausgelöst durch Differenzen über den Kurs der Wirtschaftspolitik bereits erkennbare Risse – titelte der SPIEGEL: „Neue Heimat. Die dunklen Geschäfte von Vietor und Genossen“. Wie sich herausstellte, hatte sich die Führungsetage von Europas größtem nichtstaatlichem Wohnungsbaukonzern unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit bereichert. Die Idee des gewerkschaftlich organisierten Wohnungsbaus, getragen auch von der SPD, geriet in erheblichen Misskredit. Bald darauf zerbrach in Bonn die Regierungskoalition unter Bundeskanzler Helmut Schmidt, der am 1. Oktober 1982 nach einem konstruktiven Misstrauensvotum im Deutschen Bundestag sein Amt an Helmut Kohl von der CDU übergeben musste. Im Jahr 1990 wurde die Neue Heimat aufgelöst und die Gemeinnützigkeit im Wohnungsbau abgeschafft.

Die SPD musste einen herben Schlag gegen die Idee des sozialen Wohnungsbaus hinnehmen.

Allerdings lebt die sozialdemokratische Utopie vom gemeinnützig geschaffenen Wohnraum weiter. Mit dem Begriff „Neue Heimat“ können zwar viele junge Menschen heute nichts mehr anfangen, mit der dringenden politischen Notwendigkeit, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, hingegen schon. Wie der gewerkschaftseigene Wohnungsbaukonzern funktionierte und auf die schiefe Bahn kam, zeigt eindrucksvoll die Ausstellung „Die Neue Heimat 1950–1982: Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten“. Nach Stationen in München und Hamburg ist sie noch bis zum 11. Oktober 2020 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main zu sehen. In ihrer Rede zur Eröffnung der Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte am 26. Juni 2019 betonte Dr. Dorothee Stapelfeldt, Hamburger Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen: „Der Begriff ‚sozialdemokratische Utopie‘ wirkt in unseren Tagen ein wenig aus der Zeit gefallen. Es geht aber nicht um Nostalgie und auch nicht um Häme aus dem Abstand von Jahrzehnten. Ich bin vielmehr der festen Überzeugung, dass der Kerngedanke der Neuen Heimat, der soziale Wohnungsbau, bis heute nichts von seiner Kraft verloren hat: die zugrundeliegende Gemeinwohlorientierung des Eigentums. Sie hat nichts Utopisches an sich, sondern genießt Verfassungsrang.“

„...dass der Kerngedanke der Neuen Heimat, der soziale Wohnungsbau, bis heute nichts von seiner Kraft verloren hat.“ Senatorin Stapelfeldt

Wie das Rotklinkerhaus zum Kanzlerhaus wurde, zeigt das soeben erschienene Buch der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung „Zuhause bei Loki und Helmut Schmidt – Das Kanzlerhaus in Hamburg-Langenhorn“. Es enthält viele exklusive Fotos und bietet neue Einblicke in das Leben des bedeutenden Staatsmanns und in das seiner gesellschaftlich stark engagierten Frau.


  • „Zuhause bei Loki und Helmut Schmidt  – Das Kanzlerhaus in Hamburg-Langenhorn“
    224 Seiten, gebunden, mit zahlreichen Abbildungen, herausgegeben von der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, erschienen im Verlag Edel Books, Hamburg, September 2020, ISBN 978-3-8419-0746-2, EUR 22,00.
     
  • DIE ZEIT, 10.11.2016 „Heimathafen Hamburg – Wir besuchen Orte, die Helmut Schmidts Leben in seiner Heimatstadt prägten. Ein Rundgang in vier Stationen“.
     
  • DER SPIEGEL, 8.2.1982 „Gut getarnt im Dickicht der Firmen – Neue Heimat: Die dunklen Geschäfte von Vietor und Genossen“.
     
  • Rede von Senatorin Dr. Dorothee Stapelfeldt am 26. Juni 2019 zur Ausstellungseröffnung „Die Neue Heimat 1950–1982: Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten“. Aktuelle Station:

    Frankfurt am Main, 14.3. bis 11.10.2020, Deutschen Architekturmuseum. Dort auch sehenswerte Videos zur Ausstellung mit Statements der Kuratorin/des Kurators und des Museumsdirektors sowie Fotoeindrücke.

    Stationen zuvor: 27.6. bis 6.10.2019 im Museum für Hamburgische Geschichte, 28.2. bis 19.5.2019 im Architekturmuseum der TU München.

    Swenja Hoschek: Rezension zu: Die Neue Heimat [1950–1982]. Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten, 27.6.2019 – 6.10.2019 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 24.8.2019.
     
  • „Helmut Schmidt. 100 Seiten“ von Meik Woyke, Reclam Verlag, Ditzingen 2018.

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