Politik in der Balance zwischen Pflichterfüllung und Gelassenheit

Miniatur-Reiterfigur von Marc Aurel aus Helmut Schmidts Arbeitszimmer – das Original steht auf dem Kapitol in Rom. Foto: BKHS/Zapf

Schmidts Exemplar der „Selbstbetrachtungen“, erschienen im Kröner-Verlag. Foto: BKHS/Zapf

Autor: Dr. Meik Woyke, Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Foto: BKHS/Zapf

Ein hemdsärmeliger „Macher“ war Helmut Schmidt nie

Im privaten Arbeitszimmer von Helmut Schmidt in Hamburg-Langenhorn steht eine kleine Reiterfigur. Sie zeigt den römischen Kaiser Marc Aurel, dessen Maximen zur Lebensführung er bereits als Jugendlicher verinnerlicht hat: Der Wille, seine Pflicht zu erfüllen, und innere Gelassenheit halfen Schmidt später als Politiker, wenn es galt, massive Krisen zu bewältigen und schwierige Entscheidungen zu treffen. Bei der Bekämpfung der Hamburger Sturmflutkatastrophe 1962, angesichts des Terrorismus der Roten-Armee-Fraktion im „Deutschen Herbst“ und bei der Durchsetzung des 1979 gefassten NATO-Doppelbeschlusses – stets diente ihm Marc Aurel, der „Philosoph auf dem Kaiserthron“, als ein Vorbild.

Ein folgenreiches Konfirmationsgeschenk

Die „Selbstbetrachtungen“ von Marc Aurel hatte Schmidt im Jahr 1934 von seinem Onkel Heinz Koch zur Konfirmation geschenkt bekommen. Nach dem kirchlichen Ritual und der anschließenden Familienfeier begann er noch am selben Abend, in dem Buch zu lesen. Während Schmidt dem Konfirmandenunterricht nach eigenem Bekunden nur wenig abgewinnen konnte, war er von dem Werk des als Stoiker bekannten Kaisers begeistert. Zeitlebens blieb das Buch für ihn eine wichtige richtungsweisende Lektüre, auch wenn er diese immer wieder unterbrach, weil er sich an den zahlreichen Wiederholungen störte und ihm die Erfahrung mit abstrakten philosophischen Texten fehlte.

Kurz vor seinem Lebensende bezeichnete Helmut Schmidt in einem Beitrag in der Zeit die „Selbstbetrachtungen“ als „eine Art Idealkatalog für gerechtes und kluges Regieren“. Dies erforderte nach seinem Verständnis ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl für Staat und Gemeinwohl, kombiniert mit emotionaler Selbstbeherrschung, Pflichterfüllung, Disziplin, rationaler Nüchternheit und Souveränität. Auch Marc Aurels Forderung nach Humanität und Gerechtigkeit machte er sich zu eigen. Denn ein hemdsärmeliger prinzipienloser „Macher“ war Schmidt weder als Senator in Hamburg noch als Minister und Bundeskanzler in Bonn. Politik war für ihn bei allem Pragmatismus an klare Wertvorstellungen und ethische Normen gekoppelt. Er legte gesteigerten Wert darauf, vernunftorientiert und philosophisch fundiert zu handeln.

In seiner Bewunderung spielte es für Schmidt eine untergeordnete Rolle, dass Marc Aurel als Kaiser (161 bis 180 nach Christus) mitnichten so vorbildlich und gelassen agiert hatte, wie es in den „Selbstbetrachtungen“ gefordert wurde. Vielmehr setzte er – wie Schmidt später erfuhr – die Interessen des römischen Imperiums mit großer Härte durch. Er führte mehrere Kriege, machte die Abschaffung der Sklavenfolter rückgängig und forcierte die Christenverfolgung. Keineswegs stellte Schmidt dies bei der Bewertung der historischen Person in Abrede, betonte aber gleichzeitig, dass Marc Aurel sein Buch nur für sich, gewissermaßen als Selbstdialog geschrieben habe, um die politische Wirklichkeit mit seinem persönlichen Anspruch abzugleichen. Den Menschen der Antike war dieses schriftlich fixierte Ringen um die eigene Prinzipientreue übrigens nicht bekannt, erst im 10. Jahrhundert tauchte eine Handschrift von Marc Aurels Buch auf. Für Schmidt stand fest: Niemand müsse ein Heiliger sein, um zumindest mit einem Teil seiner Biografie als Vorbild dienen zu können.

Intellektuelle Fixsterne

Helmut Schmidt zählte als Sozialdemokrat auch Immanuel Kant, Max Weber und Karl Popper zu seinen intellektuellen Fixsternen. Wenn er diese bedeutenden Denker zitierte, wollte er damit zumeist signalisieren, dass er seine politischen Entscheidungen nicht leichtfertig, sondern wertebasiert traf. In seiner langjährigen Auseinandersetzung mit philosophischen und soziologischen Konzeptionen fokussierte er sich auf die Übernahme von zentralen Versatzstücken, die er zum Maßstab für sein Handeln machte. An Kant faszinierte ihn der kategorische Imperativ, mithilfe von Max Weber dachte Schmidt über das richtige Verhältnis zwischen Augenmaß, Verantwortung und Leidenschaft in der Politik nach. Dem bedeutenden Soziologen folgend, charakterisierte er sich als Verantwortungsethiker, der stets die Konsequenzen seines Handelns abschätze und – im Gegensatz zu einem bloßen Gesinnungsethiker – bereit sei, dafür vorbehaltlos geradezustehen. Mit Popper, zu dem Schmidt als Bundeskanzler persönlichen Kontakt aufnahm, verband ihn das Bekenntnis zum kritischen Rationalismus sowie die Ablehnung von totalitären Weltanschauungen und Systemen.

Am Beginn dieser inspirierenden Reihe stehen die „Selbstbetrachtungen“. Im Zweiten Weltkrieg nahm Schmidt dieses Buch – wie viele andere Soldaten – in seinem Tornister sogar mit an die Front, zur inneren Stärkung, was angesichts der Brutalität des Kriegsgeschehens auch dringend nötig war. Marc Aurel, dessen 1900. Geburtstag in wenigen Tagen ansteht, regte ihn an, sich kritisch mit der spannungsreichen Beziehung zwischen Pflichterfüllung und Gelassenheit auseinanderzusetzen. Nach Kriegsende orientierte sich Schmidt an diesen beiden Maximen beim Aufbau und bei der Festigung der westdeutschen Demokratie, für die er bald Verantwortung übernahm, zunehmend in herausgehobenen Positionen. Ebenso wie die Reiterfigur steht das besagte Konfirmationsgeschenk, die im Kröner-Verlag erschienene Buchausgabe der „Selbstbetrachtungen“, heute nach wie vor in seinem Arbeitszimmer und hält die Erinnerung an diese einflussreiche Lektüre wach.

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