Trauer um Valéry Giscard d’Estaing

Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt verband eine enge Freundschaft, die entscheidend zur Versöhnung zwischen Franzosen und Deutschen beitrug. Foto: dpa

Private Korrespondenz zwischen Giscard und Schmidt, die von tiefer Verbundenheit zeugt. Quelle: Dokument HSA 962

Der frühere französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing ist tot. Er verstarb am 2. Dezember. Ihn und Helmut Schmidt verband eine enge politische Partnerschaft und persönliche Freundschaft.

Geprägt durch ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg standen beide für die Versöhnung zwischen Franzosen und Deutschen. Giscard d’Estaing und Schmidt gelten als Väter des Euro und initiierten die ersten informellen Treffen auf internationaler Ebene, die heutigen G7-Gipfel. Die beiden Staatsmänner einte der Wille, Nationales im Sinne des Europäischen Geistes zu überwinden. Valéry Giscard d’Estaing arbeitete daran bis ins hohe Alter weiter. So gehörte er von 1989 bis 1993 dem Europäischen Parlament an und wurde 2001 zum Präsidenten des Europäischen Konvents berufen.

Das enge freundschaftliche Verhältnis der beiden Staatsmänner dokumentiert auch eine private Korrespondenz, die im Helmut Schmidt-Archiv aufbewahrt wird. Nachzulesen hier.

Die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung empfindet tiefe Trauer über den Verlust eines großen Europäers.

In seinem Buch „Helmut Schmidt. 100 Seiten“ schildert Dr. Meik Woyke, Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer der Stiftung, das Verhältnis zwischen Giscard d’Estaing und Schmidt so:

„Mit dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing (1974–1981) verband Schmidt ein besonders positives Verhältnis. Beide telefonierten miteinander, wenn sie einen Rat benötigten, schätzten die Zuverlässigkeit des anderen und waren kongeniale Partner. Die politische Bedeutung der Achse zwischen Paris und Bonn ließ sich kaum überschätzen. Giscard d’Estaing und Schmidt pflegten ein ziemlich elitäres Verständnis von Außenpolitik, und sie entwarfen auf internationaler Ebene gemeinsame Handlungsstrategien. Ihre persönlichen Absprachen besaßen dabei mehr Gewicht als die Arbeit des politisch-administrativen Unterbaus. Minister, Staatssekretäre und Parlamentarier schienen in diesem Mechanismus bisweilen eher zu stören. Im Jahr 1974 machten sich Schmidt und Giscard d’Estaing für die Institutionalisierung des Europäischen Rats stark. Künftig fanden die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft regelmäßig zu Gipfeltreffen zusammen. Die Bundesrepublik Deutschland und Frankreich nahmen angesichts ihrer territorialen Größe und ökonomischen Stärke in der EG, die bis 1981 nur aus neun Mitgliedern bestand, fast zwangsläufig eine Führungsrolle ein. So konnten Giscard d’Estaing und Schmidt das von ihnen 1978/79 konzipierte Europäische Währungssystem mühelos gegen die übrigen Ratsmitglieder durchsetzen. Es sollte helfen, massive Kursschwankungen zwischen den Währungen der EG-Mitgliedsstaaten auszugleichen, und für geldpolitische Stabilität sorgen. Darüber hinaus initiierten Schmidt und Giscard d’Estaing die Weltwirtschaftsgipfel als Forum zur internationalen Krisenbewältigung, das erstmals 1975 auf Schloss Rambouillet bei Paris tagte. Obgleich das Konzept für die bald als G7-Gipfel bekannten Treffen in Arbeitsteilung entstanden war, überließ Schmidt in der Öffentlichkeit seinem französischen Partner den Vortritt, was schon die Auswahl des Tagungsorts zeigte. Als Bundeskanzler eines nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Teilstaats hegte Schmidt keine Zweifel, dass Frankreich als Nuklearmacht und mit einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat international einen weitaus festeren Stand als die Bundesrepublik hatte.“

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