Verteidigungsminister zwischen 68ern und Traditionalisten

Vor 50 Jahren, am 22. Oktober 1969, wurde Helmut Schmidt als Bundesverteidigungsminister vereidigt (hier 1972 bei einem Manöver). Er trieb bedeutende Reformprojekte der Bundeswehr voran und bezog dafür erstmals einfache Soldaten mit ein.
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In seinem Buch „Verteidigung oder Vergeltung“, das 1961 veröffentlicht wurde, und in dem Buch „Politik des Gleichgewichts“, das 1968 erschien und bis heute als Standardwerk gilt, skizzierte Helmut Schmidt seine Überzeugung für Frieden und Abrüstung und den Weg dorthin.
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22. Oktober 1969: Vor 50 Jahren übernahm Helmut Schmidt das Kommando auf der Bonner Hardthöhe

Hamburg, 22.10.2019. Vor 50 Jahren, am 22. Oktober 1969, wurde Helmut Schmidt als Verteidigungsminister der Regierung Brandt vereidigt. Im Spannungsfeld zwischen 68ern und Traditionalisten reformiert er die Bundeswehr. Seine Ziele: mehr Durchlässigkeit zwischen Armee und Gesellschaft, mehr Bildung und Mitsprache für die Soldaten, mehr Attraktivität der Truppe. Der neue Bundesminister der Verteidigung gründet die Bundeswehrhochschulen, – ganz Musikliebhaber – die Big Band der Bundeswehr und versucht die lange Mähne der Hippies mit Haarnetzen zu bändigen. Dr. Magnus Koch, Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektkoordinator Ausstellungen der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, fasst zusammen, was die Ära Schmidt im Ministerium auf der Bonner Hardthöhe ausmachte.

Nach der Bundestagswahl 1969 übernimmt erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine sozial-liberale Koalition die Regierung, ihr Kanzler heißt Willy Brandt. Helmut Schmidt ist bereits seit mehr als zehn Jahren einer der prominentesten Kenner sowohl von geostrategischen Fragen und Problemen wie auch der Bundeswehr selbst. Seine Zeit als Oberleutnant der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg und vor allem die Lehren, die er für sich daraus gezogen hat, kennzeichnen seinen Kurs.

International setzt sich Schmidt seit den späten 1950er-Jahren für Frieden und Abrüstung, für eine „Politik des Gleichgewichts“ ein, so auch der Titel eines bis heute anerkannten Standardwerks aus seiner Feder. Zu dieser Politik gehört auch eine glaubwürdige Abschreckung durch starke eigene Streitkräfte. Nach innen kämpft der neue Verteidigungsminister für Demokratisierung im Sinne des Konzepts der „Inneren Führung“ der Bundeswehr: eine feste Verankerung der 1955 gegründeten Streitkräfte in der Gesellschaft, das letzte Entscheidungsrecht des Parlaments gegenüber der militärischen Sphäre, umfassende, auch politische Bildung für die Soldaten sowie der Abbau von Bürokratie. Zur Erreichung dieser Ziele lässt der neue Verteidigungsminister in großem Maßstab die gut 450.000 Soldaten und Zivilangestellten befragen, stellt sich Diskussionen und setzt ein höchst ambitioniertes Reformprogramm durch.

Dabei zeigt Schmidt die „Ecken und Kanten“, für die er schon bekannt ist. Die Widerstände, denen er begegnet, kommen zum einen von Vertretern der 68er-Bewegung. Für sie ist er und seine Agenda autoritär oder gar militaristisch. Die „Traditionalisten“ in der Truppe, meist höhere Offiziere, die schon in der Wehrmacht gedient haben, halten zumeist nicht allzu viel von Demokratie bei der Bundeswehr. Sie wehren sich gegen Schmidt – dieser lässt daraufhin eine größere Anzahl Generale in den Ruhestand versetzen.

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