Weit jenseits von Ressort- und Landesgrenzen

Helmut Schmidt (links) mit Wirtschaftssenator Karl Schiller (Mitte) und Ernst Plate (Vorstandsvorsitzender der HHLA) auf der internationalen Messe in Chicago, August 1950. Foto: Helmut Schmidt-Archiv

Verlagsankündigung des Nordwestdeutschen Werbeverlags für das Sammelwerk „Wegweiser durch die Verkehrswirtschaft und ihre Ordnung“. Die redaktionelle Leitung lag bei Helmut Schmidt, Leiter des Amtes für Verkehr, Hamburg. Quelle: Helmut Schmidt-Archiv

Hamburgs Verkehrsaufgabe, Broschüre herausgegeben vom Amt für Verkehr (1952). Quelle: Helmut Schmidt-Archiv

Der Artikel zeigt, wie wichtig es Schmidt war, das Thema Luftverkehr und damit auch seine Arbeit als Amtsleiter anschaulich darzustellen. Quelle: Helmut Schmidt-Archiv

Autor: Dr. Magnus Koch, Leiter des Arbeitsbereichs Ausstellungen und Geschichte der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Foto: BKHS/Zapf.

Die frühe Karriere Helmut Schmidts als Amtsleiter in Hamburg

Helmut Schmidts Rolle als Polizeisenator während der Hamburger Sturmflut und später als Innensenator in Zeiten der Spiegel-Affäre ist weithin bekannt; sie verschaffte dem Landespolitiker erstmals über die Stadtgrenzen Hamburgs hinaus große Aufmerksamkeit. Kaum jemand weiß jedoch von seinen ersten Ämtern in der Hamburger Verwaltung seit Anfang der 1950er-Jahre. Eine Recherche im Helmut Schmidt-Archiv fördert dazu spannendes Material zutage.

Vor fast 70 Jahren, im Februar 1952, übernahm Helmut Schmidt mit 33 Jahren die Leitung des Amtes für Verkehr in Hamburg. Nach Abschluss seines Volkswirtschaftsstudiums an der Universität Hamburg im Jahre 1949 hatte Schmidt zuvor als persönlicher Referent des Wirtschaftssenators Karl Schiller (SPD) in der Hamburger Verwaltung begonnen. Bereits im Frühjahr 1951 übernahm er dann die wirtschaftspolitische Abteilung in der Behörde. Nach seinem Wechsel auf den Amtsleiterposten 1952 zog er bereits ein Jahr später für die SPD in den Deutschen Bundestag ein. Von 1961 bis 1965 sollte er noch einmal in Hamburg wirken – in der Funktion des Polizei- beziehungsweise Innensenators der Freien und Hansestadt.

Der Blick in die Dokumente zeigt, dass Schmidt unter „Verkehrspolitik“ weit mehr verstand als die Entwicklung der Infrastruktur seiner Heimatstadt. Bereits als Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung seiner Behörde hatte er sich intensiv mit Problemen der Hafenentwicklung und des Schiffbaus beschäftigt, sich dafür auch auf Bundesebene und gegenüber den britischen Alliierten eingesetzt. Schmidt wusste um die überragende Bedeutung des Hafens für Hamburg und vertrat im Jahre 1950, gemeinsam mit dem Schiller und dem Vorstandsvorsitzenden der Hamburger Hafen- und Lagerhausgesellschaft (HHLA) Ernst Plate seine Stadt auf einer internationalen Messe in Chicago. Der Besuch diente der internationalen Vernetzung, den die Hamburger Delegation intensiv nutzte.

Das Foto aus Chicago zeigt einen überaus selbstbewussten Schmidt neben seinem Vorgesetzten, der nicht nur einer von Schmidts akademischen Lehrern war. Beide sollten später im ersten Kabinett von Willy Brandt (1969 bis 1972) Ministerkollegen in Bonn werden. Schmidt löste Schiller 1972 als „Superminister“ für Finanzen und Wirtschaft ab.

Weitausgreifende Konzeptionen

Schmidt machte sich nach Amtsantritt im Februar 1952 an die Konzeption eines umfassenden Sammelwerks zur Verkehrspolitik, den „Wegweiser durch die Verkehrswirtschaft und ihre Ordnung“, der 1954 erschien. Darin vereinte er eine große Zahl an Experten aus den Bereichen Infrastruktur, Bundesbahn, Straßenbau, Hafen- und Bauwirtschaft, Luftfahrt-, Post- und Speditionswesen, Industrie und Handel. Die Redaktion besorgte Schmidt selbst, in seinem politischen Nachlass finden sich handschriftliche Notizen über versandte Rezensionsexemplare und erschienene Besprechungen. Auf fast 600 Seiten, inklusive Anhang mit Landkarten und Statistiken, sollte der Band auch für interessierte Laien einen guten Zugang zum komplexen Thema ermöglichen – eine Zielsetzung, die allerdings zumindest aus heutiger Sicht ambitioniert erscheint. Konsequent ist dieser Ansatz jedoch allein vor dem Hintergrund, dass es Schmidt während seiner gesamten Zeit als Politiker stets wichtig war, den Menschen auch schwierige politische Inhalte zu erklären. Dafür sprechen eine ungeheure Fülle von Texten, die er seit Kriegsende für unterschiedliche Zwecke verfasste, darunter auch zahlreiche Zeitungsartikel. In einem Text aus dem April 1953 etwa warb der Amtsleiter Schmidt persönlich für den aufstrebenden Hamburger Flughafen in Fuhlsbüttel.

Wichtiger noch ist ein weiterer Punkt, der Schmidts ausgreifendes Denken schon in diesen frühen politischen Jahren kennzeichnete: Er dachte die Zukunft der Infrastrukturplanung von Anfang an im europäischen Maßstab. So setzte er sich intensiv mit den Verkehrswegen von und nach Hamburg bis nach Südosteuropa auseinander, suchte den Austausch mit Sachverständigen aus Wirtschaft, Verkehr und Politik und verband diese Gespräche oft mit ausgedehnten Reisen. Schmidt erkannte, dass Hamburg, infolge der deutschen Teilung und der Errichtung eines „Eisernen Vorhangs“ bedeutende Teile seines wirtschaftlichen „Hinterlands“ verloren hatte. Notwendig war für ihn deshalb, das Verhältnis von Luftfahrt, Bahnverkehr, Binnenschifffahrt und Autobahnnetz zueinander gesetzlich neu zu regeln. Nur wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs sah er hier eine „zerstörerische Konkurrenz“ am Werk, die es insbesondere der Wirtschaft der jungen Bundesrepublik schwer mache.

Denken in großen Zusammenhängen

Bemerkenswert ist beim Blick in die Dokumente ein weiterer Aspekt. Schmidt beschäftigte sich Anfang der 1950er-Jahre nicht nur mit Wirtschaft und Infrastrukturpolitik im Stadtstaat. Bereits seit Studientagen verfolgte er eine Reihe von Großthemen, mit denen er sich auch auf zahllosen Vorträgen vor allem im norddeutschen Raum beschäftigte: Als politischer „Wanderprediger ehrenhalber“ beschrieb Schmidt 1999 gegenüber seinem Biografen Hartmut Soell seine Tätigkeit in dieser Zeit. Er sprach auf Wahlkampfveranstaltungen, in SPD-Ortsvereinen und vor Jungsozialisten, vor Frauenarbeitsgemeinschaften und in Versammlungen der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), der IG-Metall und des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Seine Themen: allgemeine Wirtschaftspolitik, Lohn- und Preispolitik, der europapolitische Schuman-Plan zur Regelung von Kohle- und Stahlproduktion, Investitionslenkung und Steuerpolitik, Weltwirtschaft und Sozialismus und vieles mehr.

Dieses breite Themenspektrum ermöglichte es ihm, tiefer in politische Prozesse einzutauchen und wichtige Zusammenhänge zu erkennen. Bereits im Rahmen seiner ersten Legislatur im Deutschen Bundestag (1953-1957) war er Mitglied in den Ausschüssen für Verkehr und Wirtschaft, für Fragen der europäischen Sicherheit und im Verteidigungsausschuss, außerdem berief ihn seine Fraktion in den Verwaltungsrat der Post. Bereits in seiner Zeit als Amtsleiter in Hamburg hatte er zudem in der Redaktionskommission des SPD-„Aktionsprogramms“ von 1952 mitgearbeitet, dem ersten ausführlichen Sachprogramm der Partei nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Diesen interdisziplinären Blick (nicht nur) auf verschiedene Politikbereiche behielt er bis ins hohe Alter.


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