Woran denken Sie bei einer Geschichte der Bonner Republik?

Bildrechte: Rowohlt Verlag

Autor: Axel Schuster, Archivar der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Bildrechte: Zapf

Marion Dönhoff, Helmut Schmidt, Theo Sommer (Hg.), Rowohlt 1999

An dieses schlanke Deutschland mit der Insel (West)Berlin auf der Landkarte der Tagesschau? Die Bundeshauptstadt als griffiges „Bonn“ wird durch die drei Herausgeber Marion Dönhoff, Helmut Schmidt und Theo Sommer in dieser ZEIT-Geschichte von 1949 bis 1999 im Buchtitel wieder aufgenommen. Helmut Schmidt stößt dabei als langjähriger Politiker der Bonner Republik, der viel Geschriebenes in diesem Buch durchlebte, als letzter der drei zum Journalismus dazu.

Wie viele der rund 2600 ZEIT-Ausgaben über den Zeitraum von 1949-1999 Helmut Schmidt gelesen hat, ist nicht überliefert. 1983 berief der Verleger Gerd Bucerius den Bundeskanzler a.D. zum Herausgeber der Wochenzeitung nach Hamburg. Schmidt schrieb über den Zeitraum von 32 Jahren etwa 300 Artikel. Neben dem neuen Beruf als Herausgeber wurde Schmidt zu einem gefragten Journalisten und Bestsellerautor.

Der lesenswerte Artikel „Einer unserer Brüder“ führt in das Jahr 1987 zurück. Schmidt beschreibt den Staatschef der DDR, Erich Honecker, vor seinem Besuch in Bonn als einen Realisten, der keinen sozialistischen Träumen mehr nachhängt. Schmidt kritisiert den Mauerbau von 1961 als das organisatorische Hauptwerk Honeckers. Er spricht ihm seinen Respekt im Widerstand gegen Hitler aus. Er zeichnet Honecker von 1987 als einen alten, klugen und auch verbindlichen Mann. Schmidt beschreibt ihn als einen Mann, der sich und sein Land anerkannt fühlt. Nun löste sich der Minderwertigkeitskomplex der DDR-Staatsführung endlich auf. Schmidt traf Honecker in den letzten zwölf Jahren fünfmal. Der denkwürdige Besuch von Güstrow mit dem Heer an Staatssicherheit gerät dabei kurz. Beeindruckend sind die Schlusssätze: „Seit Jahren haben wir an die tausendmal von den Deutschen in der DDR als unseren Brüdern und Schwestern geredet. Laßt uns damit Ernst machen. Auch wenn Erich Honecker und wir politisch und parteipolitisch nie Freunde werden können, laßt uns ihn würdig empfangen – empfangt ihn als einen unserer Brüder!“ Eine starke Aufforderung, ein Satz zum Nachdenken: Freunde kann man sich aussuchen, Brüder nicht.

Wer diesen Schmidt-Artikel liest, wird sich wahrscheinlich auch für die folgenden zwei Beiträge zum Staatsbesuch in Bonn interessieren. Souverän und leichtfüßig bewegen sich Erich Honecker und seine Delegation in Bonn. Theo Sommer ruft in diesem Aufsatz „Deutschland: gedoppelt, nicht getrennt?“ dem Leser Zahlen von 1987 in Erinnerung, die nicht mehr so präsent sind dürften: es gab rund eine Million Westreise-Genehmigungen außerhalb des Rentenalters im Gegensatz zu 66000 Besuchen im Jahr 1985. Carl-Christian Kaiser beschreibt eine entspannte Atmosphäre in „Viele Wahrheiten, kein Augenzwinkern – Erich Honecker in Bonn: Im Umgang miteinander sind die beiden deutschen Staaten erwachsen geworden“. Auch für Kanzler Kohl ist nun der Moment gekommen, den DDR-Staatschef in Bonn zu empfangen, protokollarische Schwierigkeiten wie die Anerkennung des „DDR-Regimes“ treten dabei in den Hintergrund. Spannende Lektüre bietet der Staatsbesuch von Willy Brandt in Erfurt 17 Jahre zuvor. Tragikomisch eröffnet der Autor Rolf Zundel seine Reportage „Seit Erfurt ist alles anders“ mit der Atmosphäre im Bahnhof, im Hotel Erfurter Hof und der Umgebung. Dicht beschrieben liest sich die Atmosphäre, wie die Staatssicherheit die Bevölkerung und ihre Meinungsrufe nur schwer in den Griff bekam. Die Stimmung zwischen Willy Brandt und dem DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph war eisig. Es war ein schwerer Anfang auf dem Weg zu halbwegs normalen Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten. 1970 schien die deutsch-deutsche Wirklichkeit mehr auf Abgrenzung denn auf Annäherung zu stehen.

Im Mittelpunkt selbst steht Helmut Schmidt im Aufsatz von Theo Sommer „Ein Bundeskanzler für schweres Wetter“ zur Bundestagswahl von 1980. Im Vergleich mit Franz Josef Strauß schneidet Schmidt in allen Disziplinen besser ab. Die eindeutige Wahlempfehlung für die Fortsetzung sozial-liberaler Politik stimmt den bildungsbürgerlichen ZEIT-Leser hoffnungsvoll. Sommer endet mit düsteren Vorahnungen. „Im Jahre 1984 freilich, wenn Schmidt nicht wieder antritt und Brandt wie Wehner die Bühne verlassen haben werden, wenn die Union Franz Josef Strauß endlich ausgeschwitzt und sich ebenfalls in der Mitte wieder einen Standort und einen Kanzlerkandidaten gesucht haben wird – im Jahre 1984 ist es dann wohl Zeit zum Wechsel.“ Schon mit der Bundestagswahl von 1983 traf diese Prognose ins Schwarze.

Dieses Buch zur Bonner Geschichte versammelt eine Vielzahl lesenswerter Aufsätze aus der ZEIT wie ein „Best of“ von 1949-1999, darunter erstklassige Reportagen früherer ZEIT-Redakteure und Autoren. Die Themenvielfalt ist dabei so breit wie die Geschichte der Bonner Republik.

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