Objekt der Woche: Die Superminister

(c) Behrendt, Fritz/Görtemaker, Manfred (2016): "Helmut Schmidt in Karikaturen: Eine visuelle Geschichte der Kanzlerschaft"

Am 07. Juli 1972 wurde Helmut Schmidt, seit 1969 Verteidigungsminister im 1. Kabinett Willy Brandt, zum Superminister für Wirtschaft und Finanzen ernannt. Er übernahm das Amt von dem zurückgetretenen Karl Schiller und behielt es ein halbes Jahr lang bis zur Bundestagswahl im November.

Der Sozialdemokrat Karl Schiller – der von 1948 bis 1953 Senator für Wirtschaft und Verkehr in Hamburg gewesen war und in dieser Funktion 1952 Chef von Helmut Schmidt, dem Leiter des Amtes für Verkehr – trat Anfang Juli 1972 entnervt zurück. Obwohl Schiller 1969 noch maßgeblich zum Wahlsieg der SPD beigetragen hatte, zermürbten ihn die wachsenden innerparteilichen Konflikte und die Doppelbelastung aus Wirtschaft und Finanzen. In seinem Rücktrittsgesuch an seinen Freund Bundeskanzler Willy Brandt schrieb der Professor für Volkswirtschaftslehre, der auch als akademischer Lehrmeister Schmidts bezeichnet wird: „Es gibt aber auch für mich Grenzen – diese sind gegeben, wenn ich der auf meinem Amt beruhenden Verantwortung diesem Staat und seinen Bürgern gegenüber nicht mehr gerecht werden kann, weil ich nicht unterstützt bzw. sogar daran gehindert werde.“ (https://www.zeit.de/1972/29/dokumente-der-woche)  

Zum Nachfolger des Superministers machte Willy Brandt ausgerechnet Helmut Schmidt, der ebenfalls zu den politischen Gegnern Schillers gezählt wurde. In der heißen Phase des Wahlkampfes musste der neue Bundeswirtschafts- und Finanzminister nun CDU-Slogans entgegentreten, die dem Wähler suggerieren wollten, die SPD stehe der Marktwirtschaft kritisch gegenüber. Dem Ökonom Schmidt fiel dies nicht schwer, wie in einem Spiegel-Interview vom 14.08.1972 kurz nach seiner Ernennung über den Kurs der SPD deutlich wird. Hier kommt Schmidt-Schnauze wieder durch: 

SPIEGEL: Herr Schmidt, jetzt haben Sie an einem ganz einleuchtenden Beispiel den Unterschied Ihrer marktwirtschaftlichen Auffassung von der anderer charakterisiert. Würden Sie den Unterschied auch einmal grundsätzlich erläutern?
SCHMIDT: Ne, ich bin doch kein Professor; ich bin Politiker.
SPIEGEL: Und das schließt grundsätzliche Bemerkungen aus?
SCHMIDT: Es ist nicht meine Aufgabe, morgens um zehn, wo ich sowieso noch nicht richtig denken kann wissenschaftlich haltbare Definitionen vom Stapel zu lassen. Das ist Sache von Professoren, die ein Jahr lang Assistenten darüber haben arbeiten lassen, ehe sie sich dazu herbeilassen.

Hier das ganze Spiegel-Interview mit dem Titel: „Mit Worten allein kann man nicht kämpfen“.

Die Bundestagswahl 1972 gewann die SPD und im 2. Kabinett Brandt wird das Superministerium wieder aufgeteilt. Die FDP übernimmt das Wirtschaftsministerium; Helmut Schmidt bleibt Finanzminister.

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