Auf den Spuren von Helmut Schmidt durch Hamburg wandeln

Schmidt-Map führt an überraschende Orte – Historische Fakten in kompakter Form

Liebe Leser*innen,

wir melden uns zurück aus der Sommerpause und hoffen, Sie haben eine gute Zeit verbracht. Während in manchen Bundesländern die Ferien bereits zu Ende sind, freuen sich einige von Ihnen sicher auf weitere freie Tage. Falls Sie auf der Suche nach Inspiration für einen Kurztrip sind: Wir empfehlen eine Reise ins sommerliche Hamburg, die Heimatstadt von Helmut Schmidt. In unserem heutigen Schmidtletter stellen wir Ihnen ein paar Schmidt-Orte in der Hansestadt abseits von Michel und Elbphilharmonie vor lassen Sie sich überraschen.

Viel Vergnügen bei der Lektüre wünscht Ihnen
Ihre Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung



Helmut Schmidt war seiner Heimatstadt biografisch auf so vielfältige Weise verbunden wie wohl kein anderer deutscher Staatsmann: geboren in der Frauenklinik Finkenau, Abitur an der Lichtwarkschule in Winterhude, getraut im Standesamt Uhlenhorst, zu Hause für fast 54 Jahre am Neubergerweg in Langenhorn und begraben auf dem Friedhof Ohlsdorf. Auf der politischen Ebene wirkte er nach beruflichen Anfängen in der Verkehrsverwaltung als Polizei- bzw. Innensenator und als Bundestagsabgeordneter zuerst für den Wahlkreis Hamburg VIII, später für Bergedorf. Zeugnisse einer solch engen Beziehung sind etwa die für den Norddeutschen Rundfunk nach Schmidts Drehbuch entstandene Fernsehdokumentation „Ein Mann und seine Stadt“ (1986) sowie der Text- und Interviewband mit seinen „Hamburger Ansichten“ (2015), aber auch das von dem befreundeten Journalisten Matthias Naß verfasste Büchlein über „Helmut Schmidts Hamburg“ (2019).

Vom Archiv ins Netz

Diese Veröffentlichungen waren für das Geschichtsteam der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung der Anlass, sich in den Archiven weiter auf die Suche zu machen. Ergebnisse unserer Recherchen haben wir auf der interaktiven Schmidt-Map zusammengetragen, wo aktuell 60 Orte angeklickt werden können. Somit bietet sich allen Interessierten die Chance, historisch-politische Bildung und Freizeitgestaltung zu verbinden – je nach Laune und Wetter direkt in der Stadt unterwegs oder auch bequem vom heimischen Sofa aus. Die Navigation erfolgt entweder geografisch über ausgewählte Touren (Altstadtroute, Wallanlagenroute, Kanalroute) oder inhaltlich über einzelne Themen (Privatleben, Landespolitik, Bundespolitik, Kultur und Konsum, Erinnerungsorte). Jeder Ortseintrag zeigt neben knappen Informationen eine zeithistorische Quelle, also einen Filmausschnitt, ein Foto oder ein Textdokument.

Eine Frage des Glaubens

Eher noch ein Geheimtipp unter den Einträgen zum Privatleben ist die Kirche St. Gertrud am Kuhmühlenteich, gelegen ganz in der Nähe der geografischen Mitte Hamburgs. Der 15-jährige Helmut wurde am 11. März 1934 in dem Uhlenhorster Gotteshaus konfirmiert, in dem 1916 bereits die Trauung seiner Eltern stattgefunden hatte – und in dem er 50 Jahre später seine Goldene Konfirmation feiern sollte. Rückblickend erinnert sich Schmidt, dass die von einem Onkel als Geschenk überreichten „Selbstbetrachtungen“ des römischen Kaisers Marc Aurel intellektuell reizvoller gewesen seien als seine Lektüreerfahrungen mit Bibeltexten. Außerdem habe ihn als Jugendlichen neben der in Kirchen gespielten Musik vor allem deren Architektur beeindruckt, wofür St. Gertrud angesichts der Verwendung von 460 verschiedenen Steinsorten und des bis zur Spitze gemauerten Turms sicher ein gelungenes Beispiel ist.

Sport als Politik

Zu den mehr oder weniger geliebten Repräsentationspflichten eines Regierungschefs gehört es, bei freiem Eintritt Sportveranstaltungen zu besuchen. Auf der Galopprennbahn im Stadtteil Horn war Schmidt über viele Jahre ein gern gesehener Ehrengast, der das gebotene Podium zu nutzen verstand und im Gegenzug für ein gesteigertes Interesse der Medien sorgte. Indes hielt sich sein Erlös aus den Pferdewetten laut der bestens informierten Boulevardpresse eher in Grenzen, da er etwa beim Herbstmeeting am 16. September 1979 abwechselnd falsch und richtig tippte. Übrigens saß Schmidt in ähnlich offizieller Funktion Ende Juni 1974 auf der Ehrentribüne des Volksparkstadions, als Jürgen Sparwasser im innerdeutschen Fußballduell die Mannschaft der DDR zum 1:0-Vorrundensieg schoss – Weltmeister wurde zwei Wochen später aber die Bundesrepublik.

Bühne für den Bundeskanzler

Gerne nutzte Schmidt seine Heimatstadt als politische Plattform: Dies galt nicht nur für Besuche befreundeter Staatsmänner im Langenhorner Privathaus, sondern auch für Anlässe wie die Eröffnung des neuen Elbtunnels am 10. Januar 1975. Zwar hatten die Bauarbeiten bereits 1968 während der Kanzlerschaft von Kurt Georg Kiesinger begonnen und die fachliche Zuständigkeit lag eigentlich beim Bundesministerium für Verkehr. Aber Schmidt ließ es sich nicht nehmen, das über drei Kilometer lange Bauwerk vor großem Publikum für den Kraftverkehr freizugeben. Zur Folklore der Feierlichkeiten gehörte neben einem teils auf Platt vorgetragenen „Elbtunnelwitz“ der zeremonielle Schluck aus einem überdimensionierten Bierglas. Zuvor hatten ungefähr 600.000 Menschen die seltene Gelegenheit ergriffen, einmal trockenen Fußes zwischen Övelgönne und dem Hafenareal spazieren gehen zu können.

Ehrung mit Misstönen

Nach Ende der sozial-liberalen Koalition im Herbst 1982 verlagerte sich Schmidts Arbeitsschwerpunkt vom Rhein zurück an die Elbe, obgleich er noch bis 1987 ein Bundestagsmandat innehatte. Am 22. Dezember 1983 verlieh ihm die Hansestadt im Rathaus auf Vorschlag des Senats das Ehrenbürgerrecht für „hervorragende staatsmännische Leistungen“. Anders als SPD und CDU lehnte die erst seit Kurzem in der Bürgerschaft vertretene Grün-Alternative Liste eine solche Auszeichnung entschieden ab. Vor der Abstimmung ergriff der GAL-Abgeordnete Thomas Ebermann das Wort, um einen „heuchlerischen Konsens“ der beiden großen Parteien zu beklagen und dem Altkanzler eine demokratiegefährdende „Lust am Krisenstab“ zu bescheinigen. Laut Berichten der Lokalpresse verfolgte Schmidt die Gegenrede „mit versteinertem Gesicht“, bedankte sich beim anschließenden Empfang dann aber höflich „für Zuspruch und Polemik“.

Orte der Erinnerung

Schmidt blieb Hamburg bis zu seinem Tod am 10. November 2015 eng verbunden, unter anderem als Zeit-Herausgeber und viel besuchter Elder Statesman. Von der Wertschätzung in der Heimatstadt zeugen nach ihm benannte Einrichtungen wie der Flughafen und die Bundeswehr-Universität, ein Gymnasium und ein Studierendenhaus. Seit Sommer 2021 präsentiert auch unsere Ausstellung „Schmidt! Demokratie leben“ im Kontorhausviertel spannende Einblicke in ein Jahrhundert deutscher wie internationaler Zeitgeschichte.

Am Freitag, den 26. August, führt der Autor Dr. Johannes Zechner ab 18 Uhr exklusiv entlang der Schmidt-Map durch die Hamburger Altstadt. Melden Sie sich hier für den kostenlosen Rundgang an.

 

Mit 15 Jahren wurde Helmut Schmidt in der Kirche St. Gertrud konfirmiert.

© Helmut Schmidt-Archiv

 

Auf der Galopprennbahn im Hamburger Stadtteil Horn waren Loki und Helmut Schmidt gern gesehene Ehrengäste.

© picture alliance

Am 10. Januar 1975 eröffnete Helmut Schmidt den neuen Elbtunnel vor großem Publikum.

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Über das Ehrenbürgerrecht für "hervorragende staatsmännische Leistungen" stimmten die Bürgerschaftsabgeordneten im Hamburger Rathaus am 22. Dezember 1983 ab.

© BKHS/Zapf

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