Helmut Schmidt sitzt gut gelaunt im neuen Büro, 09.05.1983.

Helmut Schmidt

Politiker, Publizist und Vordenker: Helmut Schmidt ist einer der bedeutendsten deutschen Staatsmänner des 20. Jahrhunderts. Seine Ideen und Werte prägten die deutsche und internationale Politik nachhaltig. Was trieb ihn an, welche Prinzipien leiteten sein Handeln – und warum sind seine Impulse heute wichtiger denn je?

Biografie

1918

Helmut Schmidt wird am 23. Dezember 1918 in Hamburg geboren.

1937

  • Reifeprüfung an der Hamburger Lichtwarkschule Ableistung des Reichsarbeitsdienstes
  • Einberufung zu einem zweijährigen Wehrdienst

1939 – 1945

Als Soldat bei der Luftwaffe, Teilnahme u.a. am Krieg gegen die Sowjetunion und in den letzten Kriegswochen an Rhein und Mosel, ansonsten Verwendung im „Heimatkriegsgebiet“, Dienst zumeist als Ausbilder für leichte Flugabwehrkanonen (letzter Dienstgrad Oberleutnant)

1942

Heirat mit Hannelore ("Loki") Glaser in Hamburg (1944 Geburt des Sohnes Walter, der vor seinem ersten Geburtstag stirbt; 1947 Geburt von Tochter Susanne)

1945

  • Rückkehr aus britischer Kriegsgefangenschaft
  • Zum Wintersemester Aufnahme eines Studiums der Volkswirtschaftslehre und der Staatswissenschaften an der Universität Hamburg (Abschluss 1949)

1946 – 1948

  • Eintritt in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) (1946)
  • Übernahme des Vorsitzes des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (1947)

1949 – 1953

Zunächst Referent, später Abteilungsleiter in der Behörde für Wirtschaft und Verkehr in Hamburg unter dem Senator (und späteren Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen) Karl Schiller

1953 – 1961

  • Mitglied des Deutschen Bundestages, Wahl in den Bundesvorstand der SPD (1958)
  • Mitglied in mehreren Ausschüssen (u.a. Verkehr, Wirtschaft, europäische Sicherheit)

1961 – 1965

  • Nach der für die SPD verlorenen Bundestagswahl 1961 Rückkehr nach Hamburg, dort zunächst Polizeisenator, später Innensenator
  • Sturmflut in Hamburg: Im Zuge der Rettungsmaßnahmen im Februar 1962 begründet Helmut Schmidt seinen Ruf als Krisenmanager
  • Rückkehr nach Bonn als Bundestagsabgeordneter, vorgesehen als Minister in der Regierungsmannschaft des SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt, die SPD verliert die Bundestagswahl jedoch erneut

1966 – 1969

  • Nach dem vorzeitigen Ende der CDU/CSU/FDP-Regierung Bildung der ersten Großen Koalition von CDU und SPD
  • Übernahme des SPD-Fraktionsvorsitzendes im Bundestag für den schwer erkrankten Fritz Erler (1966/1967)

1968 – 1984

Stellvertretender SPD-Vorsitzender

1969 – 1972

  • Im Oktober 1969 als Verteidigungsminister im ersten sozialliberalen Kabinett Willy Brandt vereidigt
  • Veröffentlichung der verteidigungspolitischen Schrift „Strategie des Gleichgewichts“ (1969)

1972 – 1974

Finanzminister im zweiten Kabinett Willy Brandt (zwischenzeitlich zusätzlich Übernahme des Wirtschaftsministeriums)

1974 – 1975

Am 16. Mai 1974 Wahl zum fünften Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland - Übernahme des Amtes vom zuvor zurückgetretenen Willy Brandt

Die ersten Seiten aus dem Original-Redemanuskript mit den handschriftlichen Anmerkungen Schmidts | PDF | (c) HSA

Bulletin der neuen Bundesregierung

Faltblatt der SPD

1976 – 1977

  • 3. Oktober 1976: Bestätigung der Kanzlerschaft bei der Bundestagswahl gegen den CDU-Spitzenkandidaten Helmut Kohl
  • Serie von Groß-Demonstrationen und Protesten gegen Atomkraftwerke und -anlagen in Deutschland (Brokdorf, Gorleben usw.), die Bundesregierung hält an der Kernkraft fest
  • Reise nach Auschwitz/Polen (1977); Helmut Schmidt spricht von einer seiner schwersten Reisen
  • Im „Deutschen Herbst“ (1977) und darüber hinaus entschiedene und konsequente Haltung gegenüber den Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF)
  • Im gleichen Jahr vielbeachtete Rede im Londoner International Institute for Strategic Studies, Entwurf eines Konzepts zur Herstellung eines strategischen Gleichgewichts von Atomwaffen in Europa

1978 – 1979

  • Besuch des Staats- und Parteichefs der Sowjetunion Leonid Breschnew im Haus Helmut und Loki Schmidts in Hamburg-Langenhorn (1978), Gespräche u.a. über nukleare Abrüstung
  • Die Regierungschefs Frankreichs, Großbritanniens, der Bundesrepublik und der USA treffen eine Vorentscheidung für den NATO-Doppelbeschluss auf der karibischen Insel Guadeloupe (1979), formeller Beschluss der NATO-Mitgliedstaaten am 12. Dezember des Jahres
  • Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt initiieren gemeinsam das Europäische Währungssystems (EWS) (1979) und schaffen damit die Basis für die spätere Einführung des Euro
  • Veröffentlichung der Schriften „Als Christ in der politischen Entscheidung“ (1976) und der „Der Kurs heißt Frieden“ (1979)

1980 – 1981

  • Abrüstungsgespräche mit der sowjetischen KP-Führung in Moskau und Bonn
  • 5. Oktober: Helmut Schmidt gewinnt die Bundestagswahl gegen Franz Josef Strauß (CSU) und wird am 5. November 1980 zum Kanzler gewählt
  • Gespräche mit DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker (Fortsetzung der Politik „Wandel durch Annäherung“)
  • Beginn einer Serie großer Friedensdemonstrationen gegen die nukleare Nachrüstung in der Bundesrepublik (bis Mitte der 1980er Jahre), Helmut Schmidt setzt seine Position pro-NATO-Doppelbeschluss gegen starke Widerstände in der Gesellschaft wie auch in der eigenen Partei durch

1982

1983 – 1993

1993 – 2015

  • Weiterführung seiner umfassenden Publikationstätigkeit („Menschen und Mächte“, „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“, „Außer Dienst“ uvm.), viele der insgesamt rund 50 Publikationen werden zu Bestsellern, außerdem hunderte Beiträge in Büchern, Zeitungen und Zeitschriften
  • Ausgedehnte internationale Vortragsreisen, fortgesetzte Konsultationen zur Überwindung internationaler Probleme und Krisen mit Politikern, Wissenschaftlern, Ökonomen und anderen einflussreichen Persönlichkeiten in aller Welt; Überreichung zahlreicher Preise, Doktorwürden, Auszeichnungen und Ehrenbürgerschaften
  • 21. Oktober 2010: Loki Schmidt stirbt in Hamburg

2015

10. November 2015: Helmut Schmidt stirbt in Hamburg

Zitatesammlung

„Die Demokratie hat auch ein paar Schattenseiten, die muß man liebend in Kauf nehmen.“ 

(14. Januar 1979 in Der Spiegel

„In einer Sache, die ich für richtig halte, werde ich mich nicht der Mehrheit beugen.“ 

(19. Mai 1974 in Der Spiegel

„Die Pflicht zur Mitmenschlichkeit, das ist die Antwort auf die Sinnfrage.“ 

(“Außer Dienst”, München 2008, S. 73) 

„Ich würde für die Menschenrechte in meinem eigenen Staat notfalls auf die Barrikaden gehen“

(9. Januar 2014 in Die Zeit

„Ich sage vor allem jungen Menschen, daß Demokratie nicht allein aus dem Prinzip der Bildung von Mehrheiten besteht. Ihre, letztlich existentielle, Begründung findet Demokratie in der Humanisierung der Politik.“

(20. Oktober 1977, Regierungserklärung im Bundestag) 

„Keine Begeisterung sollte größer sein als die nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft.“ 

(10. September 1986, letzte Rede im Bundestag) 

„Politiker und Journalisten teilen sich das traurige Schicksal, dass sie oft heute schon über Dinge reden, die sie erst morgen ganz verstehen.“

(27. Januar 1989 in Die Zeit

  

„Der Weltfinanzmarkt und die Weltwirtschaft brauchen weltweit geltende Aufsichtsregeln und Sicherheitsstandards.“

(25. September 2008 in Die Zeit) 

„Ich muss Kompromisse eingehen. Ohne das Prinzip des Kompromisses ist das Prinzip der Demokratie nicht möglich.“ 

(Helmut Schmidt, Zum Ethos des Politikers, in: Sechs Reden, S. 61) 

„Wir Europäer haben keine Legitimation, die Prinzipien der Aufklärung mit Gewalt im Mittleren Osten auszubreiten.“

(29. März 2003, Rede zur Verleihung des Franz Josef Strauß-Preises) 

„Ein Land, in dem nicht gestreikt wird, ist keine Demokratie.“ 

(14. Januar 1979 in Der Spiegel

„Deutschland ist kein Einwanderungsland und will auch keines werden.“

(11. November 1981 während einer Sitzung des Bundeskabinetts) 

„Märkte sind wie Fallschirme: Sie funktionieren nur, wenn sie offen sind.“ 

(15. Mai 1983 in der Welt am Sonntag

„Ein Politiker darf sich nicht allgemeinen Stimmungen oder gar Massenpsychosen hingeben.“

(12. September 2008 in Bild