Bereits während der ersten Trump-Administration wurde gefordert, die Europäische Union (EU) müsse endlich „weltpolitikfähig“ werden, strategische Autonomie anstreben und „die Sprache der Macht lernen“. Im Zuge der „doppelten Zeitenwende“ – Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und zweite Präsidentschaft Donald Trumps – hat diese Debatte an Dynamik gewonnen. So wird beispielsweise über ein unabhängiges Europa als eigenständiger Pol der Weltpolitik und als „zukünftige militärische Großmacht“ diskutiert. Die Frage dahinter lautet: Ist die EU unter den veränderten Bedingungen internationaler Politikausübung und globaler Kräfteverschiebungen in der Lage, sich als eigenständiger Akteur zu behaupten oder begrenzen strukturelle Abhängigkeiten und eigene Versäumnisse dauerhaft eine derartige Rolle?
Vasall oder unabhängiger Akteur?
Die zweite Trump-Administration hat binnen zwölf Monaten die Defizite der weitgehend zwischenstaatlich organisierten EU-Außenpolitik und die Begrenztheit „europäischer Macht“ offengelegt. Mit Amtsantritt wurde die westliche Gemeinschaft ebenso aufgekündigt, wie die bislang angestrebte liberale, regelbasierte internationale Ordnung. Den ehemaligen Verbündeten scheint der Status von Vasallen zugedacht. Die historisch gewachsene Sicherheitspartnerschaft wird kontinuierlich infrage gestellt und an ökonomische Bedingungen sowie ideologische Gefolgschaft geknüpft. Die Ende 2025 veröffentlichten US-Strategiedokumente – Nationale Sicherheitsstrategie und Nationale Verteidigungsstrategie – richten sich offen gegen die EU, das Völkerrecht, den Multilateralismus und zentrale Formen globaler Ordnungspolitik. Washington beansprucht die Hegemonie in der „westlichen Hemisphäre“, verbunden mit beschränkter Souveränität der übrigen Staaten. Dass dies keine leeren Worte sind, wurde gegenüber Panama, Grönland und Kanada mit massiven Drohungen sowie gegenüber Venezuela und dem Iran mit rücksichtsloser Gewalt, Völkerrechtsbrüchen und offenen Androhungen von Kriegsverbrechen demonstriert.
Im April 2025 hat die Regierung Trump einen globalen Zollkonflikt begonnen, der auch die EU mit Strafzöllen von 30 Prozent belegte. Der bilaterale Handelsstreit endete (vorläufig) im August 2025 mit einer weitgehenden Akzeptanz US-amerikanischer Bedingungen durch Europa. Diese umfassen, neben einem einseitigen Zoll von 15 Prozent und umfangreichen europäischen Investitionszusagen, auch eine erhebliche Vertiefung der energiepolitischen (überwiegend fossilen), technologischen und rüstungsindustriellen Abhängigkeiten von den USA – bei gleichzeitig begrenzter Verlässlichkeit und Berechenbarkeit, wie spätestens der Krieg gegen den Iran deutlich aufgezeigt hat.
Selbstmarginalisierung statt strategischer Autonomie?
Helmut Schmidt mahnte einst die Weiterentwicklung der EU und eine gemeinsame außen- und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit an. Nur so könne sich diese als unabhängige Akteurin in einer zukünftigen Weltpolitik behaupten. Andernfalls drohe eine „selbstverursachte Marginalisierung“ im internationalen System. Werden die Vereinbarungen vom August 2025 umgesetzt und verfolgt die EU gegenüber der Trump-Regierung drei weitere Jahre eine Strategie aus Appeasement, Schmeicheleien, Zugeständnissen und selektiver Kooperation – trotz klarster Widersprüche zu den eigenen Werten, Zielen und Interessen –, dürfte Europa seiner Marginalisierung näherkommen. Zur unzureichenden Hard Power und zu vertiefter ökonomischer und technologischer Abhängigkeit käme dann auch ein massiver Verlust an Soft Power. Schon jetzt erodiert die Wahrnehmung der EU als eigenständige Akteurin in der internationalen Politik. Glaubwürdigkeit ist eine schwer aufzubauende Ressource und hängt wesentlich von der Übereinstimmung zwischen formulierten Werten und Zielen auf der einen sowie tatsächlichem Handeln auf der anderen Seite ab. Nathalie Tocci hat zu Recht darauf verwiesen, dass die führende Beteiligung der EU an der Ausarbeitung des ersten Atomabkommens mit dem Iran wesentlich auf die Nichtbeteiligung am Krieg gegen den Irak 2003 zurückzuführen sei.
Strategische Autonomie braucht mehr als Worte
Obwohl die bisherige Strategie der Europäer gescheitert ist und das Verhältnis zwischen Trump und den europäischen Spitzenpolitikern nachhaltig beschädigt scheint, sind die Aufbrüche in die Selbstständigkeit zögerlich und ohne die notwendigen (harten) Konsequenzen. Strategische Autonomie setzt wirtschaftliche Stärke und Wettbewerbsfähigkeit sowie technologische Souveränität voraus. Zudem benötigt sie gesellschaftliche Resilienz sowie ausreichende, eigenständige sicherheits- und verteidigungspolitische Fähigkeiten. Der Aufbau letzterer benötigt Zeit und ernsthafte Verhandlungen mit den USA, um die Sicherheitsrisiken zu begrenzen. Ein Erhalt der NATO und der damit verbundenen Sicherheitspartnerschaft, Fähigkeiten, Ressourcen und Basen liegt eindeutig auch im Interesse Washingtons. Starke globale Partnerschaften und der Aufbau eigener Ressourcen, Kapazitäten und Fähigkeiten können die Position Europas und seine Effektivität hierbei verstärken. Strategische Autonomie beginnt aber mit der Autonomie des Denkens und selbstständigem Handeln; für beides braucht es Mut und Entschlossenheit.




