Europäische Arktispolitik zwischen Anspruch und Realität

Ein Sicherheitsmanöver im Sturm

Blick auf das Meer über die Spitze eines großen Schiffs

Nach der ersten Arktisstrategie von 2012 aktualisierte die EU ihre Arktispolitik 2016 und 2021. Die aktuelle Strategie stützt sich nun auf drei Säulen: Klimaschutz, Förderung arktischer Gemeinschaften und internationale Kooperation. Ziel ist sowohl der Beitrag zum Green Deal als auch die Wahrung geopolitischer Interessen. Gleichzeitig ist die Rolle der EU in der arktischen Governance begrenzt: Im Arktischen Rat, dem zwischenstaatlichen Forum der acht Arktisanrainer, ist sie lediglich ad-hoc Beobachterin.

Auffällig ist, dass die Strategie trotz des russischen Angriffskriegs in der Ukraine, der NATO-Neubewertung und Trumps Wiederwahl seit 2021 nicht angepasst wurde. In der Sprache der Seefahrt lässt sich die europäische Arktispolitik als „Beidrehen und Beiliegen“ beschreiben: ein Sicherheitsmanöver im Sturm, bei dem das Schiff anhält, um die Lage zu sondieren – ohne klaren Kurs für die Weiterfahrt. Genau darin liegt das zentrale Problem der europäischen Arktispolitik. Diese Unstimmigkeit wird im Folgenden anhand einer genaueren Betrachtung von drei Dimensionen der EU-Arktispolitik aufgezeigt: dem Bereich der Sicherheits- und Geopolitik, dem Themenfeld von Wirtschaft, Energie und Infrastruktur sowie dem Anspruch einer wertegeleiteten Politik.

Sicherheits- und Geopolitik

Die europäische Arktispolitik scheitert sicherheitspolitisch nicht an fehlenden Bekenntnissen, sondern an mangelnder Durchsetzungsfähigkeit.

In ihren Strategiepapieren versteht sich die EU als stabilisierender Akteur im hohen Norden. Die Aktualisierung der Arktisstrategie 2021 markierte dabei einen wichtigen Schritt, da angesichts zunehmender russischer Militäraktivitäten erstmals eine strategische Dimension benannt wurde. Damit brach die EU vorsichtig mit dem nach dem Kalten Krieg etablierten Prinzip panarktischer Kooperation, das militärische Sicherheitsfragen weitgehend ausklammerte. Trotz verschärfter sicherheitspolitischer Rahmenbedingungen hält die EU am Leitbild einer „Low Tension Arctic“ fest, welches auf regelbasierter Ordnung, multilateraler Kooperation und internationalem Recht beruht. Die EU strebt eine stärkere Rolle in Sicherheitsfragen an, setzt dabei jedoch weiterhin auf Kooperation, insbesondere mit der NATO.

In der Praxis kollidiert dieser Anspruch zunehmend mit der Realität. Die EU verfügt kaum über eigene sicherheitspolitische Kompetenzen in der Arktis. Militärische Abschreckung, Präsenz und strategische Planung liegen bei der NATO und werden klar von den USA geführt. Diese Kooperation entspricht zwar dem Leitbild einer konfliktarmen Arktis, spiegelt jedoch nicht die geopolitische Realität wider, in der interne Widersprüche und schwindendes Vertrauen das Bündnis schwächen. Russlands Militarisierung, Chinas wachsende Ambitionen und der territoriale Anspruch der USA auf Grönland erfordern von der EU mehr als reaktives Handeln.

Besonders deutlich wird dies bei Sabotageakten an kritischer Infrastruktur. Zwischen 2022 und 2024 wurden mehrmals die Nord Stream Pipeline und Datenkabel zwischen Finnland, Estland, Schweden und den baltischen Staaten beschädigt. Die Reaktion der EU beschränkte sich auf Lageanalysen, Koordination und offizielle Stellungnahmen. Abschreckung, Überwachung und physischer Schutz lagen ausschließlich bei nationalen Streitkräften und der NATO. Eigene operative Instrumente zur präventiven Handlung oder glaubwürdigen Abschreckung besitzt die EU nicht, wodurch ihre sicherheitspolitische Durchsetzungsfähigkeit stark begrenzt bleibt.

Wirtschaft, Energie und Infrastruktur

Die EU will die Arktis wirtschaftlich gestalten, doch ohne Koordination bleibt ihr Einfluss symbolisch.

Wirtschaftlich verfolgt die EU das Ziel, die Arktis als Bestandteil der grünen Transformation und der strategischen Resilienz Europas zu erschließen. Die Region soll zur Diversifizierung von Energie- und Rohstofflieferketten beitragen, insbesondere im Hinblick auf kritische Rohstoffe für die Energiewende. EU-Förderprogramme, die Einbindung arktischer Regionen in transeuropäische Netze (TEN-T) sowie die europäische Rohstoffstrategie unterstreichen den Anspruch, wirtschaftliche Interessen mit Nachhaltigkeit, Klimaschutz und regionaler Entwicklung zu verbinden. Infrastruktur wie Häfen, Datenkabel oder Eisbrecher gilt dabei als Schlüssel europäischer Präsenz im hohen Norden.

In der Praxis bleibt dieser Anspruch fragmentiert. Eine kohärente europäische Industrie- oder Infrastrukturpolitik für die Arktis existiert nicht. Wirtschaftliche Aktivitäten werden primär von nationalen Strategien getragen und indirekt durch die US-amerikanische Sicherheitsarchitektur abgesichert. Gleichzeitig investieren Russland und China gezielt und langfristig in arktische Logistik, Rohstoffförderung und Infrastruktur. Ein besonders sichtbares Defizit zeigt sich bei den Eisbrecherkapazitäten. Während Russland über mehr als 40 Eisbrecher, darunter mehrere nuklearbetriebene, verfügt und auch die USA ihre Kapazitäten ausbauen, ist Europa auf wenige nationale Schiffe angewiesen.

Die begrenzte Umsetzung ihres Anspruchs liegt weniger an fehlenden Zielsetzungen als an mangelnder strategischer Koordination. Die EU verfügt weder über eine gemeinsame Finanzierungsstrategie noch über eine abgestimmte Planung für arktische Schlüsseltechnologien. Zudem stehen nationale wirtschaftliche Bestrebungen oft Umweltschutzinteressen entgegen, wie beim Ausbau der Kvanefjeld-Mine in Grönland. Gemeinsame europäische Investitionsprojekte bleiben daher die Ausnahme, was anderen Mächten wie China zusätzliche Handlungsspielräume in der Arktis eröffnet. Der Anspruch strategischer Autonomie bleibt folglich weitgehend symbolisch.

Klimaschutz, Kooperation und indigene Rechte

Gerade dort, wo die EU traditionell ihre größte Stärke sieht, bei Normen, Werten und Kooperation, offenbart sich in der Arktis ein wachsendes Glaubwürdigkeitsproblem.

Die EU positioniert sich als normative Macht, die Klimaschutz, den Schutz indigener Rechte und internationale Zusammenarbeit miteinander verbindet. Sie fördert wissenschaftliche Kooperation, setzt auf Dialogformate mit arktischen Gemeinschaften und möchte deren Perspektiven in politische Entscheidungsprozesse einbeziehen. Die Arktis ist Teil der wertebasierten Außenpolitik der EU, in der Umwelt-, Menschenrechts- und Multilateralismusprinzipien miteinander verschränkt werden. Außerdem benennt die EU in ihrer Arktisstrategie den Klimawandel als die größte Bedrohung in der Region. 

Allerdings klafft auch hier eine deutliche Lücke zwischen Anspruch und Realität. Der zunehmende Wettbewerb um arktische Rohstoffe – etwa Seltene Erden, die für die europäische Energiewende benötigt werden – steht in einem strukturellen Spannungsverhältnis zu Klimaschutz und Umwelterhalt. Ein anschauliches Beispiel dafür ist das geplante Bergbauprojekt in Kuusamo, Finnland, wo wirtschaftliche Interessen, Umwelt- und Klimaziele sowie die Rechte der indigenen Sami miteinander kollidieren. Die EU unterstützt wissenschaftliche Studien, Umweltauflagen und Dialogformate, kann jedoch weder die Genehmigung noch die Umsetzung direkt beeinflussen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Arktische Rat seit Russlands Angriff auf die Ukraine politisch weitgehend blockiert ist, sodass zentrale multilaterale Kooperationsmechanismen brachliegen.

Bisher hat die EU versäumt, ihre zivilen Stärken auszuspielen und durch gezielte Investitionen in Forschung und Raumüberwachung sowie durch eine koordinierte Vorgehensweise auf EU-Ebene eine einheitliche und werteorientierte Arktispolitik wirksam durchzusetzen. Der zunehmende Fokus der EU auf ökonomische Autonomie und Ressourcensicherung wirft die Frage auf, in welchem Maße operative Vorgaben ihre Zurückhaltung bei der Durchsetzung von Klimaschutz und der Wahrung indigener Interessen erklären und in welchem Maße wirtschaftliche Interessen den Ausschlag geben.

Ausblick 

Um Anspruch und Realität in der Arktis zu verbinden, muss die EU anerkennen, dass die Region keine Zone der Kooperation mehr ist, sondern Teil harter Machtpolitik. Trumps transaktionale, national orientierte Außenpolitik verschärft diese Schwäche, da normbasierte Appelle ohne eigene Machtmittel an Wirkung verlieren. Die EU droht doppelt marginalisiert zu werden: sicherheitspolitisch abhängig von den USA, wirtschaftlich von agileren Akteuren überholt. Will sie mehr sein als ein normativer Zuschauer, braucht es größere strategische Eigenständigkeit und die Verzahnung von Klima-, Sicherheits- und Industriepolitik.

Die EU hat angekündigt, ihre Arktisstrategie in den kommenden Monaten zu überarbeiten. Entscheidend ist ein Ausbau bestehender Kooperationen über die NATO hinaus, etwa in den Bereichen Energie, Rohstoffe, Sicherheit und Verteidigung, mit wichtigen Partnern wie Kanada, Island, Norwegen und dem selbstverwalteten Grönland. Dabei muss sie ihre operativen Schwächen realistisch einschätzen, zugleich aber die Arktis aktiv mitgestalten – am besten durch gezielte und koordinierte Nutzung ihrer zivilen Instrumente: Regulierung, Finanzierung und Wissenschaft.

Das gesamte BKHS Magazine #5 „Strengthening Partner Europe!“, unter anderem mit dem Beitrag von Fiona Kramer „Four Arctic Myths Debunked: Understanding the Arctic’s Importance for Europe“ ist online abrufbar.

Blick auf das Meer über die Spitze eines großen Schiffs

In der Sprache der Seefahrt lässt sich die europäische Arktispolitik als „Beidrehen und Beiliegen“ beschreiben. © canva

Blick auf Eisschollen, zwischen denen ein Schiff fährt.

Hat die EU einen klaren Kurs für die Weiterfahrt? © canva

Autorin: Fiona Kramer

Studentische Mitarbeiterin in den Programmlinien „Globale Märkte und soziale Gerechtigkeit“ sowie „Europa und internationale Politik“

Fiona Kramer ist studentische Mitarbeiterin in den Programmlinien der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung und studiert den Masterstudiengang „Peace and Security Studies“ an der Universität Hamburg. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf arktischer Sicherheit, Verteidigungspolitik und den Beziehungen zu Russland. Zudem leitet sie die Regionalgruppe Hamburg von Women in International Security (WIIS) und engagiert sich für eine stärkere Beteiligung von Frauen in der Sicherheitspolitik.

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