Sein Name ist bis heute sichtbar, doch seine Rolle als bedeutender Verleger ist nur noch wenigen Menschen bekannt. Er kam vor 120 Jahren am 19. Mai 1906 im preußischen Hamm in Westfalen auf die Welt des Deutschen Kaiserreichs, studierte Jura in der Weimarer Republik, durchlebte den Nationalsozialismus unter Repressionen und Anpassung, seine jüdische Ehefrau emigrierte nach England. Er überstand die Zeit als Rechtsanwalt in Wirtschaftsstrafsachen und Syndikus eines Hamburger Unternehmens für Behelfsbauten.
Nach 1945 wurde er ein gefragter Mann für die britische Militärverwaltung, arbeitete ein halbes Jahr als Bausenator im zerstörten Hamburg, war einer von vier Lizenzträgern der ersten demokratischen Wochenzeitung, fand seine politische Heimat in der CDU, weil er die SPD Kurt Schumachers zu nationalistisch empfand, wurde Hamburger Abgeordneter im Frankfurter Wirtschaftsrat und zog 1949 als Abgeordneter in den ersten Deutschen Bundestag ein, dem er drei volle Wahlperioden angehörte.
Dieser Mann, dem Die Zeit schließlich gehörte und der ihr ein halbes Jahrhundert verbunden blieb, heißt Gerd Bucerius. Er berief, für die letzten zwölf Jahre seines Lebens (er starb 1995), Helmut Schmidt als Mitherausgeber der Wochenzeitung Die Zeit, von dem er sich auch viele gute Artikel versprach.
Die Jahre in der jungen Bundesrepublik
Gerd Bucerius war darüber hinaus 16 Jahre lang, von 1946 bis 1962, ein christdemokratischer Politiker. Am bekanntesten ist aus dieser Zeit sein eher ungewöhnlicher Rücktritt im Jahr 1962 aus der CDU-Bundestagsfraktion, verbunden mit seinem Austritt aus der CDU, wegen eines umstrittenen Stern-Artikels – allerdings stammten die von Kanzler Adenauer gefühlten Ärgernisse bereits aus früheren Jahren. Darunter sticht eine Geschichte besonders hervor: Die „Aktion Bucerius“ von 1956.
In den 1950er-Jahren spielte der Westteil des geteilten Berlins für Bucerius in zweierlei Beziehung eine wichtige Rolle. Geschäftlich, weil er sich an dem zusehends im Niedergang befindlichen Ullstein Verlag finanziell beteiligte, da er von Berlin aus „die Zone“ publizistisch erschließen wollte, wenn die „sowjetzonale“ Regierung in Ost-Berlin ihre Macht verlöre. Politisch, weil Bucerius das Amt des Bundesbeauftragten für die Förderung der Berliner Wirtschaft von 1952 bis 1957 ausfüllte – und dabei sozusagen Adenauers Gesandter war ohne Ministerportefeuille. Neben einigen öffentlichkeitswirksamen Initiativen für eine Bindung an West-Berlin, wie aufgestellte Kilometersteine an westdeutschen Autobahnen mit dem Konterfei des Berliner Bären oder die Berlin-Wochen in westdeutschen Großstädten unter dem Motto „Kaufst Du was, denk an Berlin“ stellte dagegen die „Aktion Bucerius“ dies alles in den Schatten.
Der Konflikt um Berlin
Bucerius wollte mit seiner „Aktion Berlin“ die alte Reichshauptstadt, die es so nicht mehr gab, in den Rang der Bundeshauptstadt erheben. Er stellte dazu am 16. Oktober 1956 den Antrag der CDU/CSU-Fraktion, den Sitz des Bundestags und der leitenden Bundesorgane nach Berlin zu verlegen, die ihre Arbeit zum 1. Mai 1957 aufnehmen sollten. Das war ein Paukenschlag. Subtiler das Feld bereitend, schrieb Bucerius am 29. September an den Kanzler: „Wenn Sie dem Rat der Stadt Bonn den Vorschlag machen würden, in Zukunft alle Briefbogen mit einer Fußleiste (in kleinster Schrift) zu versehen mit dem Text: Bonn ist die provisorische Hauptstadt der Bundesrepublik. Berlin wird die Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland sein.“ Der Brief gipfelte in dem Vorschlag, auch der Bundeskanzler solle mit dem Auto von Bonn über die „Zonengrenze“ in Helmstedt nach Berlin mit dem PKW reisen. Anscheinend konnte sich Bucerius nicht vorstellen, dass hinter der Elbe für Adenauer die Sowjetzone begann und als unbefahrbar erschien.
Der Bevollmächtigte der Bundesrepublik in Berlin, Heinrich Vockel, beurteilte in seinem Brief vom 29. Oktober an Adenauer die „Aktion Bucerius“, die als „Aktion Berlin“ gestartet war: „Alle Zeitungen Berlins begrüssen die Aktion Bucerius. Er wird als ‚der Held der Woche‘ bezeichnet. Es ist unmöglich, von hier aus die Aktion Bucerius zu kritisieren.“ Denn die internationale Situation schien bedrohlich, da am 23. Oktober 1956 der ungarische Volksaufstand ausgebrochen war, der nicht zuletzt von der Bevölkerung in West-Berlin mit großer Sympathie verfolgt wurde. Auch im Ostteil der Stadt gab es, drei Jahre nach dem Aufstand des 17. Juni, nicht wenige Sympathien unter den Nicht-SED-Freunden, die aber nur subtil und versteckt gezeigt werden konnten.
Vockel schrieb einen weiteren Brief an den Bundeskanzler, dass laut Rechtsgutachten eine Erklärung Berlins zur Hauptstadt der Bundesrepublik den internationalen Verträgen widerspreche. Zusätzlich empfahl Vockel zwischen den Zeilen, Bucerius das vertrauensvolle Amt des Bundesbeauftragten zu entziehen. So weit wollte man nicht gehen, aber US-Botschafter James Bryant Conant und CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender Heinrich Krone lehnten die Aufwertung Berlins zur Bundeshauptstadt ebenso ab. Der Regierende Bürgermeister von West-Berlin, Otto Suhr, brachte am 30. Oktober die Entschließung in das Abgeordnetenhaus von Berlin ein, „dass es begrüßt wird, dass der Deutsche Bundestag die Berliner Forderung verwirklichen will, die deutsche Hauptstadt Berlin auszubauen, um schon in nächster Zeit Bundesorgane hierher verlegen zu können.“ Das hieße in Bucerius‘ Ohren, auf den Sankt Nimmerleinstag zu verweisen. Aber das war dem Kanzler schon recht, er antwortete abschlägig auf die „Aktion Berlin“ und wünschte keine weiteren Aktivitäten: „Es ist klar, dass es gerade in der gegenwärtigen kritischen Lage doppelt notwendig ist, den Zusammenhang der Regierungsgeschäfte ungeschwächt zu erhalten.“ Alles blieb also an seinem Platz. Am 4. November 1956 war der ungarische Aufstand niedergeschlagen und die neue pro-sowjetische Regierung unter János Kádár installiert. Im nächsten Jahr endete Bucerius‘ Amt als Bundesbeauftragter.
Sein Lebenswerk: Verleger
Mehr als 30 Jahre später, 1988, sagte der 82-jährige Gerd Bucerius rückblickend: „[…] mir war nur eines klar, dass Politik immer ein Abenteuer ist. Wenn Sie in der Politik etwas werden wollen, eine bestimmte Position anstreben, kriegen Sie sie nie. Sie müssen fleißig, intensiv arbeiten, sich überall nützlich machen und plötzlich sagt man, ach, das ist der, der ist für den und den Posten geeignet. […] Wenn Sie zur Spitzengarnitur gehören wollen […], dann müssen Sie schon Ihr Leben opfern.“ Zu diesem Opfer war Bucerius nicht bereit. Sein Lebensziel war, als Verleger sein Geschäft zu machen, Zeitungen und Zeitschriften zu entwickeln: „In der Politik irgendetwas zu werden, ist mir nicht in den Sinn gekommen.“
Nach seinem Rücktritt 1962 gründete er 1965 federführend den Verlag Gruner & Jahr, den damals nach Axel Springer zweitgrößten deutschen Presseverlag, beteiligte sich später an dem aufstrebenden Unternehmen Bertelsmann, behielt sein „liebstes Kind“, Die Zeit, und richtete 1971 die ZEIT-Stiftung ein, die als sein Universalerbe heute zu den bedeutenden deutschen Stiftungen zählt. Er hatte alles richtig gemacht. Und dass Bucerius Helmut Schmidt 1983 zur Zeit geholt hat, lag vielleicht schon ein wenig im Brief von 1969 an den Stern-Chefredakteur Henri Nannen begründet: „mein Büro schickt Ihnen zwei Bücher: H. Schmidt ‚Strategie des Gleichgewichts‘ und Kahn ‚Die Russen kommen nicht‘. Jedenfalls den Schmidt sollten Sie lesen. Es ist das beste, lehrreichste Buch über die politische Weltlage und Deutschlands Position darin. Einfach und gerade deshalb glanzvoll geschrieben. Zeigt aussergewöhnliches Differenzierungsvermögen und kritische Distanz. Noblesse gegen politische Gegner. Gar nicht der Schmidt, den man zu kennen glaubt.“
Großer persönlicher Einsatz für eine Sache, Fairness vor dem politischen Gegner und Respekt vor der Lebensleistung anderer zeichneten Gerd Bucerius aus.


