Nur knapp ist in Sachsen-Anhalt eine Partei an der absoluten Mehrheit vorbei geschrammt, die vom Verfassungsschutz in Teilen als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Noch ist nicht ausgemacht, ob sie künftig den Ministerpräsidenten stellen wird. So oder so sind die Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin die Abgeordnetenhauswahl eine Erschütterung der politischen Landschaft, die den Debatten um eine resiliente Demokratie neue Dringlichkeit verleiht.
Doch was bedeutet der aktuell häufig bemühte Begriff „Resilienz“ eigentlich?
Allgemein bezeichnet Resilienz die Fähigkeit, Krisen und Veränderungen durchzustehen und unter veränderten Bedingungen Stabilität zu erlangen. Das lateinische Wort „resilire“ bedeutet zurückspringen, abprallen, nicht anhaften. Im metaphorischen Sinn also wie bei einer Sprungfeder.
Übertragen auf Zustandsanalysen zur Demokratie wird der Begriff häufig herangezogen, wenn es um die Widerstandsfähigkeit von politischen Institutionen und Verfahren geht – sowohl gegenüber externen Schocks und außenpolitischen Entwicklungen als auch gegenüber innenpolitischen Herausforderungen und mit Blick auf die innere Verfasstheit eines politischen Systems. Aktuelle Debatten rund um eine wehrhafte Demokratie, von der Brandmauer über ein Parteiverbotsverfahren bis hin zum Schutz von Gerichten und rechtsstaatlichen Prinzipien, lassen sich hier einordnen.
Mehr als die Widerstandsfähigkeit von Institutionen
Eine resiliente Demokratie meint (und braucht) allerdings mehr. Zusätzlich zur politisch-institutionellen Ebene sind auch gesellschaftliche und individuelle Dimensionen im Umgang mit Krisen, politischen Umbruchsituationen und Unsicherheiten relevant. Insbesondere, wenn Demokratie breit verstanden wird, also nicht nur als politisches System, sondern auch als Gesellschafts- und Lebensform, die durch tägliches Handeln im eigenen Alltag mitgestaltet wird. Damit rücken die Bürger*innen selbst in den Blick: ihr zivilgesellschaftliches Engagement, ihre Möglichkeiten demokratischer Teilhabe und die strukturellen Voraussetzungen, die diese ermöglichen oder begrenzen.
Im Zentrum stehen also nicht weniger als Kernfragen unseres demokratischen Zusammenlebens: Auf welche gemeinsamen Werte und Prinzipien können wir uns einigen? Wer kann mitgestalten und wer fühlt sich als Teil der Gesellschaft?
Dazu gehört auch die Beziehung der Menschen zur Politik, ihr Vertrauen in demokratische Prozesse und in die Fähigkeit von Regierungen und Parteien, Probleme anzugehen und Antworten zu finden, die über akute Krisenlagen hinaus Bestand haben.
Vertrauensverlust und Veränderungswünsche
Dass sich hier seit geraumer Zeit etwas massiv verschoben hat, spiegelt sich in den jüngsten Wahlergebnissen wider. In der Berichterstattung im Nachgang wird beispielsweise von nicht wenigen Wähler*innen berichtet, die ihr Kreuz bewusst nicht mehr bei den etablierten Parteien und denjenigen gemacht haben, die seit Jahren an Macht sind, aber aus Sicht dieser Wähler*innen nicht ausreichend Veränderungen herbeigeführt oder Lösungen umgesetzt hätten. Jetzt seien die anderen an der Reihe, sich zu beweisen und ihre Versprechen einzulösen.
Ohne zu verkennen, dass zu viele Menschen diese Wahlentscheidungen bewusst getroffen haben, weil die von ihnen gewählte Partei rechtsextreme Positionen vertritt, lohnt es sich zu fragen, was sich neben verlorenem Vertrauen noch aus den Wahlergebnissen ablesen lässt: nämlich ein Wunsch nach Veränderung und der eigenen Stimme Gehör zu verschaffen. Angesichts der überwältigenden globalen Krisen mögen manche Menschen, die ihr Kreuz bei einer Partei außerhalb des etablierten Spektrums gesetzt haben, dies als einen Zurückgewinn (oder überhaupt als einen erstmaligen Gewinn) von Handlungsmacht empfunden haben.
Zukunftsdenken als Schlüsselkompetenz für Resilienz
Wie hilft uns Resilienz an diesem Punkt weiter? Dass das Bild von der Sprungfeder allein nicht (mehr) trägt, die in einen Ursprungszustand zurückstrebt, wird spätestens bei der Diskussion um das verlorene Vertrauen in die Politik klar. Ein „Zurück zum Alten“ reicht 2026 nicht mehr aus, genauso wenig aber auch ein bloßes „Abprallenlassen“ aller antidemokratischen Angriffe. Keine Institution, auch die Demokratie nicht, kann sich voll umfänglich absichern und schützen. Eine resiliente Demokratie braucht daher vor allem eins: die Fähigkeit zur Transformation als Ventil, wenn sich Druck gegen sie aufbaut. Das bedeutet einerseits die Bereitschaft, Demokratie und Zusammenleben immer wieder neu zu gestalten, und andererseits die Kompetenz, eine Vorstellung davon entwickeln zu können, wie ein solches Zusammenleben aussehen kann und wie die Menschen an diesem Prozess beteiligt werden können.
Denn auch das fällt im Rückblick auf die Landtagswahlen auf: Den etablierten Parteien scheint es bisher zu wenig zu gelingen, eine positive Erzählung der Zukunft zu formulieren, Zuversicht zu verbreiten und Wähler*innen auf diese Weise emotional mitzunehmen. Zukunftsdenken muss als Schlüsselkompetenz für eine resiliente Demokratie verstanden werden. Schließlich ist das eines der zentralen demokratischen Versprechen: dass wir unsere Zukunft selbst aushandeln können.
Über verschiedene Aspekte, wie dieser Prozess gelingen kann, möchten wir ins Gespräch kommen und laden daher für den 15. und 16. Oktober ein zur
Konferenz „Demokratie stärken – Resilienz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe“.
Die Konferenz findet in Kooperation mit der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr statt, gefördert durch die Böttcher-Stiftung.



