Zwei Überzeugungen standen vor 50 Jahren am Ursprung der Weltwirtschaftsgipfel, die heute als G7-Format bekannt sind. Erstens: Politik braucht Vertrauen und verlässliche Zusagen, festgemacht an persönlicher Bekanntschaft und womöglich sogar Sympathie der handelnden Persönlichkeiten. Echte Freundschaften entstehen dagegen in der politischen Arena eher selten, zumeist werden sie in Politikerkreisen lediglich funktional beschworen und zudem von der medialen Berichterstattung aufgeblasen. Die zweite Überzeugung entsprang 1975 der Erkenntnis, dass sich die Zukunftsfragen des fortgeschrittenen 20. Jahrhunderts nicht in den engen Grenzen des Nationalstaats beantworten ließen. Vielmehr brauchte es insbesondere auf den Feldern der Wirtschafts-, Finanz- und Sicherheitspolitik zunehmend europäische Antworten und globale Initiativen.
Die Idee, die führenden Industrienationen jährlich zu Weltwirtschaftsgipfeln einzuladen, stammt von Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt. Frankreichs Staatspräsident und Deutschlands Bundeskanzler verband tatsächlich ein freundschaftliches Verhältnis und sie wussten die politische Zuverlässigkeit des anderen zu schätzen. Der erste Weltwirtschaftsgipfel kam vom 15. bis 17. November 1975 – im ersten Jahr noch ohne Kanada – als G6 auf Schloss Rambouillet bei Paris zusammen, konzipiert als Forum zur internationalen Krisenbewältigung. Neben den beiden initiativen Staaten waren die USA, Großbritannien, Japan und Italien vertreten.
Das Himalaja-Gebirge bezwingen: Gipfelvorbereitung durch Sherpas
Vorbereitet wurde der G6-Gipfel von einem kleinen Kreis von Sherpas. Wie bei einer Mount-Everest-Besteigung ließen sich alle beteiligten Staats- und Regierungschefs buchstäblich auf den Gipfel führen. Denn analog zu Hochgebirgsexpeditionen waren absolute Verlässlichkeit und gegenseitiges Vertrauen auch bei der Gipfelvorbereitung zentral. Für diese Aufgabe empfahlen sich besonders langjährige Weggefährten, deren Fachkenntnis außer Zweifel stand. Große Bedeutung hatte von Anfang an die moderierende, wegweisende und auch Gate-Keeper-Funktion der Sherpas im Vorfeld der Weltwirtschaftsgipfel, deren Problemstellungen sich angesichts ihrer Komplexität und Interdependenz durchaus mit Himalaja-Besteigungen vergleichen ließen. Währungsturbulenzen, grassierende Inflation, Ölpreis-Krise, steigende Arbeitslosigkeit und die Welternährungslage waren in den 1970er-Jahren die vorherrschenden Themen. Die Entwicklungspolitik, heute festes Element der G7-Zusammenkünfte, führte während Schmidts Kanzlerzeit zumeist ein Schattendasein, einmal abgesehen vom Weltwirtschaftsgipfel 1982 in Versailles, der auf die Empfehlungen der Nord-Süd-Kommission reagierte.
Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing hatten sich bereits als Finanzminister ihrer Staaten kennen und schätzen gelernt. Als Bundeskanzler beziehungsweise Staatspräsident (beides seit 1974) bauten sie die Achse zwischen Bonn und Paris aus, stärkten die Europäische Gemeinschaft und pflegten auch darüber hinaus ein gemeinsames Verständnis von Außen- und Wirtschaftspolitik, für die sie internationale Handlungsstrategien entwarfen. Obgleich das Konzept für die Weltwirtschaftsgipfel in Arbeitsteilung entstanden war, überließ Schmidt in der Öffentlichkeit seinem französischen Partner den Vortritt, was schon die Auswahl des Tagungsorts zeigte. Als Bundeskanzler des nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten westdeutschen Teilstaats hegte Schmidt keine Zweifel, dass Frankreich als Nuklearmacht und mit einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat international einen weitaus festeren Stand als die Bundesrepublik Deutschland hatte.
Gipfelroutinen und Verhandlungsergebnisse „ohne Jackett und Krawatte“
Die Weltwirtschaftsgipfel boten vor allem in den ersten Jahren ihres Bestehens eine geschützte Atmosphäre für vertrauliche Gespräche, während der von den Staats- und Regierungschefs – wie historische Fotografien zeigen – auch schon einmal das Jackett abgelegt, die Krawatte gelockert oder gleich ein Pullover getragen wurde. Das mögen Äußerlichkeiten sein, das Abweichen von der seinerzeit in der Politik üblichen Kleiderordnung verdeutlicht aber zugleich den Geist der Konsultationen.
So konnte sich Helmut Schmidt als Bundeskanzler auf dem G7-Gipfel im Mai 1977 in London mit seinem Ansatz für wirtschaftliche Stabilitätspolitik durchsetzen. Die zahlungsbilanzstarken Länder sollten für einen nachhaltigen Wachstumsprozess und den Rückgang der Arbeitslosigkeit sorgen, während die Staaten mit negativer Zahlungsbilanz im Schlusskommuniqué aufgefordert wurden, sich auf die Eindämmung der Inflation zu konzentrieren. Überdies bemühten sich die Gipfelteilnehmer, der seit 1975 in Paris tagenden „Konferenz über internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit“ zu einem positiven Ergebnis zu verhelfen.
Tagungsort und Leitung der Weltwirtschaftsgipfel wechselten von Jahr zu Jahr. Am 16./17. Juli 1978 tagten die G7-Staaten in Bonn. Zu Beginn des Monats hatte die Bundesrepublik zudem turnusmäßig den Vorsitz im Rat der Europäischen Gemeinschaft übernommen. Helmut Schmidt wusste diesen amtsbedingten Einfluss für die Bundesrepublik zu nutzen, befand sich auf einem Höhepunkt der Gipfeldiplomatie und bewegte sich gewohnt routiniert auf dem internationalen Parkett. „Weltwirtschaft ist unser Schicksal“ – dieses Leitmotiv prägte Schmidt für die 1970er-Jahre, in Anlehnung an eine 1921 entstandene Formulierung von Walther Rathenau, der nach dem Ersten Weltkrieg zunächst Wiederaufbau- und dann Reichsaußenminister gewesen war. Für Schmidt leitete sich aus den Krisen, mit denen er bereits als Finanzminister und direkt im Anschluss daran als Bundeskanzler konfrontiert wurde, die Pflicht zum verantwortungsbewussten und vorausschauenden Handeln ab. Dabei ging es ihm nicht allein um die Wiederherstellung von ökonomischer Sicherheit und die Förderung des Wachstums. Vielmehr hatte er zugleich, wenn auch nicht im Vordergrund stehend, die soziale Dimension von internationaler Wirtschaftspolitik im Auge.
Von der Problemlösungsmaschine zu politisch wirkungslosen Gipfel-Shows?
Es wäre es zu holzschnittartig, die ersten G7-Gipfel als hocheffiziente Problemlösungsmaschinen zu idealisieren und für die Zusammenkünfte in unserer politischen Gegenwart ausschließlich Defizite zu konstatieren, sie in toto als „Gipfel-Shows“ abzuqualifizieren. Auch während Schmidts Zeit – es folgten die Gipfel in Tokio (1979), Venedig (1980) und Ottawa (1981) – lief nicht alles glatt, wurde zuerst von den Sherpas um Formelkompromisse, zuweilen sogar um ein Komma in den vor Gipfelbeginn vorbereiteten Abschlusskommuniqués gerungen, um das Konfliktpotenzial in der Runde der Staats- und Regierungschefs so gering wie möglich zu halten. Dass Jimmy Carter im Januar 1977 das Amt des US-Präsidenten antrat, machte es in der Wahrnehmung von Schmidt nicht leichter. Zusammen mit seinem engen Partner Valéry Giscard d’Estaing hielt er Carter für ungeeignet, das Präsidentenamt auszufüllen, zumal dem Nachfolger des von Schmidt ausgesprochen geschätzten Gerald Ford jedwede außenpolitische Erfahrung fehle. Doch auch der Weltwirtschaftsgipfel 1982 in Versailles, mittlerweile hieß der US-Präsident Ronald Reagan, stand im Zeichen von europäisch-amerikanischen Differenzen hinsichtlich der Währungs- und Zinspolitik und konnte andere Gegensätze ebenfalls nur mühsam übertünchen.
Idealisierungen sind also fehl am Platz, schon allein deshalb, weil die G7-Staaten heutzutage vor einer veränderten Weltlage stehen und die Komplexität der gleichzeitig zu bearbeitenden, zahlreichen Krisen noch zugenommen hat. Mit der schnellen Umsetzung der Sanktionen gegen Russland und den Waffenlieferungen an die Ukraine nach dem völkerrechtswidrigen Überfall am 24. Februar 2022 sendeten die G7-Mitglieder ein starkes Zeichen für den internationalen Zusammenhalt unter Demokratien. Allerdings werden die Belange des Globalen Südens von den westlichen Industriestaaten noch immer eher am Rande behandelt. Eine weitere Herausforderung stellt die wachsende ökonomische und damit auch politische Macht Chinas dar, und der Umgang mit den mitunter divergierenden Interessen der anderen BRICS-Staaten führt zu neuen, zusätzlichen Fragen. Umso mehr bleiben die G7-Gipfel relevant: als multilateral angelegtes Gesprächs- und Verhandlungsforum mit der Kraft zum Agenda-Setting und einer mittlerweile weitausgedehnten Governance-Struktur, die ganzjährig tätig ist und im besten Fall für eine kontinuierliche Bearbeitung der politisch virulenten Themen und Probleme sorgt.




