„Fünf Tipps für healthy coping“, „Mein Coping-Mechanismus? Memes and denial.“ oder „Not me buying a little treat for coping – again!“: In den sozialen Medien finden sich tausende Beiträge, in denen junge Menschen – mal ernst, mal scherzhaft, mal resigniert oder zynisch gemeint – darüber sprechen, welche Strategien ihnen helfen, die scheinbar nicht enden wollenden Krisen der Gegenwart zu bewältigen. Der englische Begriff „coping“ hat sich dabei längst auch im Deutschen durchgesetzt. Damit ist ein weiteres Wort aus der Psychologie in unseren Alltag eingezogen. Diesen Trend des „Therapy-Speak“ kann man aus vielen Gründen kritisch sehen. Gleichzeitig sollte es zu denken geben, wenn eine ganze Generation versucht, ihren Alltag – ob ernsthaft oder mit Augenzwinkern – mit psychologischen Fachbegriffen zu sezieren. Etwas scheint im Argen zu liegen.
Statt zu fragen, ob der jungen Generation, die bereits als Kinder oder Jugendliche massiv unter den sozialen Folgen der Corona-Pandemie gelitten hat, vielleicht schlicht zu viel zugemutet wird, wird häufig despektierlich über sie gesprochen und tief in die Mottenkiste der Generationenklischees gegriffen.
Abwertung statt Anerkennung
Zu selbstbezogen, zu fordernd, zu empfindlich und zu wenig widerstandsfähig – so lauten noch die freundlicheren Zuschreibungen an die Jugend. Auch das alte Narrativ von der „verweichlichten“ und „faulen“ Jugend wird regelmäßig bemüht und mit der Unterstellung sinkender Leistungsbereitschaft verknüpft. Dabei sind diese Muster keineswegs neu. Fast jede Generation wertet die nachfolgende irgendwann ab. Oft ist die Mär von der „faulen Jugend“ jedoch schlicht falsch. So ist etwa die Erwerbsbeteiligung der 20–24-Jährigen derzeit so hoch wie seit Langem nicht. Trotzdem wird dieses Bild ritualisiert in populistischen Rhetoriken in der Arbeitszeitdebatte bemüht. Diese Form der Altersdiskriminierung nach unten ist besonders fatal, denn sie lenkt davon ab, dass es sich tatsächlich lohnt, ernsthaft zu fragen, wie es um die Widerstandsfähigkeit, die Resilienz, junger Menschen steht.
Generation Krise
Ein zunehmend herausfordernder Einstieg in die Arbeitswelt, Klimakrise, explodierende Wohnkosten: Fakt ist, dass der jungen Generation heute viel abverlangt wird. Als vulnerable Gruppe mit wenig bis gar keiner politischen Vertretung sind sie von den sich überlagernden Krisen der Gegenwart besonders betroffen und fühlen sich häufig ohnmächtig. Die Bezeichnung „Generation Krise“ ist längst zum geflügelten Wort geworden. Jugendstudien zeigen, dass die psychische Belastung junger Menschen stetig zunimmt. Das verwundert nicht: Die Voraussetzungen, stabile Resilienz zu entwickeln, sind für eine Generation, die in einer globalisierten und digitalen Welt aufwächst, tatsächlich deutlich erschwert. Diesen Befund anzuerkennen, statt sich über die Bewältigungsstrategien der Jugend lustig zu machen oder ihre Forderungen, zum Beispiel im Hinblick auf den Wandel der Arbeitswelt, als vermessen abzutun, wäre ein erster Schritt. Doch wer die Lage ernst nimmt, muss auch die Frage stellen, wer für die Resilienz der Jugend eigentlich verantwortlich ist und welche Rolle die Jugendlichen selbst dabei spielen.
Resilienz ist erlernbar – aber kein Zauberwort
Das Positive vorweg: Resilienz kann man lernen. Sie ist keine fest angeborene Eigenschaft. Resilienzmodelle wie die „Road to Resilience“ der American Psychological Association zeigen viele kleine Schritte, die im richtigen Umfeld trainiert werden können, von Selbstfürsorge bis hin zu sozialen Bindungen.
Doch „mehr Resilienz“ lässt sich nicht einfach einfordern. Die Verantwortung darf nicht ausschließlich auf die Individuen ausgelagert werden, damit sie im Sinne der größeren, resilienten Gruppe handelt und „funktioniert“. Das gilt für die junge Generation als häufig mehrfach marginalisierter Teil der Gesellschaft in besonderem Maße. Zum einen würde damit die politische Verantwortung verkannt werden, die mit verschiedenen Entscheidungen dazu geführt hat, dass sich viele junge Menschen überhaupt erst in dieser Lage wiederfinden. Zum anderen sind die Schritte auf dem Weg zur persönlichen Widerstandsfähigkeit nicht mit einem Fingerschnipsen zu erlernen. Hinzu kommt ein gängiges Missverständnis: Resilienz wird oft mit Härte oder gar Unverwundbarkeit gleichgesetzt – einem Zustand, den weder Individuen noch Gesellschaften je erreichen können. Resilienz ist kein Zauberwort.
Mehr als „Coping“
Auch wenn der Begriff Resilienz im Trend liegt, bleibt er oft missverstanden. Ein simples Bild, die einfachste Form von Resilienz zu beschreiben, ist eine Sprungfeder, die nach großer Spannung wieder in ihren Ursprungszustand zurückkehrt – im Gegensatz zu einem Blatt Papier, das reißt. Doch überträgt man dieses Bild auf die Realität, zeigt sich schnell, dass Resilienz komplexer ist und weit über bloße „coping capacities“, Bewältigungsfähigkeiten, hinausgeht. Mit globalen Krisen wie Klimawandel, dem Aufstieg autoritärer Regime oder drohender Kriegsgefahr können junge Menschen nicht unbedingt intuitiv allein umgehen. Von ihnen zu erwarten, sie würden aus eigener Kraft gesunde Bewältigungsstrategien entwickeln und gleichzeitig ihre Anpassungs- und Transformationsfähigkeit trainieren, Schritte, die für eine nachhaltige Resilienz unerlässlich sind, ist wenig realistisch, unfair und gesellschaftlich nicht gewinnbringend.
Resilienz als gesellschaftliche Aufgabe
Eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Resilienzeigenschaften kommt sicherlich den Schulen zu. Denn sie sind Orte, die nahezu alle jungen Menschen erreichen. Allein können sie die Herausforderung jedoch nicht tragen. Auch mit einem eigenen Schulfach „Resilienz“, wäre es nicht getan. Der Bildungsjournalist Bent Freiwald schreibt im Magazin Krautreporter dazu, es gehe vielmehr darum, „das Zusammenleben in der Gesellschaft so zu organisieren, dass nicht schon der Großteil der Kinder mit psychischen Problemen zu kämpfen hat“.
Die Resilienz der Jugend ist also eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und damit auch ein politischer Auftrag. Gelingen kann sie nur im Zusammenspiel von Schule, außerschulischer Bildung, Zivilgesellschaft, Familie und sozialen Netzen, wenn die Politik die Rahmenbedingungen schafft und beginnt, die Bedürfnisse der Jugend zu priorisieren. Nicht nur, weil körperliche, und damit auch psychische, Gesundheit ein Grundrecht ist. Die Resilienz der Jugend ist auch entscheidend für das Fortbestehen einer unter Druck stehenden Demokratie.
Denn eine widerstandsfähige Demokratie braucht eine funktionierende Zivilgesellschaft: Menschen, die ein Grundvertrauen in die Demokratie haben und ihre Prozesse gleichzeitig kritisch hinterfragen, Spannungen aushalten und als aktive Bürger*innen am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen. Verliert man bereits die jungen Menschen für diese Aufgabe, ist das fatal. Wer jedoch psychisch über die Maße belastet wird, ist selten in der Lage, diese Aufgabe wahrzunehmen.
Jugend als Vorbild
Und die Jugend selbst? Im Strudel der Polykrise hat sie es geschafft – Achtung, Therapy-Speak – die Awareness zu entwickeln, ihre Situation zu erkennen, zu verbalisieren und sich, zumindest im Digitalen, Räume nach ihren Bedürfnissen zu gestalten. Etwas, das viele Generationen vor ihr nicht geschafft haben. Einen Schritt weitergedacht, steckt also hinter Forderungen der Gen Z wie etwa nach der Vier-Tage-Woche daher wohl selten Arbeitsscheu, sondern vielmehr der Wunsch nach einem Alltag, der Raum für mentale Gesundheit, gesellschaftliche Teilhabe und damit auch für die Demokratie bietet.
Das ist ziemlich resilient und hätte durchaus Respekt, statt Abwertung, verdient. Vielleicht sollte die junge Generation vielmehr zum Vor- als zum Feindbild gemacht werden?



