Rechte Gewalt nach 1945 – Leerstellen der Erinnerung

Über den Umgang mit Terrorismus in der Bundesrepublik seit dem Zweiten Weltkrieg

Autor/in:Merle Strunk

Es sind vertraute Bilder: Hanns Martin Schleyer in Gefangenschaft der Rote-Armee-Fraktion (RAF) auf dem Spiegel-Cover, das Plakat mit den Fahndungsfotos der Terrorist*innen, Helmut Schmidt mit ernster Miene, als er in seiner Fernsehansprache erklärt: „Gegen den Terrorismus steht der Wille des gesamten Volkes“, Autoschlangen vor Straßenkontrollen während der Rasterfahndung. Und erneut Helmut Schmidt, sichtbar betroffen, auf der Trauerfeier für den ermordeten Arbeitgeberpräsidenten zwischen der Witwe und einem der Söhne Schleyers. Der RAF-Terrorismus hat sich tief ins kollektive (Bild-)Gedächtnis Deutschlands eingeschrieben. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die RAF als „Bildermaschine“ ihre Taten auch immer auf ihre mediale Wirkung hin ausgerichtet hat. Sondern es zeigt auch, mit welchem Ernst Politik und Behörden dem Linksterrorismus begegnet sind und wie stark dieser die Bevölkerung erschütterte. Heute ist die RAF Unterrichtsstoff, an runden Jahrestagen findet der „Deutsche Herbst“ in den Medien statt.

Ganz anders verhält es sich mit rechtsextrem motivierter Gewalt in Deutschland. Gedenkorte gab es lange Zeit kaum. Behandeln Lehrkräfte diese Ereignisse im Unterricht, kann es ihnen passieren, angefeindet zu werden. Um die lückenlose Aufarbeitung der Taten und das Gedenken der Opfer des NSU-Komplexes, der größten rechtsterroristischen Mord- und Anschlagserie nach 1945 mit zehn Todesopfern zwischen den Jahren 2000 und 2007, kämpfen die Angehörigen noch immer. Hauptsächlich ihrem beharrlichen Engagement ist es zu verdanken, dass auch nach Prozessende 2018 eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ stattfindet.

Die Taten des NSU reihen sich ein in eine lange Kette rechtsextremer Gewaltakte in Deutschland, die oft zunächst nicht in ihrer vollen Dimension als solche behandelt wurden und bei Weitem nicht die öffentliche Empörung und politische Konsequenzen auslösten, die ihrer Tragweite angemessen gewesen wären. Diese Ignoranz erzeugte jahrzehntelang ein Zerrbild der Geschichte. 
„Die haben alles getan, nur nicht nach rechts geschaut“, sagte Angehörigen-Anwältin Gül Pinar 2015 auf einer Tagung über die Arbeit des Hamburger Landeskriminalamts nach dem Mord des NSU am Altonaer Lebensmittelhändler Süleyman Taşköprü. Statt der Möglichkeit, eine rassistisch und rechtsextrem motivierte Tat in Betracht zu ziehen, wurde die Familie selbst ins Zentrum der Ermittlungen gerückt. Solche folgenschweren Fehlannahmen sind symptomatisch und machen Kontinuitäten im Umgang mit rechter Gewalt in Deutschland deutlich. Denn bereits in den frühen Nachkriegsjahren zeigte sich ein Muster im staatlichen Verhalten gegenüber rechtsextremen Straftaten: Sie werden oft unterschätzt.

Rechtsradikale Strukturen nach 1945

Die Geschichte rechter Strukturen endet nicht mit der Kapitulation Deutschlands 1945. Nationalsozialistische personelle Kontinuitäten, etwa in Politik, Justiz und Verwaltung, waren in der jungen Bundesrepublik Normalität und auch die Gesellschaft veränderte sich nicht schlagartig. Der Nationalsozialismus war eine Massenbewegung. Entsprechend verbreitet war sein menschenfeindliches Gedankengut. Vor allem der wirtschaftliche Erfolg, der mit der Etablierung der parlamentarischen System einherging, steigerte das Arrangement mit dem neuen demokratischen System.  

Vor dem Hintergrund der Bemühungen um Westintegration war es für die Bundesregierungen wichtig, sich vom Nationalsozialismus abzugrenzen. So wurden die Sozialistische Reichspartei, die sich als Nachfolgerin der NSDAP verstand, bereits 1952 verboten und andere, vornehmlich aus Personen mit NS-Vergangenheit bestehende Gruppierungen zerschlagen –aber nicht immer konsequent verfolgt. Das Verfahren gegen den sogenannten Gauleiter-Kreis rund um Werner Naumann, den letzten Staatssekretär von Joseph Goebbels, der Anstrengungen in Nordrhein-Westfalen unternahm, die FDP zu unterwandern, wurde bereits 1954 eingestellt.

Die neonazistische Bewegung konnte in den 1950er-Jahren deutlich an Zuwachs gewinnen. Insbesondere im vermeintlich vorpolitischen Raum von Kultur- und Jugendvereinigungen, wie der Wiking-Jugend, wurde rechtsextremes Gedankengut tradiert. 1959 gelangte das Thema durch eine Welle antisemitischer Vorfälle, wie Hakenkreuz-Schmierereien an der neu eingeweihten Kölner Synagoge, erstmals in ein breiteres öffentliches Bewusstsein. Zwar wurden die Taten umgehend verurteilt und führten zur Schaffung des Straftatbestands der „Volksverhetzung“, die Täter aber verharmloste Kanzler Adenauer als „Lümmel“. Die Schuld an den Schmierereien wies die Regierung, ohne konkrete Nachweise, der DDR-Staatssicherheit zu. Solches Bagatellisieren und Externalisieren ist einer der Gründe, wieso sich in der Erinnerung an rechtsextreme Gewalt nach 1945 erhebliche Lücken auftun. 

Radikalisierung in „Kampfgruppen“

In der Folge bildeten sich in den 1960er- und 1970er-Jahren zunehmend gewaltbereite Kampfgruppen. Diese sogenannten Wehrsportgruppen wurden in einigen Bundesländern anfänglich geduldet. Ausgangspunkte für die stetige Radikalisierung dieser Gruppen waren unter anderem ihr wachsender Anti-Kommunismus und die Ablehnung von Willy Brandts Ostpolitik, aber auch das Scheitern der Bewegung, auf legalem Wege Fuß zu fassen: 1969 verfehlte die NPD durch die Fünf-Prozent-Hürde den Einzug in den Bundestag. 

In den 1970er-Jahren begingen rechtsextreme Vereinigungen wiederholt Anschläge. Mitglieder der „Europäischen Befreiungsfront“ (EBF) führten „schwarze Listen“ mit Personen aus Politik und Journalismus. 1970 ermordete das EBF-Mitglied Ekkehard Weil einen sowjetischen Wachsoldaten in Berlin-Tiergarten. Er wurde als Einzeltäter eingestuft und nach vier von sechs Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen. Eine Fehleinschätzung: Der vermeintliche Einzeltäter Weil beging später weitere Anschläge, auch im Verbund mit österreichischen Rechtsextremisten. Weitere Gruppierungen wie die „Wehrsportgruppe Hengst“ und die „Nationalsozialistische Kampfgruppe Großdeutschland“ planten in den 1970er-Jahren Anschläge gegen politische Feinde, horteten Waffen und Sprengstoff – verurteilt wurden die NSKG-Mitglieder nur auf Bewährung. Die „Gruppe Ludwig“ verübte neun Anschläge in Norditalien sowie einen in der Münchener Diskothek „Melamara“. 

Bezugsgröße RAF

Diese und weitere Taten entgingen der Aufmerksamkeit der Behörden nicht. Doch wurde rechter Terror spätestens seit 1977 am Terror der linksextremistischen RAF gemessen. Sie galt fortan als Bezugsgröße für extremistische Anschläge in Deutschland. Entsprachen Taten nicht dem bekannten Muster, beispielsweise durch das Hinterlassen von Bekennerschreiben, behandelten Politik und Behörden diese nicht mit gleicher Aufmerksamkeit. Das gilt auch für die mediale Berichterstattung. Doch hatte der rechtsextreme Terror schon immer andere Ausdrucksformen als der von links.
 
Für den Innenminister Gerhart Baum (FDP) im Kabinett Schmidt hatte „die Bedrohung unserer inneren Sicherheit durch den Rechtsextremismus quantitativ und qualitativ nicht das gleiche Gewicht wie durch den Linksextremismus“. Dabei wurden 1979 1.483 Straftaten von Rechtsextremen registriert, davon 117 mit Gewaltanwendung -so viele wie noch nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs. 1980 steigert sich dieser Terror nochmals: Bei einem Brandanschlag auf eine Hamburger Geflüchtetenunterkunft sterben zwei Bewohner. Im September tötet ein Rechtsextremist auf dem Münchener Oktoberfest 13 Menschen, 221 werden zum Teil schwer verletzt. Der Attentäter gilt als Einzeltäter. Bis heute ist diese Annahme hochumstritten, denn ihm wurden eindeutige Verbindungen zur Wehrsportgruppe Hoffmann und anderen neonazistischen Organisationen nachgewiesen. 
Gefährliches Muster: Verharmlosen und Entpolitisieren
Unter Bundeskanzler Helmut Schmidt wurde noch im Jahr 1980 die SINUS-Studie zum Rechtsextremismus in Auftrag gegeben, mit alarmierendem Ergebnis: So zeigten 13 Prozent der Bevölkerung ein „ideologisch geschlossenes rechtsextremes Weltbild“. Der Befund wurde jedoch von verschiedener Seite politisch abgewertet und angezweifelt. Schleswig-Holsteins Innenminister Uwe Barschel (CDU) befand, diese Veröffentlichung würde dem Ansehen der Deutschen im Ausland schaden. Die „Gefährlichkeit des Rechtsextremismus“, schrieb er 1981 in der Zeit, liege darin, dass „schwer kontrollierbare Einzelpersonen oder kleinste Gruppen spontan sinnlose Gewaltaktionen unternähmen“. Damit bediente Barschel den Mythos des rechten Einzeltäters. 

Das Verharmlosen und Entpolitisieren rechtsextremer Gewalt setzte sich auch in den folgenden Jahren fort. Es trug dazu bei, dass sich im zunehmend fremdenfeindlichen Klima der 1990er-Jahre der NSU organisieren und schließlich ab dem Jahr 2000 seine Attentate durchführen konnte. Nach seiner Enttarnung wurde der NSU lange Zeit als Trio behandelt. Weitläufige rechtsextreme Netzwerke wurden nicht angenommen. Eine weitere Fehleinschätzung: Der NSU bestand nicht aus drei Personen, er war vielmehr von einem engen Unterstützungsgeflecht umgeben. Gegen Teile dieses Netzwerk wurden vergleichsweise niedrige Strafen verhängt. Dies war einer der Gründe, wieso nach Prozessende viele Menschen gegen diesen Umgang mit rechtsextremen Netzwerken protestierten und forderten, „keinen Schlussstrich“ zu ziehen. 
Der Terror von rechts muss im Kontext dieser Kontinuitäten gelesen werden: um erinnerungspolitische Klarheit zu schaffen und um künftig neue Leitlinien für einen angemessenen Umgang mit rechtsextremer Gewalt und ihren Opfern zu formulieren. 

Ausstellung „Blutiger Boden“ im Altonaer Museum

Das Gedenken an die Opfer des NSU Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kiliç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter findet langsam aber stetig seinen Platz in der deutsche Erinnerungskultur. Angehörige, zivilgesellschaftliche Organisationen und Künstler*innen helfen dabei, der oft noch bilder- und sprachlosen Erinnerung an diese Verbrechen einen Ausdruck zu verleihen.

Die Fotografin Regina Schmeken besuchte 2013 und 2015/16 die Tatorte, an denen der NSU mordete. Ihre großformatigen Schwarzweiß-Aufnahmen zeigen die verstörende Normalität der Schauplätze von Hass und Gewalt inmitten deutscher Städte. Bis Juli 2026 sind ihre Bilder in der Ausstellung „Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“ im Altonaer Museum in Hamburg zu sehen. 

In Kooperation mit dem Altonaer Museum finden ab Dezember 2025 thematische Führungen durch unsere Ausstellung „Schmidt! Demokratie leben“ im Helmut Schmidt-Forum statt: „Rechtsextremismus in der BRD 1945 bis 1990: Brüche und Kontinuitäten“. Wir beleuchten dabei die Geschichte des Rechtsextremismus nach 1945 und ihre historischen Kontexte.

Protestierende mit Plakat

Das Gedenken an die Opfer und die Aufarbeitung der Taten des NSU mussten errungen werden.

© picture alliance/SZ Photo|Stephan Rumpf

Schwarz-weiß Aufnahme von Helmut Schmidt

Helmut Schmidt bei der Fernsehansprache zur Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, 5. September 1977. © dpa/picture alliance/Sanden

Drei Personen auf einer Kirchenbank.

Trauerfeier für den ermordeten Arbeitgeberpräsidenten, Stuttgart, 25. Oktober 1977. Schmidt sitzt zwischen der Witwe und einem der Söhne Schleyers .

© picture alliance/SvenSimon

Autorin: Merle Strunk, M.A.

Referentin für Bildung und Vermittlung

Merle Strunk, M.A., ist Historikerin mit dem Schwerpunkt der Wissensvermittlung in Museen. Sie war in verschiedenen Einrichtungen an Ausstellungs- und Publikationsprojekten beteiligt, darunter im Museum der Arbeit. Als Geschichtsvermittlerin beschäftigt sie sich in der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung damit, Brücken zwischen historischen Ereignissen und der Gegenwart zu schlagen. Daneben arbeitet sie zu Fragen der Visual und Public History.

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