Unter der Überschrift „Schmidt-Schnauze meidet nicht den Sturm“ verwies die Süddeutsche Zeitung vom 7. September 1965 auf ein charakteristisches Merkmal, das bis heute die öffentliche Erinnerung an Helmut Schmidt prägt: „Sein rednerisches Talent ist von einer derartig einsamen Spitzenklasse, dass es ihm möglich ist, noch Bereiche mit souveräner Leichtigkeit abzuschreiten, wo andere schon längst ins Stolpern kämen und nach Rückzugsmöglichkeiten Ausschau halten müssten.“ Zum Erscheinungszeitpunkt des Artikels war Helmut Schmidt noch als Innensenator der Freien und Hansestadt Hamburg tätig. Doch ruft er Schmidts besonderes rhetorisches Talent auf, das mit der Übernahme von Partei- und Bundesämtern auch auf höchster politischer Ebene zutage treten sollte.
Teile der bekannten Redewendung „Schmidt-Schnauze“ erschienen jedoch bereits einige Jahre zuvor. Ein Artikel desselben Blatts stellte schon am 17. Januar 1957 das „rednerische Temperament“ Schmidts fest und ließ ihn auch selbst zu Wort kommen: „Ich bin der Mann mit der schnellen Schnauze.“ Schmidt griff zwei Jahre später abermals den Begriff auf, als er am 29. Juli 1959 in einem Brief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung bemerkte, dass ihn die politische Gegenseite mit dem Spitznamen „Schnauze“ belegt habe. In zeitgenössischen Parlamentsdebatten ging es mitunter polemisch zu, was auch mit der damals vorherrschenden politischen Konstellation zusammenhing: Die CDU/CSU verstand sich als staatstragende Regierungsfraktion, während die SPD auf Bundesebene erst 1966 Mitverantwortung übernehmen konnte und bis dahin als größte Oppositionspartei den Kurs der Koalition aus CDU/CSU und FDP scharf attackierte. In diesem politischen Klima reifte der Rhetoriker Helmut Schmidt und erlangte fraktionsübergreifende Bekanntheit. Bezeichnend hierfür ist eine Bemerkung des CDU-Abgeordneten Walter Brookmann aus einer Bundestagsdebatte vom 9. Mai 1957: Der junge Abgeordnete aus Hamburg sei „in diesem Hohen Hause hinlänglich genug bekannt durch seine rhetorischen Eskapaden“.
Erste Anhaltspunkte
Allerdings ist eine genaue Datierung der ersten Erwähnung schwierig. Einen wichtigen Anhaltspunkt bietet ein Interview der Zeitschrift mobil mit Helmut Schmidt vom Juli 2010. Schmidt verwies darin rückblickend auf die in der Parlamentsarbeit der 1950er-Jahre gängige Praxis, Mitgliedern des Bundestags mit häufig vorkommenden Nachnamen ihren jeweiligen Wahlkreis anzuhängen, um diese voneinander zu unterscheiden: Aus „Schmidt“ wurde „Schmidt-Hamburg“. Ausschlaggebend für die Entstehung von „Schmidt-Schnauze“ sei sodann eine Auseinandersetzung mit dem CSU-Abgeordneten Richard Jaeger gewesen. Dieser sei in den 1950er-Jahren öffentlichkeitswirksam für die politischen Belange Taiwans, zeitgenössisch oft Formosa genannt, eingetreten. Im Zuge einer „sehr polemischen Parlamentsrede“, so Schmidt, habe er ihn als „Kollege Jaeger-Formosa“ betitelt. Daraufhin habe sich Jaeger revanchiert und „aus Schmidt-Hamburg eben Schmidt-Schnauze gemacht. So ist das gewesen“.
Ein kurzer Blick auf die besagte Rede lässt diese Entstehungsgeschichte durchaus plausibel erscheinen. Während einer mehrtägigen Debatte wurde im März 1958 anlässlich der „Großen Anfrage der FDP betreffend ‚Gipfelkonferenz und atomwaffenfreie Zone‘“ über die von der CDU/CSU angestrebte atomare Ausstattung der seit November 1955 offiziell bestehenden Bundeswehr gestritten. Die SPD-Fraktion lehnte das Vorhaben aufgrund der angespannten militärischen Situation zwischen Ost und West sowie der befürchteten negativen Auswirkungen auf die Überwindung der deutschen Teilung ab. Schmidt griff am 21. sowie am 22. März 1958 als Zwischenrufer beziehungsweise Redner in die Debatte ein. Bis zu seinem ersten offiziellen Redebeitrag waren insgesamt neunzehn Vertreter der Regierungsparteien und lediglich acht Sprecher der Opposition zu Wort gekommen.
Verbaler Schlagabtausch im Bundestag
Ausgewählte Sequenzen aus der Rede sowie aus den zahlreichen Zwischenrufen Schmidts, die als die aggressivsten aus den Reihen der Opposition angesehen werden müssen, unterstreichen dessen rednerisches Geschick und politischen Instinkt im Rahmen einer hoch emotional geführten Debatte. Nur ein Bruchteil seiner Äußerungen waren einem konkreten Sachthema, nämlich dem von der SPD unterstützten Vorhaben gewidmet, aus einer atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa heraus eine Zone konventioneller Truppenreduzierung zu entwickeln. Vielmehr fokussierte sich Schmidt auf Einzelpersonen, vor allem auf den bereits erwähnten CSU-Politiker Richard Jaeger. Schmidt unterstellte diesem „eine schweinische Hetze“ und erhielt für diese Äußerung einen Ordnungsruf. Zudem lässt sich ein Verweis auf den politischen Einsatz Jaegers für Taiwan (Formosa) im Protokoll der Bundestagsdebatte ausfindig machen: „Schicken sie ihn nach Formosa zurück, da gehört er hin!“ Auch vor drastischen Vergleichen schreckte Schmidt nicht zurück: So würde der „Entschluss, die beiden Teile unseres Vaterlandes mit atomaren Bomben gegeneinander zu bewaffnen, in der Geschichte einmal als genauso schwerwiegend und verhängnisvoll angesehen werden“ wie es „damals das Ermächtigungsgesetz für Hitler war“. Zum Abschluss seiner durch zahlreiche Zwischenrufe unterbrochenen Rede griff Schmidt abermals den CSU-Abgeordneten persönlich an: „Hüten wir unser Gemeinwesen vor solchen Demagogen wie dem Abendländer Dr. Jaeger!“
Daraufhin entbrannte ein Durcheinander von Zwischenrufen sowohl aus der Regierungs- als auch aus der Oppositionsfraktion, was beinahe eine Sitzungsunterbrechung zur Folge hatte. Es war die Rede vom „Totengräber der Demokratie“, vom „frechsten Lümmel im ganzen Hause“ sowie von der „primitivsten Rede, die je hier gehalten wurde“, von einem „einzigen Schmutzkübel, der ausgegossen wurde über dieses Haus“. Den unrühmlichen Höhepunkt markierte die Äußerung des CDU-Abgeordneten Kurt Schmücker, der Schmidt indirekt mit dem einstmaligen nationalsozialistischen Propagandaminister Joseph Goebbels gleichsetzte: „Sportpalast! Das hier war Sportpalast!“
Der lässt sich nichts gefallen
Es wird deutlich: Der junge Parlamentarier Helmut Schmidt wusste im Deutschen Bundestag früh auf sich aufmerksam zu machen, wobei insbesondere seine Debattenbeiträge vom März 1958 einen Wendepunkt darstellten. Nahezu über Nacht schien „Schmidt-Schnauze“ zu einer Persönlichkeit von nationaler Bedeutung geworden zu sein. Im Zuge der Parlamentsdebatte erreichten ihn über 400 beglückwünschende Briefe und Telegramme. Schmidt präsentierte sich einer bundesweiten Öffentlichkeit als exzellenter, bei Bedarf jedoch durchaus polemischer Redner, der durch den verbalen Schlagabtausch mit dem CSU-Abgeordneten Richard Jaeger politisches Profil gewann. Somit verwundert es nicht, dass Schmidt im Interview mit der Zeitschrift mobil im Jahr 2010 resümierte, seinen Spitznamen „Schmidt-Schnauze“ zwar „nicht besonders gerne gehört“ zu haben, aber: „Gleichzeitig habe ich es auch aufgefasst als eine Art Anerkennung: Der lässt sich nichts gefallen!“




