Seit der Eröffnung unserer Ausstellung „Schmidt! Demokratie leben“ im Sommer 2021 ist die Welt eine andere geworden: Corona prägt heute nicht mehr den Alltag, Angela Merkel ist außer Dienst, Russland führt seit über vier Jahren einen Angriffskrieg gegen die Ukraine, Donald Trump zerreibt die US-amerikanische Demokratie, Twitter heißt jetzt X, die Queen ist verstorben, die Durchschnittstemperatur nach oben geklettert und Large Language Models schreiben Reden für Politiker*innen und unsere Einkaufslisten gleich dazu.
In diesen schnelllebigen Zeiten wirkt das Medium Ausstellung besonders langsam. Fast wie ein Bremsklotz der Geschichte. Während sich die Welt in einem nie da gewesenen Tempo verändert, bleiben Ausstellungstexte, -bilder und -objekte dieselben.
Und trotzdem lässt sich nicht behaupten, dass die Zeit spurlos an der Ausstellung vorbeigezogen ist. Denn eine solche Schau wirkt nur im Zusammenspiel mit ihren Besucher*innen. Erst durch deren Perspektiven und ihre Fragen entfaltet eine Ausstellung ihre Wirkung. Was Menschen beschäftigt, welche Themen sie mitbringen, welche Sorgen, Hoffnungen sie bewegen, all das hat sich in den vergangenen fünf Jahren verändert – und damit auch die Art, wie die Ausstellung gelesen und verstanden wird.
Eine Fotografie einer leeren Autobahn vom autofreien Sonntag 1973: Sie wirkte anders, nachdem bundesweite Corona-Lockdowns die Mobilität zeitweise zum Erliegen brachten und sie wirkte noch einmal anders, nachdem die Benzinpreise nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine oder der USA auf den Iran nach oben geschnellt sind.
Ausstellung Machen: Heute für morgen
Uns stellt dies vor eine besondere Herausforderung: Wer Ausstellungen plant, muss heute bereits darüber nachdenken, was Menschen in ein, zwei oder fünf Jahren beschäftigen könnte. Denn damit Ausstellungen relevant bleiben, müssen sie an Alltagserfahrungen und -fragen ihrer Besucher*innen anknüpfen. Das zeigt einmal mehr, wie eng verwoben Zukunft und Geschichte sind. Wer Geschichte vermittelt, muss immer auch eine Vorstellung der Zukunft entwickeln.
Langsamkeit und Sorgfalt waren schon immer Kernkompetenzen von Ausstellungen, deren Wert jetzt besonders zum Tragen kommt. Mit Bedacht und Zeit ausgewählte Themen und Objekte bieten Menschen über längere Zeit einen Resonanzraum, Anlass zum Dialog und zur Reflektion – auch und besonders in turbulenten Zeiten.
Für uns wird der veränderte Blick der Besucher*innen vor allem dort sichtbar, wo sie sich selbst aktiv in der Ausstellung beteiligen.
„Ihre Stimme zählt!“
Dafür haben wir in der Ausstellung drei Stationen vorgesehen. An jedem der zehn Thementische kann abgestimmt werden über gegenwärtige Fragen der Demokratie („Ihre Stimme zählt!“), ein Zeitstrahl lädt dazu ein, anhand historischer Ereignisse eigene Akzente zu setzen („Teilen Sie Ihre Erinnerung!“) und Schmidt-Zitate bieten Aufhänger für eigene Positionen („Teilen Sie Ihre Meinung!“).
Spannend zu beobachten ist hier vor allem der Austausch über kontroverse Themen, wie Schmidts Haltung zum Atomausstieg, zur Einwanderung oder zu Menschenrechten in China: Verschärft sich außerhalb der Ausstellung die politische Lage zu, spiegelt sich dies auch in den Haltungen der Besucher*innen wider. Wobei sich nicht unbedingt eine vorherrschende Meinung herausbildet. Scheinen Ausstellungsgäste vermehrt schmidtsche Positionen zur Migration zu unterstützen („Weder aus Frankreich noch aus England noch aus Deutschland dürfen Sie Einwanderungsländer machen.“), gibt es mindestens genauso viele Personen, die dieser Haltung deutlich widersprechen. Hier bietet die Ausstellung Anlass zur demokratischen Debatte und eröffnet unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema, sodass sich die Besucher*innen selbst eine Meinung bilden können.
Für uns interessant ist aber auch das Besucherbuch, das von Anfang an ausliegt. Hier finden sich viele Kommentare, die Auseinandersetzungen mit dem Zeitgeschehen reflektieren – Zeit, nach fünf Jahren Ausstellungsbetrieb, für eine kleine Bilanz. Zunächst: Was Schmidt wichtig war, die Sorge um den Erhalt der deutschen Demokratie, verstehen auch vieler unserer Besucher*innen, so zum Beispiel Jill aus Kanada, die auf die internationale Dimension des Problems hinweist. Auch die Aktualität der Problemlagen der 1970er- und 1980er-Jahre als eine „Vorgeschichte der Gegenwart“ wird oft kommentiert, zuweilen mit dem bitteren Zusatz, dass die meisten Krisen fortbestehen.
„Zurückhaltende Beweihräucherung und kritische Befragung“
Vielleicht am meisten beschäftigt uns immer wieder die Frage, ob es uns gelungen ist, die Balance zwischen der Würdigung von Schmidts Lebensleistung einerseits und kritische Distanz andererseits hinzubekommen. Dass wir vielleicht nicht ganz daneben lagen bei Konzeption und Präsentation, zeigen (zu unserer Freude) auch solche Kommentare: „Gelungene Mischung aus vornehm zurückhaltender Beweihräucherung und kritischer Befragung.“ Auch wenn wir uns in dieser augenzwinkernden Aussage natürlich nicht ganz wiederfinden, glauben wir doch eine Wertschätzung herauszuhören. Ob das letztlich eine qualifizierte Mehrheit so unterschreiben würde, steht auf einem anderen Blatt.
Gefreut hat uns außerdem, dass wir Einträge von Menschen aus mindestens 13 Ländern im Buch gefunden haben, die zum Teil auch in ihren Landessprachen geschrieben haben. Das hätte sicher auch Schmidt gefreut, dem die transnationale Dimension von Politik und Austausch stets sehr wichtig war. Ein Kommentar, der uns besonders zeigt, dass wir mehr als nur Information und freundliche Anregungen bieten, stammt von einem jungen Mann aus Bayern: Ihn habe die Ausstellung motiviert, sich politisch zu engagieren; das haben wir natürlich gerne gelesen.
Grundsätzlich gibt es sehr viel Lob für die Ausstellung (und übrigens immer wieder auch für die Gestaltung und Struktur der Präsentation). Das ist ein Grund zur Freude einerseits und wirft andererseits die Fragen auf, welche Menschen wir mit unserer Ausstellung ansprechen und wer eigentlich typischerweise in Gästebücher von Ausstellungen schreibt. Wir haben das bislang nicht systematisch untersucht, werden dem aber in unserer künftigen Arbeit nachgehen.





