Wirtschaftssicherheit beginnt an der Kaikante

Der Hamburger Hafen als Beispiel für nachhaltige Sicherheitspolitik

Blick über den Hamburger Hafen zur Elbphilharmonie

Das Jahr 2026 beginnt unter geopolitischen Vorzeichen, die kaum Raum für Optimismus lassen. Die Intervention der Vereinigten Staaten in Venezuela hat gezeigt, wie offen wirtschaftliche Interessen inzwischen Teil geopolitischer Machtprojektion geworden sind. Die Rhetorik amerikanischer Regierungsvertreter machte keinen Hehl daraus, dass es nicht allein um politische Stabilität, sondern auch um Zugang zu Ressourcen, Investitionsmöglichkeiten und strategische Hebel wirtschaftlicher Einflussnahme geht. Diese Entwicklung markiert keinen Einzelfall, sondern steht exemplarisch für eine Weltwirtschaftsordnung, die sich rasant politisiert und militarisiert. Für Europa und Deutschland stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, wie wirtschaftliche Sicherheit unter Bedingungen intensiver geoökonomischer Rivalität gewährleistet werden kann, ohne die Grundlagen einer offenen Ordnung aufzugeben.

Die politischen Debatten in Deutschland kreisten in den vergangenen Jahren vor allem um Wettbewerbsfähigkeit, technologische Souveränität und Verteidigungsfähigkeit. Doch diese Perspektive greift zu kurz. Wirtschaftliche Macht entfaltet ihre Wirkung niemals in einem ökonomischen Vakuum. Sie ist eingebettet in gesellschaftliche Erwartungen, soziale Sicherheit, ökologische Transformation und strategische Handlungsfähigkeit des Staats. Ein gelingendes Konzept wirtschaftlicher Sicherheit muss daher berücksichtigen, wie eng ökonomische Leistungsfähigkeit, militärisch-strategische Logistik, soziale Stabilität und ökologische Resilienz miteinander verflochten sind. Erst im Zusammenspiel dieser Dimensionen entsteht jene Robustheit, die Deutschland benötigt, um unter veränderten Weltmarktbedingungen handlungsfähig zu bleiben.

Wirtschaftssicherheit als europäische Aufgabe

Die Europäische Union hat in den vergangenen Jahren begonnen, diese Zusammenhänge institutionell zu adressieren. Mit der europäischen Doktrin zur wirtschaftlichen Sicherheit wurde im Dezember 2025 der strategische Rahmen nochmals systematisch definiert. Sie setzt auf die Fähigkeit Europas, wirtschaftliche Offenheit und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, Verwundbarkeiten zu reduzieren und strategische Kooperationen mit Partnern auszubauen. In Berlin wird derzeit parallel an einer nationalen Wirtschaftssicherheitsstrategie gearbeitet, die in diesem Jahr erscheinen soll. Dass diese Debatten heute überhaupt geführt werden, ist eine unmittelbare Konsequenz der jüngsten Krisenerfahrungen: pandemische Unterbrechungen globaler Lieferketten, geopolitische Rivalität zwischen Großmächten, Energieschocks als Folge des russischen Angriffskriegs sowie die Instrumentalisierung wirtschaftlicher Abhängigkeiten durch Drittstaaten.

Damit rückt das Verständnis von wirtschaftlicher Interdependenz in ein neues Licht. Was über Jahrzehnte als Fundament von Wohlstand galt, wird zunehmend zu einem Feld wirtschaftlicher und politischer Verwundbarkeit. Ökonomische Abhängigkeiten werden als politisches Druckmittel eingesetzt. Umso wichtiger wird Wirtschaftssicherheit als Ziel: Es gilt die eigene Volkswirtschaft so zu gestalten, dass sie unter Bedingungen strategischer Rivalität offen und leistungsfähig bleiben kann und zugleich in der Lage ist, politische und wirtschaftliche Handlungsspielräume zu sichern. Der Staat nimmt dabei eine gestaltende Rolle ein. Er koordiniert, reguliert, setzt Anreize, investiert in kritische Infrastruktur und definiert strategische Interessen.

Häfen als strategische Knotenpunkte wirtschaftlicher Sicherheit

Kaum ein Ort macht die neue Logik wirtschaftlicher Sicherheit so anschaulich wie der Hamburger Hafen. Häfen sind weit mehr als Umschlagsplätze des Welthandels. Sie sind logistische, sicherheitspolitische und gesellschaftliche Infrastrukturen zugleich. Über sie laufen Industrieimporte, Energieversorgung, Versorgungsgüter und sicherheitsrelevante Logistik. Gerade für ein exportorientiertes Land wie Deutschland sind Häfen systemrelevant für ökonomische Leistungsfähigkeit, soziale Stabilität und politische Handlungsfähigkeit.

In den vergangenen Jahren hat die Hafenpolitik deshalb eine bemerkenswerte sicherheitspolitische Aufwertung erfahren. Mit der Nationalen Sicherheitsstrategie und der Nationalen Hafenstrategie wurde die maritime Dimension politisch verankert. Umschlaganlagen wurden als kritische Infrastruktur klassifiziert, was eine Neubewertung ihrer Rolle für Versorgungssicherheit, Energieautonomie und militärisch-strategische Logistik zur Folge hat. Zugleich steht der Hafen im Zentrum geoökonomischer Auseinandersetzungen. Ausländische Beteiligungen betreffen heute Fragen strategischer Kontrolle, technologischer Abhängigkeit und sicherheitsrelevanter Einflussnahme. Der Hafen berührt nicht nur Themen von Effizienz und Kapazitäten im maritimen Wettbewerb, sondern auch politische, strategische und gesellschaftliche Faktoren. Seine Stabilität ist damit ein Maßstab für die (sicherheits-)politische und wirtschaftliche Resilienz des Standorts Deutschland insgesamt.

Die vier Dimensionen wirtschaftlicher Sicherheit im Hamburger Hafen

Unsere Interviews mit Hafenwirtschaft, Gewerkschaften und politischer Ebene im Rahmen der Forschung zur inklusiven Geoökonomie zeigen, dass der Hamburger Hafen ein Ort ist, an dem sich die gegenwärtigen Umbrüche der Weltwirtschaftsordnung besonders verdichten. Hier werden globale Verschiebungen unmittelbar erfahrbar. Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte oder Sanktionsregime schlagen sich in veränderten Umschlagzahlen nieder, neue Sicherheitsanforderungen prägen den Betrieb, und internationale Krisen wirken direkt auf Beschäftigte. Zugleich ist der Hafen ein zentraler Schauplatz der ökologischen Transformation, an dem Energieimporte, Emissionsfragen und Investitionen in nachhaltige Infrastruktur zusammenlaufen. 

Aus dieser Perspektive rückt zunächst die ökonomische Dimension wirtschaftlicher Sicherheit in den Vordergrund. Wettbewerbsfähigkeit wird im Hafen längst nicht mehr ausschließlich durch Effizienzparameter definiert, sondern durch Robustheit, Diversifizierung und Anpassungsfähigkeit im Krisenfall. Der Hamburger Hafen ist hier in besonderer Weise geeignet, weil er nicht nur Container, sondern auch Energie, Massengüter und industrielle Vorprodukte umschlägt und damit eine breitere Basis gegenüber externen Schocks besitzt. Seine ökonomische Resilienz speist sich aus der Vielfalt und Verzahnung von Umschlagsarten und industriellen Wertschöpfungsketten.

Parallel dazu gewinnen sicherheitspolitische Funktionen an Bedeutung. Häfen sichern heute nicht nur den Wohlstand einer Volkswirtschaft, sondern auch ihre Handlungsfähigkeit in Krisen. Wer Versorgungsgüter, Energie, Technologie und militärische Logistik nur eingeschränkt bewegen kann, verliert ökonomisch-industrielle Kapazität und zudem politische Souveränität. Konkrete Gegenmaßnahmen sind daher unter anderem militärische Übungen im Rahmen der NATO sowie die Absicherung gegen Cyberangriffe. Als kritische Infrastruktur zeigt sich am Hamburger Hafen, dass die sicherheitspolitische Dimension wirtschaftlicher Sicherheit kein abstraktes Konzept mehr ist, sondern praktische Voraussetzung strategischer Resilienz.

Gleichzeitig tritt im Hafen eine dritte Dimension hervor, die lange unterschätzt wurde: die gesellschaftliche. Häfen sind große Arbeitgeber und damit potenziell Orte sozialer Stabilisierung. Tarifliche Strukturen, Mitbestimmung, Qualifizierung und Absicherung federn Transformationsprozesse ab und schaffen Vertrauen in Veränderung. In den Gesprächen wurde deutlich, wie wichtig diese Faktoren für die Transformationsfähigkeit des Hafens sind. Wirtschaftliche Sicherheit kann nur dann politisch durchsetzbar werden, wenn sie sozial getragen wird. Ein rein betriebswirtschaftlich verstandener Hafenstandort mag effizient sein, aber ohne gesellschaftliche Akzeptanz und soziale Absicherung verliert er politische Legitimation, und erodiert langfristige Stabilität.

Eine vierte Dimension durchdringt alle drei bisher genannten: die ökologische. Energieimporte, Emissionen, Flächenkonversion und Infrastrukturumbau sind im Hafen konkret sichtbar. Zugleich ist die ökologische Transformation mit der Versorgungssicherheit verknüpft. Der Ausbau neuer Energieinfrastrukturen stärkt kurzfristig Resilienz und Autonomie, steht aber in einem Spannungsverhältnis zu langfristigen Klimazielen und den sich durch die besondere Lage des Hamburger Hafens ergebenden Flächenkonflikten mit der Stadtgesellschaft. Die ökologische Frage wird damit untrennbar sozial. Transformation gelingt nur, wenn sie von den Beschäftigten und der Anwohnerschaft mitgetragen wird. Der Hafen zeigt exemplarisch, dass ökologische Nachhaltigkeit nicht lediglich ein normatives Ziel ist, sondern ein strategischer Faktor wirtschaftlicher Sicherheit, der Innovationsinvestitionen, Infrastrukturentscheidungen und gesellschaftliche Akzeptanz beeinflusst.

Inklusive Geoökonomie als strategischer Ansatz

Am Beispiel des Hamburger Hafens wird deutlich, dass wirtschaftliche Sicherheit nicht durch sektorale Maßnahmen, sondern nur durch eine enge Koordination zwischen staatlichen Akteuren, Unternehmen, Gewerkschaften, Stadtgesellschaft und internationalen Partnern entsteht. Effizienzgewinne allein erzeugen keine Resilienz, wenn ökologische Kosten, soziale Spannungen oder strategische Verwundbarkeiten die Stabilität des gesamten Systems unterminieren. Eine inklusive Geoökonomie, die Effizienz und Sicherheit mit Teilhabe und Nachhaltigkeit verbindet, wird damit zur Voraussetzung einer widerstandsfähigen wirtschaftlichen Ordnung.

Der BKHS-Blickwinkel #11 „Wirtschaftssicherheit neu denken: Hamburg als sicherer Hafen der inklusiven Geoökonomie“ von Dr. Elisabeth Winter und Lea Holst ist online abrufbar. 

Weitere Informationen zum BKHS-Projekt „Inklusive Geoökonomie“ finden Sie hier

Blick über den Hamburger Hafen zur Elbphilharmonie

Der Hamburger Hafen ist weit mehr als ein Umschlagplatz des Welthandels. © canva

Kräne im Hamburger Hafen

Häfen sind logistische, sicherheitspolitische und gesellschaftliche Infrastrukturen. © canva

Autorin: Lea Holst

Wissenschaftliche Assistenz Programmlinie Globale Märkte und soziale Gerechtigkeit

Lea Holst arbeitet im Projekt „Inklusive Geoökonomie“ der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Daneben engagiert sie sich ehrenamtlich im Vorstand der feministischen Friedensorganisation WILPF und als Mentorin bei der Claussen-Simon-Stiftung in Hamburg. Zuvor arbeitete sie als Projektmanagerin bei der Organisation FAIR SHARE of Women Leaders, die sich für „mehr Frauen in Führung“ einsetzt. Ihre Arbeit konzentriert sich auf Fragen globaler Gerechtigkeit und politischer Ökonomie, wobei ihr Schwerpunkt auf Gender-Ansätzen liegt.

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