Grafik: Pia Dietz

Friedenspolitik im Alltag

Friedensförderung findet nicht nur in internationalen Organisationen oder Konfliktregionen statt. Schulen, Kommunen, Jugendarbeit und digitale Räume prägen, wie junge Menschen Sicherheit, Beteiligung und Zusammenhalt erleben. Wer diese Orte als YPS-Orte anerkennt, kann bestehende Arbeit sichtbarer machen und langfristig stärken.

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Einleitung

In Deutschland wird Sicherheit häufig mit militärischer Stärke, dem Schutz durch staatliche Sicherheitskräfte und der Reaktion auf Krisen verbunden. Diese Perspektive ist wichtig, reicht aber allein nicht aus. Sicherheit entsteht auch dort, wo Menschen zusammenleben, Konflikte austragen, politische Entscheidungen beeinflussen und Vertrauen entwickeln - unter anderem in Schulen, Kommunen, Jugendzentren und digitalen Räumen.

Die zentrale Frage dieses Textes lautet deshalb: Warum sollten Schulen, Kommunen, Jugendarbeit und digitale Räume als Orte der Agenda für Jugend, Frieden und Sicherheit verstanden werden?

Der Begriff „YPS-Orte“ ist dabei kein offizieller Begriff der Vereinten Nationen. Ich verwende ihn als analytische Bezeichnung für Orte im Alltag, an denen die Ziele der YPS-Agenda praktisch sichtbar werden können. Die vier Orte stehen für unterschiedliche, aber miteinander verbundene Lebensbereiche: Schule als Bildungs- und Begegnungsort, Kommunen als Raum lokaler Entscheidungen, Jugendarbeit als freiwilliger und selbstbestimmter Erfahrungsraum sowie digitale Räume als Orte öffentlicher Kommunikation und politischer Meinungsbildung.

Meine These lautet: In Deutschland findet an allen vier Orten bereits friedensfördernde Arbeit statt. Sie wird jedoch selten als Beitrag zu Frieden und Sicherheit anerkannt. Dadurch bleiben ihre Bedeutung, ihre Verbindung zueinander und ihr Bedarf an langfristiger Unterstützung unsichtbar.

Was YPS mit dem Alltag zu tun hat

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verabschiedete 2015 einstimmig die Resolution 2250 zu Jugend, Frieden und Sicherheit. Sie erkennt die positive Rolle junger Menschen für Frieden und Sicherheit an und fordert ihre Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene. Die Agenda umfasst fünf Säulen: Beteiligung, Schutz, Prävention, Partnerschaften sowie Loslösung und Wiedereingliederung (UN Security Council, 2015).

Die Corona und Psyche – Längsschnittstudie von 2020-2024 der UKE Forschung Hamburg zeigt, dass Sorgen über Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit und die Klimakrise die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen belasten (Kaman et al. 2025). Persönliche, familiäre und soziale Ressourcen können dagegen Schutz bieten. Dazu gehören Selbstwirksamkeit und das Gefühl, in Bildungs- und Freizeiteinrichtungen Unterstützung zu erfahren (Kaman et al., 2025).

Mit Friedensförderung meine ich in diesem Text die konkrete Arbeit an Beziehungen, Konflikten, Teilhabe und Gewaltprävention. Friedenspolitik bezeichnet dagegen die politischen Entscheidungen und strukturellen Bedingungen, durch die solche Arbeit anerkannt, finanziert und dauerhaft ermöglicht wird. Schulen, Kommunen, Jugendarbeit und digitale Räume sind daher nicht automatisch Orte der Friedenspolitik. Sie können zu YPS-Orten werden, wenn junge Menschen dort geschützt werden, mitentscheiden können und eigene Handlungsmöglichkeiten entwickeln.

Vier Orte, eine gemeinsame Logik

Schulen: Frieden lernen und gestalten

Schulen sind Orte, an denen junge Menschen mit unterschiedlichen sozialen, kulturellen und politischen Erfahrungen zusammenkommen. Gesellschaftliche Konflikte werden deshalb auch im Klassenzimmer und auf dem Schulhof sichtbar. Diskussionen über Kriege, Klimakrise, Rassismus oder gesellschaftliche Polarisierung sind nicht nur Unterrichtsthemen. Sie berühren auch die Frage, wie Menschen miteinander umgehen und wie Konflikte bearbeitet werden können.

Schulen sind allerdings nicht automatisch friedensfördernde Orte. Sie können auch Ausgrenzung, strukturelle Benachteiligung und Stereotype reproduzieren. Friedensbildung sollte deshalb mehr bedeuten als Wissen über internationale Konflikte. Sie sollte junge Menschen befähigen, unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen, Konflikte auszutragen und eigene Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Die Berghof Foundation zeigt mit den PeaceDays@School, wie ein solcher Ansatz aussehen kann. Schüler*innen setzen sich mit Frieden, Konflikten, Krieg und Gewaltprävention auseinander und entwickeln eigene Vorstellungen davon, wie ein friedliches Zusammenleben gelingen kann (Berghof Foundation, o. J.).

Auch das Escape Game „Unlock Europe“, entwickelt von der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung und dem Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, verbindet Wissensvermittlung mit Teamarbeit und Entscheidungsfindung. Schüler*innen übernehmen darin politische Rollen und bearbeiten gemeinsam Fragen der Klimasicherheit, Gesundheitsversorgung, Grenzkonflikte und des digitalen Schutzes (BKHS/IFSH, o. J.).

Solche Beispiele zeigen, warum Schulen als YPS-Orte betrachtet werden können. Sie schaffen Möglichkeiten für Beteiligung, Prävention und Partnerschaft. Damit diese Arbeit nicht von einzelnen Projekten oder besonders engagierten Lehrkräften abhängt, muss Friedensbildung stärker in Schulkultur, Lehrkräftebildung und Curricula verankert werden.

Kommunen: Frieden wird vor Ort ausgehandelt

Kommunale Entscheidungen betreffen viele Fragen des alltäglichen Zusammenlebens. Dazu gehört die Nutzung öffentlicher Räume, die Unterbringung geflüchteter Menschen, die Ausstattung von Jugendzentren und die Möglichkeiten politischer Beteiligung. Kommunen müssen hierbei unterschiedliche Interessen zusammenbringen und Konflikte bearbeiten, bevor sie sich verschärfen.

Das Deutsch-Europäische Forum für Urbane Sicherheit (DEFUS) beschreibt Kommunen deshalb als zentrale Akteure für die alltägliche Gewährleistung von Sicherheit und gesellschaftlichem Frieden. Dazu gehören die Förderung von Integration, der Umgang mit Konflikten im öffentlichen Raum und die Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten (DEFUS, 2019).

Jugendbeiräte, Jugendparlamente und andere Beteiligungsformen können junge Menschen in diese Prozesse einbeziehen. Entscheidend ist jedoch, dass sie nicht nur angehört werden. Sie sollten nachvollziehen können, welchen Einfluss ihre Vorschläge auf Entscheidungen haben und warum bestimmte Vorschläge umgesetzt oder abgelehnt werden.

Kommunen sind deshalb mögliche YPS-Orte, weil junge Menschen dort konkrete Erfahrungen mit politischer Beteiligung und gesellschaftlicher Aushandlung machen. Beteiligung darf aber nicht auf diejenigen beschränkt bleiben, die bereits in Jugendvertretungen, Vereinen oder politischen Gruppen aktiv sind.

Jugendarbeit: Selbstwirksamkeit und Beziehungen stärken

Jugendarbeit schafft Räume, in denen junge Menschen freiwillig zusammenkommen, eigene Themen entwickeln und Verantwortung übernehmen können. Jugendzentren, Jugendverbände und offene Angebote ermöglichen Begegnung, informelle Bildung und demokratische Erfahrungen. Sie erreichen häufig auch junge Menschen, die institutionelle Beteiligungsangebote nicht nutzen oder sich von ihnen nicht angesprochen fühlen.

Diese Arbeit ist friedensfördernd, auch wenn sie selten so bezeichnet wird. Wer in einer Gruppe gemeinsam Entscheidungen trifft, Streit bearbeitet oder ein Projekt organisiert, erlernt Fähigkeiten, die für ein friedliches und demokratisches Zusammenleben wichtig sind. Dazu gehören Zuhören, Verhandeln, Kompromissbereitschaft und die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können.

Internationale Jugendarbeit und Jugendverbände leisten seit Jahren Arbeit, die gesellschaftlichen Zusammenhalt und interkulturellen Dialog fördert und Rassismus und Extremismus bekämpft. Beim 4. Bundeskongress Kinder- und Jugendarbeit wurde darauf hingewiesen, dass diese Praxis stärker durch die Perspektive der YPS-Agenda sichtbar gemacht werden kann (IJAB, 2024).

Jugendarbeit ist außerdem ein Verbindungspunkt zwischen den anderen drei Orten. Sie kann schulische Angebote ergänzen, kommunale Beteiligung vorbereiten und digitale Erfahrungen aufgreifen. Dafür braucht sie verlässliche Finanzierung und ausreichend Fachkräfte.

Digitale Räume: Beteiligung und Schutz zusammendenken

Für viele junge Menschen sind digitale Räume selbstverständlicher Teil ihres Alltags. Sie dienen der Unterhaltung, der Informationsbeschaffung, der Identitätsbildung und dem politischen Austausch. Das JFF – Institut für Medienpädagogik beschreibt digitale Öffentlichkeit als einen wichtigen Raum, in dem junge Menschen kommunizieren und ihre Perspektiven entwickeln (JFF, o. J.).

Diese Räume sind jedoch ambivalent. Hassrede, Desinformation und digitale Gewalt können junge Menschen einschüchtern und aus öffentlichen Debatten verdrängen. Eine repräsentative Befragung der Landesanstalt für Medien NRW zeigte 2022, dass 77 Prozent der Internetnutzer*innen ab 14 Jahren bereits Hasskommentaren begegnet waren. In der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen kannten nur wenige ein Internet ohne Hasskommentare (Landesanstalt für Medien NRW, 2022).

Digitale Räume müssen deshalb nicht nur als Risiko, sondern auch als mögliche YPS-Orte verstanden werden. Junge Menschen sind dort nicht lediglich zu schützende Nutzer*innen. Sie gestalten digitale Öffentlichkeiten mit, entwickeln Gegenrede, unterstützen andere und schaffen neue Formen politischer Beteiligung.

Das Projekt DISKUTOPIA des JFF entwickelt gemeinsam mit jungen Menschen und pädagogischen Fachkräften Methoden für demokratische Konfliktaushandlung in digitalen Räumen (JFF, o. J.). Die Digitalen Labore des Archivs der Jugendkulturen arbeiten zu Resilienz gegen Hass und Desinformation. Das Digital Streetwork von ufuq.de zeigt außerdem, wie pädagogische Arbeit online stattfinden kann, etwa durch Beratung, Gegenrede und die Stärkung von Handlungskompetenz (Archiv der Jugendkulturen, o. J.; ufuq.de, 2025).

Digitale Friedensförderung sollte daher nicht allein aus technischer Regulierung bestehen. Sie braucht pädagogische Angebote, Schutz vor digitaler Gewalt und Möglichkeiten, digitale Räume gemeinsam mit jungen Menschen zu gestalten.

Was die vier Orte verbindet

Die vier Orte erfüllen unterschiedliche Funktionen, verfolgen aber eine gemeinsame Logik. Sie schaffen Möglichkeiten zur Beteiligung, fördern soziale Beziehungen, bearbeiten Konflikte und können junge Menschen vor Gewalt und Ausgrenzung schützen.

Auch die Methoden ähneln sich. Dialog, Begegnung, nicht-formale Bildung und partizipative Entscheidungsprozesse finden in Schulen, Jugendzentren, Kommunen und digitalen Projekten statt. Ein Workshop in der Schule, ein Jugendbeirat, ein gemeinsames Projekt im Jugendzentrum und ein Online-Gegenredetraining sehen zwar unterschiedlich aus. Sie können jedoch dieselben Fähigkeiten stärken: Perspektivwechsel, Konfliktfähigkeit, Verantwortungsübernahme und Selbstwirksamkeit.

Gleichzeitig stehen alle vier Orte vor ähnlichen Problemen. Polarisierung, Rassismus, Rechtsextremismus und digitale Gewalt wirken nicht getrennt voneinander. Was online beginnt, kann sich im Klassenzimmer, im Jugendzentrum oder im öffentlichen Raum fortsetzen. Hinzu kommen Kürzungen, fehlende Fachkräfte und befristete Projektfinanzierungen. Dadurch verlieren gerade diejenigen Strukturen an Stabilität, die frühzeitig Konflikte bearbeiten und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern könnten.

Die YPS-Agenda hilft, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen. Ihre fünf Säulen lassen sich an allen vier Orten wiederfinden. Beteiligung in Schulvertretungen und Jugendbeiräten, Schutz vor Gewalt und Diskriminierung, Prävention durch Bildung und Begegnung sowie Partnerschaften zwischen Institutionen. Die Säule der Wiedereingliederung verweist zudem darauf, dass junge Menschen nach Ausgrenzung oder Konflikten Unterstützung und neue Zugangsmöglichkeiten brauchen (UN Security Council, 2015).

Drei Handlungsempfehlungen

Ein erster Ansatzpunkt wäre, die Alltagsorte als YPS-Infrastruktur anzuerkennen. Bund, Länder und Kommunen sollten sichtbar machen, dass Friedensförderung nicht nur in internationalen Organisationen oder Krisenregionen stattfindet. Schulen, Jugendzentren, Jugendverbände und digitale Bildungsangebote leisten bereits wichtige Arbeit. Diese Arbeit sollte in politischen Strategien, Förderprogrammen und öffentlichen Debatten ausdrücklich als Beitrag zu Frieden und Sicherheit anerkannt werden.

Zweitens: Die Beteiligung dauerhaft und vielfältig gestalten. Junge Menschen sollten nicht nur bei der Planung von Projekten angehört werden, sondern auch über Prioritäten, Finanzierung und Evaluation mitentscheiden. Beteiligungsprozesse müssen außerdem Jugendliche erreichen, die nicht bereits in Jugendvertretungen, Vereinen oder politischen Gruppen aktiv sind. Dazu gehören beispielsweise junge Menschen mit Migrationsgeschichte, ohne Schulabschluss oder ohne regelmäßigen Zugang zu Bildungs- und Freizeiteinrichtungen.

Drittens: das YPS ressortübergreifend verankern. Die Bundesregierung sollte YPS stärker mit Bildungs-, Jugend-, Digital- und Sicherheitspolitik verbinden. Die Nationale Sicherheitsstrategie und der Nationale Aktionsplan für Kinder- und Jugendbeteiligung sollten dabei nicht isoliert betrachtet werden. Ein klarer Bezug zwischen beiden Dokumenten könnte zeigen, wie Jugendbeteiligung, Schutz und gesellschaftlicher Zusammenhalt mit Sicherheitspolitik zusammenhängen. Bestehende Programme für Demokratieförderung, politische Bildung, Medienkompetenz und Jugendarbeit sollten besser miteinander verknüpft werden.

Schluss: Frieden beginnt dort, wo junge Menschen leben

Friedenspolitik beginnt nicht erst bei internationalen Verhandlungen. Sie beginnt dort, wo junge Menschen lernen, Beziehungen gestalten, Konflikte austragen und politische Entscheidungen beeinflussen.

Schulen, Kommunen, Jugendarbeit und digitale Räume sind deshalb keine voneinander isolierten Bereiche. Sie bilden ein alltägliches YPS-Ökosystem. In ihnen werden Beteiligung, Schutz, Prävention und Partnerschaft konkret erfahrbar.

Die entscheidende Veränderung besteht nicht unbedingt darin, neue Strukturen zu schaffen. Es geht zunächst darum, bestehende Arbeit zu erkennen, miteinander zu verbinden und verlässlich zu unterstützen. Junge Menschen sollten dabei nicht nur Zielgruppe oder Symbol für Beteiligung sein. Sie müssen als Partner*innen an der Gestaltung der Orte beteiligt werden, an denen sie leben.

Der Anfang liegt deshalb nicht in weit entfernten Konfliktregionen, sondern im Klassenzimmer, im Jugendzentrum, im Rathaus und im digitalen Raum.

Die Autorin ist für den Inhalt des Beitrags verantwortlich. Der Beitrag gibt nicht unbedingt die Meinung der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung wieder.


Quellenangaben:


Zur Autorin: Pia Dietz studiert Politikwissenschaft an der Universität Hamburg. Sie unterstützt Jugend und Demokratie Bildungsprojekte in der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung (BKHS), unter anderem das Escape Game Unlock Europe. 
 

 

Foto Mitarbeiter:in
Pia DietzStudentische Mitarbeiterin

Pia unterstützt Projekte in den Bereichen der Jugend- und Demokratiebildung, insbesondere bei der Durchführung und Betreuung des Escape Games „Unlock Europe“.

 

Sie studiert Politikwissenschaft im Bachelor an der Universität Hamburg. Berufliche Erfahrungen sammelte sie als Referentin für Jugendthemen im Deutschen Bundestag bei einem Abgeordneten. Darüber hinaus war sie im Bereich der Demokratiebildung tätig, wo sie eigene Workshops konzipierte und durchführte. Durch ihr ehrenamtliches Engagement sowie ein Freiwilliges Soziales Jahr in der politischen Bildung bringt sie langjährige und vielseitige Erfahrungen in der politischen Bildungsarbeit mit.