Lost in Translation? Warum Lateinamerika die YPS Agenda bisher nicht „für sich übernommen“ hat

Jugendliche in Lateinamerika waren schon immer Friedensgestalter: Universitätsreformer, studentische Widerstandsbewegungen, indigene Organisatorinnen und Organisatoren sowie feministische Aktivistinnen und Aktivisten. Ihre Kämpfe haben viele der Prinzipien vorweggenommen, die später in der Jugend-, Friedens- und Sicherheitsagenda der Vereinten Nationen verankert wurden. Doch paradoxerweise hat die Agenda selbst in der Region bisher wenig Resonanz gefunden. Damit der Rahmen in Lateinamerika wirklich Bedeutung erlangt, muss er aufhören, über Jugendliche zu sprechen, und stattdessen mit ihnen sprechen – in ihren eigenen Begriffen und in ihrer eigenen Sprache.

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Der Originaltext wurde auf Englisch verfasst.

1. Einleitung

Die Jugend-, Friedens- und Sicherheitsagenda (Youth, Peace and Security – YPS), die 2015 vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verabschiedet wurde, wurde als Durchbruch in der globalen Governance gefeiert. Zum ersten Mal wurden junge Menschen nicht nur als Opfer von Krieg oder Instabilität anerkannt, sondern als unverzichtbare Partner in der Friedensförderung: als Akteure, die Dialog gestalten, Gewalt verhindern und inklusive Institutionen stärken können.

Doch in Lateinamerika ist die Resonanz der YPS Agenda bislang gering. Dies ist bemerkenswert, da junge Menschen in der Region seit jeher zentrale Akteure sozialer und politischer Transformationen sind. Von Universitätsreformern, die vor einem Jahrhundert oligarchische Eliten herausforderten, über studentische Märtyrer im Widerstand gegen Diktaturen bis hin zu heutigen feministischen, indigenen und Umweltbewegungen – lateinamerikanische Jugend hat immer wieder neu definiert, was Frieden und Gerechtigkeit bedeuten. Wenn überhaupt, dann haben diese Bewegungen viele Prinzipien der YPS Agenda bereits vorweggenommen. Warum wirkt diese Agenda dann so fern, ja sogar fremd, in der Region?

2. Friedensarbeit in Lateinamerika: Hintergrund der Bewegungen

Die Rolle der Jugend in der Friedensförderung in Lateinamerika ist kein neues Phänomen und entstand nicht durch UN-Resolutionen. Sie ist tief in der modernen Geschichte der Region verankert.

Die Entstehung einer bewussten Jugendbewegung lässt sich bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückverfolgen. Die von Studierenden angeführte Universitätsreform von 1918 in Córdoba, Argentinien, führte zu Forderungen nach Demokratisierung der Universitäten, Mitbestimmung, akademischer Freiheit und dem Bruch mit oligarchischen Strukturen. Ihre Wirkung breitete sich auf andere Länder wie Peru aus und prägte die Hochschullandschaft nachhaltig. Der „Student als Intellektueller“ wurde zu einem politischen Akteur (Faletto, 2009). In Brasilien (Revolução dos Tenentes, 1924) und Chile entstanden ebenfalls Jugendbewegungen als bewusst politisierte Generationen.

Im 20. Jahrhundert wurde Jugendprotest vor allem zum Widerstand gegen autoritäre Regime. In den 1970er und 1980er Jahren wurden Studierende zur moralischen Speerspitze demokratischer Bewegungen. In Argentinien erinnert die „Nacht der Bleistifte“ (1976) daran, wie Schüler*innen für ihre Rechte von der Diktatur verfolgt wurden. In Chile organisierten sich junge Menschen im Untergrund gegen das Pinochet-Regime.

In den 1990er Jahren entwickelten indigene Jugendliche in Chiapas (Mexiko) neue Formen von Autonomie, Bildung und lokaler Selbstverwaltung. In Bolivien trugen junge indigene Aktivist*innen zur Anerkennung plurinationaler Identität und zu Verfassungsreformen bei (Ranta, 2023).

Die jüngste Generation von Bewegungen ist stark durch Intersektionalität geprägt. Die feministische Bewegung Ni Una Menos (Argentinien, 2015) verband den Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt mit der Forderung nach reproduktiven Rechten. Auch antirassistische Jugendbewegungen in Brasilien und Kolumbien haben Gleichheit und Würde ins Zentrum gestellt.

Diese historische Entwicklung zeigt: Jugend in Lateinamerika war stets Vorreiterin von Widerstand und gesellschaftlichem Wandel. Dennoch verwenden viele dieser Bewegungen nicht den Begriff „Friedensförderung“, sondern sprechen von Demokratie, Menschenrechten oder Feminismus. Dadurch bleiben sie im globalen YPS Diskurs oft unsichtbar.

3. Gründe für fehlende „Ownership“

a) Das Friedensparadox Lateinamerikas

Ein Grund für die schwache Verankerung der YPS Agenda ist die dominante Vorstellung, Lateinamerika sei bereits „im Frieden“. Nach den Demokratisierungsprozessen der 1980er und den Friedensabkommen der 1990er Jahre gilt die Region als Erfolgsgeschichte liberaler Friedensförderung.

Doch wie Kurtenbach (2019) feststellt, ist Lateinamerika trotz Demokratie die gewalttätigste Region der Welt. Frieden wird hier als Abwesenheit von Krieg verstanden, nicht als Abwesenheit von Gewalt im Alltag. Dadurch erscheint die YPS Agenda oft irrelevant, obwohl sie genau diese Formen alltäglicher Gewalt adressiert.

b) Jugendliche als Sicherheitsproblem

Jugendliche werden häufig nicht als Friedensakteure, sondern als Risiko wahrgenommen. Sie gelten als Hauptverursacher von Gewalt, Extremismus und Instabilität (UN, 2017). Diese Sichtweise kriminalisiert junge Menschen, insbesondere in armen Stadtvierteln.

Das führt zu „mano dura“-Politiken (harte Sicherheitsmaßnahmen), etwa in Brasilien oder El Salvador. Jugendliche werden dadurch entweder als Täter oder als zu kontrollierende Objekte gesehen – nicht als politische Akteure mit vielfältigen Rollen.

c) Politische Ausgrenzung

Das Vertrauen junger Menschen in Institutionen ist niedrig. Demokratische Systeme haben oft nicht geliefert, was sie versprochen haben. Wo Beteiligung möglich ist, erfolgt sie meist über Parteijugendorganisationen, die stark hierarchisch und politisiert sind.

Dies führt dazu, dass unabhängige Jugendstimmen kaum Gehör finden. Internationale Jugendbeteiligung wird oft ebenfalls über staatliche Kanäle gefiltert, was echte Vielfalt einschränkt (Altiok & Grizelj, 2019).

d) Politische Dynamiken und internationale Skepsis

Viele Regierungen in der Region stehen UN Rahmenwerken kritisch gegenüber und sehen sie als externe Einmischung. Dadurch fehlt politischer Wille, YPS national zu verankern. Im Gegensatz zur Women, Peace and Security Agenda gibt es kaum institutionelle Strukturen für YPS.

e) Sprache und Zugänglichkeit

Die YPS Agenda ist stark technokratisch und oft nur auf Englisch verfügbar. Dies erschwert den Zugang für lokale, indigene und ländliche Jugendgruppen, deren politische Sprache anders geprägt ist.

4. Warum Ownership entscheidend ist

Ohne lokale Aneignung bleibt YPS ein abstraktes Konzept. Wenn junge Menschen ihre eigenen Erfahrungen nicht in der Sprache der Agenda wiederfinden, verliert sie Relevanz.

Gleichzeitig hängt die Zukunft der Agenda selbst davon ab. Ohne lokale Verankerung wird sie durch andere Politikfelder verdrängt. Zudem bleiben Jugendorganisationen abhängig von kurzfristiger Geberfinanzierung, was Nachhaltigkeit verhindert.

5. Empfehlungen und Fazit

Damit YPS in Lateinamerika Wirkung entfalten kann, muss die Agenda neu interpretiert werden – nicht als externe Vorgabe, sondern als Verstärkung bestehender Jugendpraktiken.

Regierungen und internationale Akteure sollten indigene, feministische und studentische Bewegungen als legitime Ausdrucksformen von YPS anerkennen, auch wenn sie andere Begriffe verwenden.

Jugendbeteiligung muss unabhängig von Parteistrukturen erfolgen und durch nachhaltige, dekoloniale Finanzierung unterstützt werden. Junge Menschen sollten zudem in Finanz- und Monitoringmechanismen eingebunden werden.

Die fehlende Aneignung ist vermeidbar. Wenn globale Rahmenbedingungen lokal angepasst werden und politische Verantwortung übernommen wird, kann YPS zu einem lebendigen Instrument werden. Lateinamerika verfügt bereits über starke Jugendbewegungen – es fehlt vor allem ihre institutionelle Anerkennung und nachhaltige Unterstützung.


Der Autor ist für den Inhalt des Artikels verantwortlich. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der Bundeskanzler Helmut Schmidt Stiftung wider.

Referenzen:

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Autor: Galia Kademian

Biografie: Galia Kademian ist Juristin und Vorstandsmitglied der Argentinischen Jugendorganisation für die Vereinten Nationen (OAJNU) sowie Vertreterin der Internationalen Steuerungsgruppe für die Amerikas beim United Network of Young Peacebuilders (UNOY).

Die Präsentation von Galia zu dem Papier finden Sie hier.

Sehen Sie unser Interview mit Galia Kademian.