BKHS Magazine | Speaking up!


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Wir wissen nicht, ob Sie dieses Gefühl teilen, aber für uns war das Jahr 2022 besonders entmutigend. Weltweit erleben wir das Erstarken des Autoritarismus, die Verschärfung geopolitischer Spannungen und sogar Krieg. Das extremste Beispiel ist Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Er hat nicht nur der ukrainischen Zivilbevölkerung unaussprechliche Schrecken zugefügt, sondern ist auch zu einer großen Bedrohung für die globale Nahrungsmittel- und Energiesicherheit geworden.

Leider ist dies nur die Spitze des Eisbergs. Seit Jahren ergreifen Regime auf der ganzen Welt zunehmend Maßnahmen, um Menschen einzuschränken, zu diffamieren, zu bedrohen oder zu töten, die es wagen, ihre Meinung zu sagen und ihre Stimme zu erheben. Das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung, das in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 verankert ist, steht unter Beschuss, und auch die Lage der Pressefreiheit hat sich weltweit verschlechtert.

Glücklicherweise kämpfen mutige Menschen aus aller Welt gegen diese Entwicklungen. Eine von ihnen ist die Menschenrechtsaktivistin Hatice Cengiz, die die Helmut-Schmidt-Vorlesung 2022 halten wird. Seit ihr Verlobter, der Journalist Jamal Khashoggi, im Oktober 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul ermordet wurde, hat sie sich unermüdlich gegen Unterdrückung ausgesprochen und beharrlich Gerechtigkeit und Rechenschaft gefordert.

Wir können jederzeit viel von Hatices Engagement lernen. Doch das Jahr 2022 hat uns besonders eindringliche Gründe geliefert, ihr Gehör zu schenken. Im Laufe dieses Jahres haben zahlreiche Entscheidungsträger den russischen Präsidenten Wladimir Putin dafür verurteilt, Dissidenten zu verfolgen, Journalisten anzugreifen und einen Krieg zu führen, in dem Zivilisten gezielt ins Visier genommen werden. Gleichzeitig haben Politiker wie Olaf Scholz, Joe Biden und Emmanuel Macron begonnen, wieder Kontakte zum saudischen Kronprinzen und jetzigen Premierminister Mohammed bin Salman zu knüpfen, um alternative Energiequellen zu erschließen. Sie taten dies, obwohl sie ihn zuvor wegen seiner Menschenrechtsbilanz im eigenen Land und wegen der Anordnung der Ermordung von Khashoggi als „Paria“ bezeichnet hatten.

Es scheint, als habe sich einmal mehr die „Realpolitik“ gegen eine werteorientierte Politik und Gerechtigkeit für einen ermordeten Journalisten durchgesetzt. Doch wir sollten dies nicht einfach als eine binäre Entscheidung mit einem klaren Sieger hinnehmen. Da Angriffe auf die Menschenrechte weltweit zu den Hauptursachen für Konflikte, Instabilität und Unsicherheit zählen, verleihen die aktuellen globalen Entwicklungen dem Wiederaufbau und der Stärkung der Grundlagen demokratischer Gesellschaften vielmehr eine neue Dringlichkeit. Es ist nicht die Zeit, den Kopf in den Sand zu stecken. Es ist die Zeit, unsere Stimme zu erheben.

Um zu zeigen, wie das funktioniert, erscheint diese zweite Ausgabe unseres BKHS-Magazins pünktlich zur Helmut-Schmidt-Vorlesung. Sie würdigt Menschen auf der ganzen Welt, die es wagen, ihre Stimme zu erheben: Journalisten angesichts schwindender Pressefreiheit, Friedensstifter inmitten von Kriegen, von Verfolgung bedrohte Künstler, Menschenrechtsverteidiger im Kampf gegen Unterdrückung, Arbeitnehmer, die faire Löhne fordern, LGBTQI*-Aktivisten in ihrem Kampf gegen Diskriminierung und Frauen*, die das Recht einfordern, selbst über ihren Körper zu entscheiden.

Die Beiträge in unserem Magazin sind so vielfältig wie die Möglichkeiten, sich zu Wort zu melden. Dazu gehören Essays, Fotoserien, Stellungnahmen, Tweets, Gedichte, Playlists, Cartoons und Fragebögen. Zusammengenommen verdeutlichen sie: Ganz gleich, auf welche Weise Menschen sich zu Wort melden – sei es in einem Lied, einem Roman, auf der Straße oder in einem Konferenzraum –, geht es dabei nicht nur um das Recht, eine Meinung zu äußern. Es geht darum, wer zuhört, welche Konsequenzen man befürchten könnte – und darum, den Mut aufzubringen, es trotzdem zu tun.

Hatice Cengiz | Helmut Schmidt Lecture 2022 „Speaking up!“