Ein schlichtes Grab erzählt die Familiengeschichte der Schmidts

Helmut Schmidts Mutter Ludovika arbeitete als Dienstmädchen – Ihre Eltern hatten ein Weißwarengeschäft am Mundsburger Damm

Foto eines Grabsteins, auf dem Schnittrosen liegen.

Liebe Leser*innen,

am 23. November 2015 nahm Hamburg in der Hauptkirche St. Michaelis, den die Hamburger*innen liebevoll „Michel“ nennen, Abschied von Helmut Schmidt. Fünf Jahre zuvor, am 1. November 2010, hatte dort unter großer öffentlicher Anteilnahme schon die Trauerfeier für seine Frau Hannelore („Loki“) stattgefunden. Ihre letzte Ruhestätte fanden sie auf dem Friedhof Ohlsdorf, dem größten Parkfriedhof der Welt. Die Grabstätte ist ganz nach dem Willen der beiden eher schlicht gehalten. Ein marmorner Stein ziert das Grab, das nach mehr als 100 Jahren Zeugnis über die „Familien Koch u. Schmidt“ ablegt. Unser Kollegin Karin Ellermann hat sich im Helmut Schmidt-Archiv auf Spurensuche begeben. In unserem Schmidtletter zeichnet sie die Familiengeschichte von Helmut Schmidts Mutter Ludovika nach, deren Eltern am Mundsburger Damm in Hamburg ein Weißwarengeschäft betrieben.

Eine aufschlussreiche Lektüre wünscht Ihnen
Ihre Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung



Unter den Koordinaten GISX3 finden sich auf der Grabstelle U 33 auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg die Gräber von Hannelore und Helmut Schmidt. Sie gehören zu den zahlreichen Prominentengräbern des 1877 angelegten Friedhofs, der heute 202.000 Grabstellen mit 1,4 Millionen Gräbern beherbergt. Das Grab ist auf dem Friedhofsplan eingetragen und mit einem Wegweiser versehen. Es liegt an einem kleinen Fußweg in der Nähe der Kapelle 10, hinter einer Haltestelle der Buslinie 179. Das Areal, auf dem sie sich befindet, gehört zu einem 1913 angelegten Familien-Gräberfeld in Richtung Osten. Der großzügig angelegte Parkfriedhof war zu diesem Zeitpunkt schon zu klein geworden.

Heinrich Koch, der Vater von Ludovika Schmidt, der Mutter von Helmut Schmidt, erwarb die Grabstelle 1916 als seine älteste Tochter Frieda an Tuberkulose verstarb. Das Familiengrab umfasst sechs Sarg-Grabstellen. Der originale Grabbrief trägt die Nummer 87371 und ist im Nachlass von Helmut Schmidt überliefert. Die Gebühr für die Grabstelle betrug 180 Mark.

Wer waren die Mitglieder der Familie Koch?

Heinrich Koch war gelernter Schriftsetzer und arbeitete eine Zeit lang für den „Hamburgischen Correspondenten“. Er kam aus Elsheim/Rhein-Hessen und war seit 1884 mit Amalie Beyer, die in Rhena geboren wurde, verheiratet. Sie war gelernte Köchin und arbeitete vor ihrer Eheschließung einige Zeit in England. Gemeinsam hatten sie fünf Kinder, vier Töchter und einen Sohn. Die Familie gehörte zu den gebildeten Arbeiterfamilien in Hamburg. Die Töchter gingen schon früh einer Erwerbstätigkeit nach. In ihrer Freizeit sangen sie in verschiedenen Gesangsvereinen und Chören. Heinrich Koch war stets bemüht, den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Aus diesem Grund übernahm er 1908 das Weißwarengeschäft Dreckmann am Mundsburger Damm 30 und führte es als OHG Heinrich Koch & Co gemeinsam mit Frau und Töchtern. 

Die Meldebescheinigung der Polizeibehörde Hamburg für seine Tochter Louise aus dem Jahr 1908, die im Archiv überliefert ist, belegt dies. Auch in den Hamburger Adressbüchern aus den Jahren von 1908 bis 1910 ist die Geschäftsübernahme ersichtlich.

Marianne, die zweitälteste Tochter war ausgebildete Sängerin. Sie gab Gesangs- und Klavierunterricht und lebte in den frühen 1930er-Jahren einige Zeit in Boston/USA. Die oben genannte Louise, die drittgeborene war Putzmacherin, während Ludovika, die vierte Tochter als Dienst- und Kindermädchen ihr Brot verdiente, bevor sie 1914 Gustav Schmidt, den Vater von Helmut Schmidt, heiratete. Ihr Dienstbuch ist im Nachlass ihres Sohnes Wolfgang im Archiv erhalten. 

Heinrich, genannt Heinz, der einzige und letztgeborene Sohn, war Modellbauer und konnte Gitarre spielen. Nach dem Ersten Weltkrieg, als er in seinem Beruf keine Anstellung fand, stieg er ins elterliche Geschäft ein. Marianne arbeitete nach ihrer Rückkehr aus den USA Ende der 1930er-Jahre ebenfalls dort.

Nach dem Tod von Heinrich Koch 1933 wurde das Geschäft von seiner Witwe Amalie weitergeführt. In ihrem Reisepass von 1938 wird sie als Geschäftsinhaberin ausgewiesen. Doch vor allem Louise war es, die „den Laden schmiss“, erinnert sich Margret Morgner, eine Freundin der Familie. Nach dem Tod der Mutter 1945 übernahmen Heinz und Louise die Geschäftsführung. Gemeinsam mit ihrer Schwester Marianne führten sie das Geschäft weiter. Zu dieser Zeit befand es sich bereits in Sasel am Frahmredder 7. Durch den Bombenangriff auf Hamburg 1943 lag das Haus am Mundsburger Damm in Trümmern. Einen Teil des Warenbestands hatte die Familie kurz vorher mit hilfreichen Nachbarn nach Sasel bringen können.

Aus einer Übersicht aus dem Jahr 1950, zur Umrechnung der Reichs- in die D-Mark, die im Archiv überliefert ist, wird die Bandbreite des Angebots ersichtlich. So finden sich Textilwaren wie Mäntel, Kleider, Schürzen und Hemden oder Bijouterie- und Modewaren, darunter Knöpfe, Tabakdosen, Lederblumen und Parfüme, aber auch Kurzwaren, Spielzeug und Schmuck. 1959, 50 Jahre nach der Gründung durch Heinrich Koch, verkauften Heinz und Louise das Geschäft in Sasel an die Firma Adolf F. C. Becker.

Auf zahlreichen Fotos lässt sich erkennen, dass die Familie Koch gern beisammen war, sich in Vereinen engagierte und insgesamt ein gutes Leben in Hamburg führte. Die gemeinsame Führung des Weißwarengeschäftes über 50 Jahre hinweg dürfte dazu einen Teil beigetragen haben.

Zurück zum Ohlsdorfer Friedhof und dem Familiengrab

Der Grabbrief von 1916 vermerkt, dass die Grabstelle für den Erwerber, dessen Frau und seine Kinder gedacht war. Der Name Schmidt wird im Grabbrief nicht genannt, obwohl Ludovika bereits seit 1914 mit Gustav verheiratet war. Betrachtet man die Inschriften auf dem weißen Marmorstein, der oben die Inschrift „Familien Koch u. Schmidt“ trägt genauer, so fällt auf, dass er zwar mit dem Tod von Frieda 1916 beginnt, sich fortsetzt mit den Eltern Heinrich 1933 und Amalie 1945, danach aber die Reihenfolge der Namen nicht mehr mit der Chronologie der Todesjahre übereinstimmen. 

Marianne, die erst 1966 verstirbt, steht vor Louise, die bereits 1963 starb, gefolgt von Ludovika, 1968 verstorben. Die Namen der Töchter scheinen in der Reihenfolge ihrer Geburtsjahre eingraviert worden zu sein. Nach Ludovika folgt Ehemann Gustav, der bis 1981 lebte. Sohn Heinz, vor Gustav 1973 verstorben, wird erst darunter genannt. Als letztes folgt seine Gattin Rosalie, 1985 gestorben. 

In dem als Sarggrabstelle gekauften Familiengrab wurden zwischen 1916 bis 1985 neun Menschen beigesetzt. Dabei wurden ausschließlich Urnen verwendet. Da eine Grabstelle auf dem Ohlsdorfer Friedhof für maximal 25 Jahre erworben werden kann, wurde der Grabbrief gegen eine Gebühr jeweils nach Ablauf der Frist verlängert und ältere Grabstellen neu belegt. 

Nach dem Tod von Schwägerin Rosa übernahmen Hannelore und Helmut Schmidt 1985 die Nutzungsrechte für die Grabstelle, da sie im Familiengrab beigesetzt werden wollten. Beide haben einen eigenen gemeinsamen Grabstein, der mittig auf der Grabstelle platziert wurde. Hier fanden Hannelore „Loki“ 2010 und 2015 Helmut Schmidt ihre letzte Ruhestätte.

Das nach dem Willen der Verstorbenen schlicht bepflanzte Grab würde sicherlich ohne den Wegweiser niemandem auffallen. Da es aber zu den Prominentengräbern auf dem Ohlsdorfer Friedhof gehört, suchen es zahlreiche Besucher*innen auf. Ab und an werden Blumen abgelegt, aber auch gegenständliche Erinnerungs- und Gedenkstücke. Manchmal passen die Objekte nicht wirklich zum Charakter einer Grabstätte und müssen von den Friedhofsgärtnern entfernt werden.

Heinrich Koch hat 1916 aus Fürsorge dieses Familiengrab für sich und seine Angehörigen erworben. Nach über 100 Jahren legt die Grabstätte Zeugnis über seine Familie ab. Ganz selbstverständlich wurden Schwiegersohn Gustav und Schwiegertochter Rosalie in den Kreis der Familie und nach ihrem Tod in das Familiengrab aufgenommen. So wird, über das Prominentengrab hinaus, ein Stück Hamburger Geschichte sichtbar und lebendig gehalten.

Foto eines Grabsteins, auf dem Schnittrosen liegen.

Der Grabstein von Loki und Helmut Schmidt. © BKHS/Ellermann

Foto eines Grabsteins, auf dem kleine Steine angeordnet sind.

Der Familiengrabstein Koch/Schmidt. © BKHS/Ellermann

Schwarz-weiß-Bild zeigt sieben Personen, die in die Kamera blicken.

Die Familie Koch 1906. Im Bild (v.l.n.r.) Heinrich, genannt Heinz (1892-1973), Mutter Amalie (1858-1945), Louise (1889-1963), Vater Heinrich (1857-1933), Frieda (1885-1916), Ludovika (1890-1968) und Marianne (1886-1966). © Helmut Schmidt-Archiv

Schwarz-weiß-Bild zeigt fünf ältere Personen.

Die vier Geschwister Heinz, Ludovika, Marianne, Louise und Heinz‘ Frau Rosalie (1897-1985) 1958 vor dem Laden am Frahmredder 7. Im Hintergrund die Auslagen oben links erkennt man ein Jubiläumsschild. © Helmut Schmidt-Archiv

Autorin: Karin Ellermann

Archivarin

Karin Ellermann ist seit 39 Jahren als Archivarin tätig. Der Schwerpunkt ihrer archivarischen Arbeit liegt dabei auf der Erschließung und Verzeichnung von Nachlässen. Ihre archivwissenschaftlichen Erkenntnisse daraus veröffentlich sie regelmäßig in fachspezifischen Publikationen.

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