Eselsohren, Heftklammern und Anstreichungen – Arbeitsspuren von Helmut Schmidt in seiner privaten Bibliothek

Vom Lesen und Schreiben im Hause Schmidt – Einblicke in die Bibliothek in Langenhorn

Liebe Leser*innen,

wussten Sie, dass gestern der bundesweite Vorlesetag war? Mehr als 530.000 Menschen haben in ganz Deutschland eifrig vorgelesen und aufmerksam zugehört. An dem Aktionstag, der seit 2004 jeweils am dritten Freitag im November stattfindet, haben sich auch unsere Kolleg*innen aus dem Ausstellungsteam und aus dem Helmut Schmidt-Archiv beteiligt. In zwei Hamburger Senioreneinrichtungen kamen dabei sowohl Loki und Helmut Schmidt als auch Menschen, die ihnen nahestanden, zu Wort. Dabei erfuhren die Zuhörer*innen Neues von den gemeinsamen Erlebnissen der Schmidts in Hamburg und über die Vorliebe des Ehepaars für die Musik von Johann Sebastian Bach.

Und wenn Sie wissen wollen, welches Buch Helmut Schmidt als Kind in seinen Bann genommen hat, dann sollten Sie sich die Zeit nehmen und unseren Schmidtletter lesen – oder noch besser – Sie genießen ihn bei einer Tasse Tee und lassen ihn sich vorlesen, getreu dem Jahresmotto des Vorlesetags „Freundschaft und Zusammenhalt“.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen viel Spaß dabei.
Ihre Bundeskanzler Helmut-Schmidt-Stiftung.


 

Lesen und Schreiben bilden im Leben des Politikers Schmidt eine Einheit. So stehen seiner privaten Bibliothek mit rund 22.000 Bänden etwa 12.000 eigene Veröffentlichungen gegenüber, auch wenn darin „nur“ 55 Buchtitel enthalten sind und der überwiegende Teil publizierte Aufsätze, Zeitungsartikel, Reden und Vorträge umfasst.

Helmut Schmidt sagte von sich selbst, dass er schon als Schüler gern und viel gelesen habe. In einem Interview erwähnt er die Lektüre von Moby Dick als Elfjähriger und die der russischen Klassiker wie Tolstoi oder Dostojewski als Jugendlicher. Tatsächlich befindet sich in der Bibliothek des Helmut Schmidt-Archivs in Hamburg Langenhorn eine Ausgabe von Moby Dick aus dem Jahr 1944, ältere Ausgaben von Tolstoi und Dostojewski lassen sich nicht nachweisen.

Die Aufstellung der Bibliothek der Schmidts fügt sich in die begrenzten Räumlichkeiten des Langenhorner Anwesens ein. Die Räume in den beiden Doppelhaushälften am Neubergerweg 80 und 82, 1960/61 gebaut im Programm der Neuen Heimat „Junge Familie“ beziehungsweise „Besser und schöner Wohnen“, haben eine normale Deckenhöhe und so konnten imposante Bücherregale oder sogar ein eigenes Bibliothekszimmer dort nicht untergebracht werden. Die Büchersammlung wurde vielmehr thematisch sortiert in den benachbarten Häusern auf mehrere Räume verteilt. Im Wohnzimmer, hinter dem berühmten roten Sofa, auf dem schon Leonid Breschnew saß, stehen Kunstbildbände und Lexika in vier Regalreihen, gekrönt von Klassiker-Ausgaben, die sich über den Türen bis in den kleinen Durchgang zur Bar hinziehen. Schräg gegenüber findet sich vor allem Belletristik. Im Arbeitszimmer von Helmut Schmidt stehen vor allem politische und philosophische Titel sowie Bücher, deren Inhalt er besonders schätzte und die er öfter zur Hand nahm. Wohl vor allem nur einmal gelesene Bücher der Schmidts musste in den ersten Archivanbau weichen und stehen dort auf einer Empore. Eine zweite Bücherempore befindet sich im gegenüberliegenden Archiv. Dieser Zweckbau, errichtet zur Unterbringung der Nachlässe von Helmut und Hannelore „Loki“ Schmidt, beherbergt im Magazin den umfangreichsten Teil der Bibliothek. Hier wurden Reiseliteratur, Hamburg-Publikationen, Bände zur deutschen, europäischen und Weltgeschichte aufgestellt. Daneben gibt es Werkausgaben von Politiker*innen, Biografien, ökonomische und politische Fachliteratur, Bände zu Architektur, Musik und Kunst, aber auch zum Militär sowie eine Sammlung von Karikaturen von Schmidt.

Ein eigenes Regal im Büro des Archivs beinhaltet Schriften zur Geschichte der Sozialdemokratie, darunter das von Schmidt oft zitierte Godesberger Programm der SPD (1959). Insgesamt hat Helmut Schmidt eine beachtliche Arbeitsbibliothek zusammengetragen. Nur wenige bibliophile und antiquarische Bände, oft Geschenke und Zueignungen, darunter ein Kant-Bändchen aus dem Jahr 1763 von Karl Popper, dessen Werke neben Kant im Arbeitszimmer einen Platz gefunden haben, runden das Bild ab, weisen Schmidt aber nicht als Bibliomanen aus. Die Werke Kants, Poppers und auch Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ – alles Lieblingsautoren von Schmidt – wurden von diesem während der Lektüre arg in Mitleidenschaft gezogen. Eselsohren, Anstreichungen in allen Farben, Randbemerkungen, Büro- oder Heftklammern in den Büchern finden sich allenthalben und versetzen Bibliophilen erst einmal einen Schock. Auch die Unsitte, Textpassagen einfach auszuschneiden und sie als Zitate physisch in die eigenen Arbeiten einzubringen, schmerzt nicht nur alle Bücherliebhaber*innen, sondern würde heute, da Schmidt die Quellen dazu meistens nicht angab, seine Texte unter Plagiatsverdacht stellen.

Doch für Helmut Schmidt waren seine Bücher Arbeitstitel. Er las sie, um sie zu verstehen und das Verstandene weitergeben und verbreiten zu können. Hinweise auf Quellen, andere Autor*innen oder das Kenntlichmachen von Zitaten oder gar Fußnoten fand er wohl überflüssig, zumal er hin und wieder die Floskeln „Bei […] kann man nachlesen“ oder „Wie auch […] sagte“ verwendete.

Neben Büchern war Schmidt ein eifriger und allumfassender Zeitungen- und Zeitschriftenleser. Während seiner Zeit als Innensenator 1963 in Hamburg enthielt die Liste der von ihm als notwendig erachteten Abonnements die stattliche Anzahl von 32 Zeitungen und Zeitschriften, ergänzt um zehn amtliche Titel. Da dies den Umfang seines Etats sprengte, wurde er Anfang 1963 von der Behörde für Inneres aufgefordert, diese zu reduzieren. Schmidt strich acht Titel, unter anderem die Englische Rundschau und die Flensburger Presse sowie drei Polizei-Zeitschriften. Unabhängig davon sammelte Helmut Schmidt zeitlebens alle Presseartikel von ihm und über ihn, sodass der Umfang des Presse-Echos in seinem Nachlass rund 200.000 Blatt umfasst.

Wir wissen nicht, ob die beiden Schmidts am Abend gemeinsam im Wohnzimmer saßen und sich hin und wieder ein besonders interessantes Kapitel vorlasen. Was wir wissen ist, beide waren intensive Leser*innen von Fach- und Sachliteratur und ein Leben lang an der Erweiterung ihres Wissens interessiert. Dabei gingen sie den Dingen auf den Grund, bevor sie sich eine Meinung bildeten, und verließen sich nicht auf vorformulierte Statements. Ihre Erkenntnisse gaben sie mit Freude weiter, indem sie öffentliche Reden oder Vorträge hielten oder indem sie Aufsätze und Bücher schrieben. Die Auflagenhöhen all ihrer Bücher sind enorm und diese werden auch heute noch neu aufgelegt und gut verkauft. Sowohl als Autor*innen als auch als Leser*innen können die Schmidts als fleißige und sympathische Vorbilder gesehen werden.

Der Lesestoff war für Helmut Schmidt genauso wichtig wie der Tabak. Beides war auch auf Reisen immer zur Hand, so wie auf dem Flug nach Puerto Rico am 26. Juni 1976. Foto: Bundesregierung/Engelbert Reineke

Die Regale in Schmidts Archiv füllen etwa 22.000 Bücher, 12.000 eigene Veröffentlichungen und ein Presse-Echo, das allein 200.000 Blatt umfasst. Foto: BKHS/Michael Zapf

Während seiner Zeit als Innensenator in Hamburg bezog Helmut Schmidt 32 Zeitungen und Zeitschriften. Da dies den Umfang seines Etats sprengte, wurde er Anfang 1963 von der Behörde für Inneres aufgefordert, diese zu reduzieren. Schmidt strich acht Titel, unter anderem die Englische Rundschau und die Flensburger Presse sowie drei Polizei-Zeitschriften. Abbildung: Helmut Schmidt-Archiv

Autorin: Karin Ellermann

Archivarin

Karin Ellermann ist seit 39 Jahren als Archivarin tätig. Der Schwerpunkt ihrer archivarischen Arbeit liegt dabei auf der Erschließung und Verzeichnung von Nachlässen. Ihre archivwissenschaftlichen Erkenntnisse daraus veröffentlich sie regelmäßig in fachspezifischen Publikationen.

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