Expertise kennt kein Alter: Jugend als Partner für Frieden

Neue Plattform der BKHS zu Jugend, Frieden und Sicherheit

An diesem Wochenende findet die 62. Münchner Sicherheitskonferenz statt, zu der Entscheidungsträger*innen aus der ganzen Welt erwartet werden. Während dieser Beitrag verfasst wurde, war noch unklar, welche Themen in diesem Jahr die Nachrichten rund um das führende sicherheitspolitische Forum dominieren werden. Aber der Fokus wird voraussichtlich nicht auf jungen Stimmen und Perspektiven auf Sicherheitspolitik liegen.

Dieses Beispiel steht sinnbildlich dafür, dass junge Menschen in friedens- und sicherheitspolitischen Diskussionen und Entscheidungen weitgehend marginalisiert sind. Das verschenkt Potenzial und unterschätzt ihre Relevanz für langfristigen Frieden. Junge Menschen agieren vielfältig in Konflikten und ihrer Lösung: Sie sind nicht nur überproportional von ihnen betroffen, etwa durch die Rekrutierung von bewaffneten Gruppen, sondern tragen weltweit aktiv zu friedlicheren und sichereren Gesellschaften bei. Sie nutzen dafür ganz unterschiedliche Formen und Ebenen; von Mobilisierung auf der Straße und im Netz hin zu Kunst und Tanz, von lokalen Organisationen bis zu transnationalen Netzwerken.  

Jugend als Friedensakteur – auch in Europa

Dass junge Menschen wichtige und positive Beiträge zu Friedens- und Sicherheitsbemühungen leisten, erkannte der UN-Sicherheitsrat 2015 zum ersten Mal an. Damit wurde die Agenda für Jugend, Frieden und Sicherheit offiziell verankert und fünf Handlungsbereiche identifiziert: 1) Beteiligung; 2) Schutz; 3) Prävention; 4) Partnerschaften sowie 5) Loslösung und Wiedereingliederung. Trotz wichtiger Fortschritte erfolgt die Umsetzung weltweit uneinheitlich und zögerlich, so auch in Europa. 

Die fehlende Resonanz der Agenda hängt an vielen Faktoren. Es bestehen verbreitete Stereotype, die junge Menschen mit Gewalt assoziieren und sie als Bedrohung darstellen – etwa im Kontext von Radikalisierung. Das führt zu einer sogenannten „policy panic“ und ignoriert, dass die Mehrheit der jungen Menschen nicht gewalttätig ist. Hinzu kommt, dass die wirksame Einbindung junger Menschen in Friedens- und Sicherheitsbemühungen angesichts immer mehr bewaffneter Konflikte und weiteren Krisen in den Hintergrund gerät. Die Priorisierung von anderen Themen übersieht, dass inklusivere Lösungsansätze zu langfristigerem Frieden führen. Da es global gesehen so viele junge Menschen wie nie zuvor gibt, braucht es jedoch gerade jetzt nicht weniger, sondern mehr Fokus auf Jugend als Partner für Frieden. Die wirkungsvolle Einbindung junger Menschen ist nicht optional, sondern notwendig für friedlichere und sicherere Gesellschaften.

Das gilt auch für Deutschland und Europa. Allerdings wird die Agenda für Jugend, Frieden und Sicherheit hier, wenn überhaupt, vor allem als außenpolitisches Thema betrachtet. Damit wird ignoriert, dass junge Menschen in Europa verschiedenen Formen von direkter und indirekter Gewalt, etwa Rassismus, ausgesetzt sind und dass Probleme wie steigende gesellschaftliche Polarisierung und Rechtsextremismus Gefahren für Demokratie, Frieden und Sicherheit darstellen. Hinzu kommt, dass die Legitimität und Glaubwürdigkeit Europas bei der Unterstützung junger Menschen in anderen Ländern und Regionen auch von der eigenen Umsetzung der Agenda abhängt. Hier gilt es, Doppelstandards zu vermeiden und von Akteuren, die weiter in der Implementierung sind, zu lernen – etwa vom afrikanischen Kontinent. 

Generationsübergreifende Zusammenarbeit als Schlüssel

Um gegenwärtige Herausforderungen zu bewältigen, braucht es starke Partnerschaften über Altersgrenzen hinweg. Diskussionen über Rente oder funktionierende Gesundheitssysteme machen deutlich, dass die Generationen aufeinander angewiesen sind. Doch es mangelt an generationsübergreifender Zusammenarbeit. Das wird offensichtlich in der Art, wie politische und gesellschaftliche Debatten, etwa über die Wiedereinführung der Wehrpflicht oder die Bekämpfung der Klimakrise, geführt werden: Auch wenn diese friedens- und sicherheitspolitischen Themen junge Menschen direkt betreffen, wird vor allem über anstatt mit jungen Menschen gesprochen. 

Im Kontext von Jugendbeteiligung zeigen sich wiederkehrende Muster in der Kommunikation und im Umgang. Erstens werden junge Menschen oft als Zukunft eines Landes bezeichnet. Das ist nicht falsch, verschiebt die Relevanz von Entscheidungen für ihre Lebensrealität und die Notwendigkeit ihrer Beteiligung aber von der Gegenwart in das unbestimmte Morgen. Zweitens werden junge Menschen häufig lediglich im Zusammenhang mit „Jugendthemen“ eingebunden. Allerdings ist Jugend als Querschnittsthema für alle Bereiche relevant und junge Menschen bringen aus ihrer Lebensrealität wichtige Expertise für sämtliche Politikbereiche, einschließlich Sicherheitspolitik, mit. Drittens gibt es meist zwar eine grundsätzliche Unterstützung für die Einbindung junger Menschen, jedoch ist der Wille, den Status Quo strukturell zu verändern, gering. Jugendbeteiligung bleibt dadurch oft eine symbolische Geste.  

Ernstgemeinte generationsübergreifende Partnerschaften erfordern, dass junge Menschen nicht erst am Ende, sondern von Anfang an in Prozesse eingebunden werden: Ein Projekt muss zum Beispiel gemeinsam geplant, durchgeführt und evaluiert werden. Bei älteren Menschen braucht es die Bereitschaft, Macht zu teilen und ein Bewusstsein dafür, dass von einer wirkungsvollen Einbindung junger Menschen in Friedens- und Sicherheitsbemühungen alle Generationen profitieren. Generationsübergreifende Zusammenarbeit ist aber keine Einbahnstraße. Sie erfordert gegenseitiges Vertrauen und Verständnis von allen Akteuren.  

Expertise für Frieden und Sicherheit

Wirkungsvolle Jugendbeteiligung heißt auch, junge Menschen ernst zu nehmen. Daher haben wir bei der BKHS eine Plattform entwickelt, die diese Expertise rund um Frieden und Sicherheit in den Fokus rückt. In verschiedenen Formaten zeigen wir die Perspektiven junger Expert*innen aus aller Welt auf diese Themen. Texte und Videos verdeutlichen, dass die Agenda für Jugend, Frieden und Sicherheit mehr ist als eine UN-Resolution. Was hat das Engagement junger Menschen für das Klima damit zu tun? Warum braucht der Libanon einen Nationalen Aktionsplan für Jugend, Frieden und Sicherheit und was ist das überhaupt? Und was können wir von den Bemühungen junger Menschen auf den Philippinen, in Serbien, Argentinien oder Gambia lernen?

Die Beiträge sind auf Deutsch, Englisch und teilweise auch in der Muttersprache der Expert*innen verfügbar. Die Beiträge informieren und inspirieren und sind relevant für junge und ältere Menschen, für Akteure aus Politik, Verwaltung und Praxis und alle, die einfach nur neugierig sind. Ob Sie noch nie von der Agenda für Jugend, Frieden und Sicherheit gehört haben oder vielleicht schon seit Jahren dazu arbeiten, es ist sicherlich etwas Neues dabei. Die Plattform sowie mehr Informationen zu unserem Projekt Gen P(eacebuilder) finden Sie hier

Die gegenwärtigen Herausforderungen lassen sich nur mit generationsübergreifenden Partnerschaften bewältigen. © unsplash/Kalei de Leon

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Unser Themenportal rückt die Expertise junger Menschen für Frieden und Sicherheit in den Fokus.

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