Der Handelskrieg zwischen den USA und China mit seinen protektionistischen Maßnahmen wie Zöllen und massiven Industriesubventionen trifft langjährige transatlantische Partner wie Deutschland und die EU mit voller Wucht - sowohl direkt durch Wettbewerbsnachteile als auch indirekt durch die Fragmentierung globaler Märkte. Handfeste Kriege und deren wirtschaftliche Auswirkungen setzen ihnen noch extra zu. Vor diesem Hintergrund etabliert sich derzeit ein neues Paradigma der Wirtschaftssicherheit in Brüssel und in Berlin, eine Deutsche Nationale Sicherheitsstrategie wird für dieses Jahr erwartet. Bisher bleibt die Debatte rund um Wirtschaftssicherheit häufig beschränkt auf wirtschaftliche Interessen und Technologiefragen; Probleme werden zu oft mit dem Fingerzeig auf andere Staaten angegeben und deren Lösung überwiegend in der Abwehr von Bedrohungen statt der eigenen Gestaltung wirtschaftlicher Beziehungen gesucht.
„Wirtschaftssicherheit“ darf aber kein reines, nach außen gerichtetes, Abwehrprojekt bleiben. Deutschland und die EU müssen anerkennen, dass die globale Erosion der internationalen Wirtschafts- und Sicherheitsarchitektur die Verwundbarkeit unseres eigenen Wirtschaftsmodells im Inneren offenlegt. Wer nur Halbleiter-Lieferketten diversifiziert oder Investitionskontrollen verschärft, betreibt bloße Symptombekämpfung nach außen und übersieht das so elementare gesellschaftliche Fundament von Wirtschaftssicherheit. Nur durch innere Stärke kann die EU – kann Deutschland – sich in einer sich wandelnden globalen Weltordnung behaupten. Wirtschaftssicherheit beginnt zu Hause.
Geoökonomie braucht eine soziale Dimension
Wirtschaftssicherheit ist mehr als der Schutz der heimischen Industrie oder kritischer Infrastrukturen. Wer sie ernst nehmen will, muss ihre vier Dimensionen erkennen und berücksichtigen: wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, strategische Souveränität, ökologische Nachhaltigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Diese vier Dimensionen sind nicht voneinander zu trennen, sie bedingen einander und sind gemeinsam das Fundament einer resilienten Wirtschaftsordnung. Wirtschaftssicherheit ist nur so stark wie ihre schwächste Dimension.
Genau hier liegt der blinde Fleck der aktuellen Debatte. Rund 21 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Statusängste sind längst kein Randphänomen mehr, sondern reichen tief in die Mittelschicht. Wer das Gefühl hat, die Kosten des globalen Wandels zu tragen, ohne an seinem Wohlstandsgewinn teilzuhaben, wendet sich oft ab von Institutionen, von Kompromissen, von der liberalen Wirtschaftsordnung selbst. Der Aufstieg des ökonomischen Nationalismus ist damit auch ein politisches Echo asymmetrisch verteilter Globalisierungsgewinne.
Eine geoökonomische Strategie, die gesellschaftliche Kosten ignoriert und Anpassungslasten ungleich verteilt, erzeugt genau jene populistischen Fliehkräfte im Inneren, die sie nach außen abwehren will. Gleichzeitig gilt, wenn die Akzeptanz für notwendige geoökonomische Anpassungen schwindet, verliert der Staat seine strategische Handlungsfähigkeit. Inklusive Geoökonomie ist deshalb weit mehr als Sozialpolitik: als Strategie schafft sie demokratische Widerstandskraft als Voraussetzung für wirtschaftliche Sicherheit.
Wirtschaftssicherheit im Hamburger Hafen und in der Automobilbranche
Was abstrakt klingt, wird in zwei Schlüsselbereichen der deutschen Wirtschaft unmittelbar greifbar. Der Hamburger Hafen ist Deutschlands wichtigster Land-See-Knotenpunkt, Rückgrat der Exportwirtschaft und zugleich (indirekter) Arbeitsgeber für hunderttausende Menschen im ganzen Land. Die Sicherheit dieser kritischen Infrastruktur ist aufgrund ihrer Mehrdimensionalität weit mehr als ihr physischer Schutz. Sie hängt an digitaler Souveränität gegenüber chinesischen Systemanbietern, an der Fähigkeit zur Klimaanpassung in einer von Extremwetter bedrohten Flusslage und an der sozialen Stabilität einer Hafenarbeiterschaft, die durch Automatisierung und geopolitische Handelsverschiebungen unter wachsenden Druck gerät. Wer Infrastruktursicherheit eindimensional betrachtet, übersieht, dass ein Hafen ohne gesellschaftliche Verankerung weit mehr Angriffsfläche und damit Risiko birgt als mit.
Ähnliches gilt für die deutsche Automobilindustrie, die sich in einem angespannten geoökonomischen Wettbewerb mit China befindet. Chinesische Hersteller haben durch staatlich gestützte Industriepolitik für die Elektromobilität Kostenvorteile von bis zu 30 Prozent aufgebaut und dringen mit wachsender Dynamik in den europäischen Markt vor. Rohstoffabhängigkeiten bei Lithium, Kobalt und Graphit schaffen neue strategische Verwundbarkeiten, während die aus China stammenden Systeme zusätzlich Fragen von Datensouveränität und industrieller Spionage aufwerfen. Anpassungsdruck und Strukturwandel treffen dabei die großen Konzerne ebenso wie regionale Zuliefernetzwerke, mittelständische Betriebe und tausende Beschäftigte in industriell geprägten Regionen. Beide Fälle zeigen: Wo der strukturelle Wandel nicht sozial flankiert und mit den Akteuren vor Ort gemeinsam gestaltet wird, erodiert die gesellschaftliche Basis der wirtschaftlichen Transformation. Zielkonflikte der wirtschaftlichen Sicherheit sind gelebte Realität in Hafenstädten und Industrieregionen und eben hier müssen sie angegangen werden.
Resilienzdividende: Inklusive Geoökonomie als Strategie
Reaktives Krisenmanagement greift bei der vielschichtigen Realität zu kurz, um nachhaltig effektiv zu sein. Um wirtschaftliche Sicherheit in der globalisierten Welt dauerhaft zu gewährleisten, braucht die Politik somit einen vorausschauenden Kompass. Hier setzt der aktuelle BKHS Report „Economic security starts at home: Introducing an inclusive geoeconomics strategy for Germany“ mit dem Konzept der inklusiven Geoökonomie und einer konkreten Checkliste für die politische Praxis an. Der Bericht führt Entscheidungsträger*innen in fünf Schritten durch die wesentlichen Fragen: Welche der vier Dimensionen von Wirtschaftssicherheit wird durch eine Maßnahme gestärkt und welche geschwächt? Wurden relevante Stakeholder frühzeitig eingebunden? Wer trägt die Kosten und wer profitiert? Sind die institutionellen Zuständigkeiten geklärt und koordiniert? Und dient die Maßnahme einer langfristigen Vision statt nur der kurzfristigen Schadensbegrenzung?
Was das in der Praxis bedeutet, beschreiben die Fallstudien. Für den Hamburger Hafen schlägt der Report die Einrichtung eines permanenten Hafenparlaments vor, eines institutionalisierten Forums, in dem Gewerkschaften, Logistikunternehmen, Umweltorganisationen und städtische Akteure strategische Entscheidungen gemeinsam gestalten. Für die Automobilbranche empfehlen die Autorinnen den Aufbau einer zirkulären Batteriewirtschaft mit verbindlichen Recyclingpflichten und heimischen Rückgewinnungskapazitäten, die Rohstoffabhängigkeiten reduziert, ökologische Nachhaltigkeit stärkt und gleichzeitig neue Wertschöpfung in Deutschland verankert.
Beide Ansätze illustrieren ein zentrales Prinzip der inklusiven Geoökonomie: Wirkungsvolle Wirtschaftssicherheitspolitik entsteht nicht isoliert in einem Berliner Ministerium. Sie muss im Mehrebenensystem der EU gedacht und umgesetzt werden, als Verbindung europäischer Vorgaben mit ihrer Umsetzung auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene.
Wer Geoökonomie von vornherein inklusiv denkt, bremst weder Wirtschaft noch Politik aus. Somit schafft dieser Ansatz eine „Resilienzdividende“ mit anpassungsfähigen Belegschaften, krisenfesten Strukturen und eine demokratische Legitimität, die auch unter Stress trägt. Strategische Autonomie und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit brauchen den Mut, Geoökonomie umfassend zu denken.
Der vollständige Bericht mit Analyse, Checkliste und konkreten Empfehlungen für die deutsche Wirtschaftssicherheitsstrategie, den Hamburger Hafen und die Elektromobilität ist hier online verfügbar:
„Economic security starts at home: Introducing an inclusive geoeconomics strategy for Germany“


