Wo Menschen den Klimawandel schon heute tagtäglich spüren

Erster Helmut-Schmidt-Zukunftspreis: Vanessa Nakate steht für Gerechtigkeit und Klima-Aktivismus im Globalen Süden

Liebe Leser*innen,

am 28. Juni verleiht die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung zusammen mit der Zeit und The New Institute erstmalig den Helmut-Schmidt-Zukunftspreis, der jährlich innovative Leistungen in den Bereichen Demokratie, Gesellschaft und Technologie ehrt. Unsere Programmleiterin Nina-Kathrin Wienkoop ist Jurymitglied, stellt Ihnen in diesem Schmidtletter die erste Preisträgerin Vanessa Nakate vor und blickt von ihr ausgehend kritisch auf das Thema Klimagerechtigkeit, Beteiligung und Repräsentation.

Wir wünschen eine interessante Lektüre
Ihre Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung



Die 25-jährige Vanessa Nakate ist Klimaaktivistin aus Uganda und Gründerin der Rise Up Bewegung, mit der sie auf die ungleichen Auswirkungen des Klimawandels für Frauen und im Globalen Süden aufmerksam macht. Hier in Deutschland wurde sie hingegen bekannt durch einen Medienskandal, der eine Debatte um Diversität auch der deutschen Klimabewegung losgetreten hat. Hintergrund war das 50. Weltwirtschaftsforum in Davos, zu dem mehrere Aktivist*innen von Fridays for Future eingeladen waren. Es entstand ein gemeinsames Foto, von dem später Vanessa Nakate abgeschnitten wurde. Als Folge waren nur „weiße“ Aktivist*innen aus Europa zu sehen. Ein Anlass für uns, kritisch auf das Thema Klimagerechtigkeit, Beteiligung und Repräsentation zu blicken.

Wer in Deutschland für eine neue Klimapolitik streikt

Immer freitags rufen Ortsgruppen von Fridays for Future ihre Unterstützer*innen auf, nicht zur Schule, sondern auf die Straße zu gehen, um sich lautstark für eine neue Klimapolitik einzusetzen. Der Schulstreik ist längst im Protestrepertoire von Klimaaktivist*innen in Deutschland angekommen. Losgetreten hat ihn 2018 die schwedische Schülerin Greta Thunberg. Die damals 15-Jährige begann, sich wöchentlich vor das Parlament in Stockholm zu setzen und mit einem selbstgebastelten Schild vor der rasanten globalen Erderwärmung zu warnen. Erst wurden die Medien in Schweden auf sie aufmerksam, bald folgten internationale Bekanntheit und viele, primär junge Menschen, die sich ihr anschlossen. Mittlerweile hielt sie eine viel beachtete Rede beim UN-Klimagipfel in New York, die sie durch ihre Mischung aus Emotionen und wissenschaftlicher Sachlichkeit bekannt machte. Binnen kürzester Zeit ist aus einer Einzelaktion eine transnationale Bewegung geworden. In Deutschland fand die erste Großdemonstration am 15. März 2019 in Berlin statt, an der rund 300.000 Engagierte teilnahmen. Nur sechs Monate später folgte mit dem Klimastreik am 20. September ein neuer Höhepunkt, bei dem in mehr als 150 Ländern Aktivisti*innen für eine Zeitenwende in der Klimapolitik demonstrierten. Schnell wurde von Medienvertreter*innen diskutiert, inwiefern wir hier eine neue Generation erleben, eine „Generation Greta“. Greta Thunberg wurde zum Symbolbild einer ganzen Generation und zum neuen Gesicht der Umwelt- und Klimabewegung weltweit.

Als junge Frau ist sie insofern repräsentativ für die Bewegung, als die Großdemonstrationen von Fridays For Future durch ihren hohen Anteil an Aktivistinnen bestechen, anders als bei anderen Protesten. Bei einer Studie des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) im Jahr 2019 gaben 59,6 Prozent aller Befragten in Bremen und Berlin an, weiblich zu sein. Unter den Schüler*innen lag der Anteil sogar bei 64,6 Prozent. Zum Vergleich: Bei Protesten gegen Stuttgart 21 waren es rund 40 Prozent, bei Pegida-Demonstrationen sogar nur 18 Prozent, die weiblich als Geschlecht bei der Befragung angaben.

White Days for Future?

Die gleiche ipb-Studie belegt, dass Menschen mit Migrationsbiografien unterdurchschnittlich bei den Kundgebungen vertreten waren. Besonders diejenigen, die selbst nicht in Deutschland geboren sind, machen nur einen sehr geringen Teil der Demonstrierenden aus. Auffällig ist auch, dass sich mehr als die Hälfte der Befragten zur oberen Mittelschicht zuordnet und dass ebenso viele angaben, Abitur zu machen. Nur ein sehr geringer Anteil kommt nach eigenen Angaben aus der Arbeiterschicht. Umweltbewegungen in Deutschland haben eine lange Tradition und speisen sich vor allem aus dem „weißen“ Mittelstandsmilieu. Das gilt nicht nur für Protestbewegungen, sondern auch für (Jugend-)Umweltvereine. Insofern stellt Fridays for Future kein Ausnahmephänomen dar, sondern vielmehr eine Kontinuität im Klima-Aktivismus in Deutschland. Doch warum spiegeln Aktionen zum Klimawandel, deren Auswirkungen uns alle – in unterschiedlichem Maße – betrifft, nicht die Vielfalt unserer Gesellschaft wider?

Es ist „5 vor 12“

Die Teilnahme an Protestaktionen, online oder offline, gilt gemeinhin als wenig voraussetzungsvoll und niedrigschwellige Form der demokratischen Teilhabe. Im Vergleich zum Engagement in Parteien oder Gewerkschaften gibt es keine formalen Teilhabehürden oder monatliche monetäre Verpflichtungen. Um beispielweise bei Fridays for Future in Deutschland aktiv zu werden, reicht eine Nachricht über einen Messengerdienst aus, um mit der jeweiligen Ortsgruppe in Kontakt zu treten und direkt mitzuwirken. Doch selbst Proteste und Bewegungen sind nicht für alle Menschen gleichermaßen zugänglich, jedoch sind die Barrieren häufig informeller. So braucht es für ehrenamtliches Engagement Zeit und in geringem Umfang auch das Geld und die Möglichkeit zum jeweiligen Ort, an dem Protest oder Engagement stattfindet, zu gelangen. Ebenso müssen Menschen von den Aktionen aus ihrem Umfeld mitbekommen und sich angesprochen fühlen. Häufig schreckt das wissenschaftliche Vokabular um Biodiversität und fossile Brennstoffe Menschen vom Umwelt- und Klimaengagement ab.

Zudem knüpfte Fridays for Future lange an die „5-vor-12“-Rhetorik an, die auf zukünftige Auswirkungen des Klimawandels und die Dringlichkeit ihrer Aufhaltung hinweisen sollte – aber verkannte, dass in weiten Teilen der Welt, besonders im Globalen Süden, diese Folgen bereits alltäglich spürbar sind. Früh wiesen Gruppen von Menschen mit eigener oder familiärer Migrationsbiografie wie das Black Earth Kollektiv auf die ungleichen Auswirkungen des Klimawandels hin. Nicht selten ist der fehlende Einbezug einer Perspektive aus dem Globalen Süden ein Grund solche Kollektive erst zu gründen, wie die Mitbegründerin und Aktivistin Imeh Ituen betont. Mittlerweile werden in Reden auf den Demonstrationen diese Klimaungerechtigkeiten verstärkt angesprochen.

Schulaktionen statt Schulstreik

Neben den Protestframes, also der Art und Weise, wie und mit welcher örtlichen Perspektive Forderungen formuliert werden und an welche kulturellen Praktiken sie anknüpfen, schließen auch bestimmte Formen des Widerstands Personengruppen aus. Menschen mit Migrationshintergrund nehmen beispielweise weit weniger an Protesten wie Großdemonstrationen teil. Noch stärker tritt dies bei Aktionen zivilen Ungehorsams zutage, wie sie die Umweltgruppen von Extinction Rebellion als zentrales Mittel nutzen und damit Kritik ernteten, bestimmte Menschen auszuschließen. Besonders Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit befürchten Konsequenzen für ihren Aufenthaltsstatus sowie verstärkt Rassismus und Gewalt seitens der Polizei ausgesetzt zu sein.

Zudem eignen sich Formen des Protests nicht in jedem lokalen Kontext gleichermaßen und sind somit nicht eins zu eins übertragbar. Vanessa Nakate erklärte jüngst in einem Interview, dass Schul- und Universitätsstreiks in Uganda nicht funktionieren, wo Bildung ein hohes, schwer zugängliches Gut und für die Familien sehr kostenaufwendig ist. Aus diesem Grund initiierte sie stattdessen mit ihren Mitstreiter*innen konkrete Projekte zum Ausbau erneuerbarer Energien und ging zur Aufklärung über Klimafolgen an die Schulen. Zwar versteht sich Vanessa Nakate als Teil der globalen Fridays-for-Future-Bewegung, hat mit der Gründung ihrer eigenen Bewegung und der Anpassung der Protestform aber auch gezeigt, wie verschieden und vielfältig Klima-Aktivismus sein kann und muss.

Greta, Luisa, Vanessa – Gesichter werden Vorbilder

Aus diesem Grund ist es zentral, dass auch in den Medien diese Vielfalt abgebildet wird. Nicht erst seit Fridays for Future suchen Journalist*innen nach dem einen Gesicht, um eine Protestbewegung medial zu vermitteln. So steht Greta Thunberg für Fridays for Future global, in Deutschland wurde Luisa Neubauer zum Gesicht der Bewegung und ist seitdem ein gefragter Gast auf Podien. Und tatsächlich erfüllen solche Symbolfiguren eine viel weiter reichende Aufgabe, als die Proteste nach außen zu repräsentieren. Rund 65 Prozent der Befragten gaben bei den ersten Fridays-for-Future-Demonstrationen in Deutschland an, dass Greta Thunberg zentral für ihre Teilnahme war. Über die Zeit nimmt dieser Einfluss zwar ab, jedoch ist es besonders bei jungen Menschen entscheidend, dass sie sich mit den Personen identifizieren und ihre eigene Lebensrealität widergespiegelt finden. Dann fühlen sie sich angesprochen und sind eher bereit, sich selbst zu engagieren. Bei der Diskussion um das Foto in Davos ging es um mehr als Repräsentation. Vanessa Nakate steht für ein Beispiel von Klima-Aktivismus im Globalen Süden, eine Weltregion, in der Menschen die Auswirkungen des Klimawandels schon heute tagtäglich spüren. Ihr Wirken und ihren Aktivismus sichtbar zu machen, vervielfältigt unseren Blick auf die neue Umwelt- und Klimabewegungen weltweit, weist uns auf die ungerechte Verteilung der Folgen des Klimawandels hin – und schafft nicht zuletzt Vorbilder für Aktivist*innen von morgen. 

Die globale soziale Bewegung Fridays for Future bringt jeden Freitag Schüler*innen und Studierende auf die Straßen, die sich lautstark für umfassende und effiziente Klimaschutz-Maßnahmen einsetzen.

© jacoblund

Beim 50. Weltwirtschaftsforum in Davos waren mehrere Aktivist*innen eingeladen. Es entstand dieses gemeinsame Foto, von dem später Vanessa Nakate abgeschnitten wurde.

© picture alliance / ASSOCIATED

PRESS / Markus Schreiber

Autorin: Dr. Nina-Kathrin Wienkoop

Programmleitung „Demokratie und Gesellschaft“

Neben Ihrer Tätigkeit als Programmlinienleitung ist Dr. Nina-Kathrin Wienkoop am Berliner Institut für Protest- und Bewegungsforschung sowie am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung assoziiert. Bei Letzterem leitete sie zuvor ein Forschungsprojekt zu Teilhabe im Jugendengagement. Sie publiziert, berät, forscht und lehrt zu Themen wie der Resilienz von Demokratien, in- und ausländischer Demokratieförderung, Jugendengagement, gewaltlosem Widerstand, Vielfalt und Protesten, Debattenkultur sowie diversitätsbewusster Organisationsentwicklung der Zivilgesellschaft.

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