Schwarz-weiß Foto von Willy Brandt und Helmut Schmidt

„In diesem Sinne hoffe ich mit Dir, daß Cancun [...] ein Neubeginn sein wird.“

Ein gerechteres Weltwirtschaftssystem: Nicht mehr und nicht weniger verbanden vor allem die Staaten des „Globalen Südens“ (damals auch organisiert im Zusammenschluss der „G77“) mit dem Nord-Süd-Gipfel im mexikanischen Cancún, dem bis heute einzigen Gipfelformat dieser Art.

Das Treffen am 22. und 23. Oktober 1981 bildete den Höhepunkt von Bemühungen unterschiedlicher Organisationen, die sich für einen Interessenausgleich zwischen den ökonomisch erfolgreicheren und den ärmeren Staaten einsetzten. Die Initiative für die Internationale Konferenz über Zusammenarbeit und Entwicklung ging vom ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt, Vorsitzender der 1977 gegründeten Nord-Süd-Kommission, aus. Der 1980 veröffentlichte sogenannte Brandt-Report „North-South: A Programme for Survival“ („Das Überleben sichern“) definierte den Ausgleich zwischen arm und reich als existenzielle Frage für die soziale und ökonomische Zukunft des Planeten. Nicht zuletzt für die dauerhafte Sicherung des Friedens bedürfe es einer gerechteren „Neuen Weltwirtschaftsordnung“.

Nach Cancún eingeladen waren 22 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt, die je zur Hälfte aus den Industriestaaten und aus den sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern kamen. Auf der Agenda standen finanz-, handels- und entwicklungspolitische Themen sowie Energie- und Rohstofffragen. Die „westlichen“ Staaten wurden unter anderen vertreten durch US-Präsident Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margaret Thatcher. Bundeskanzler Helmut Schmidt musste krankheitsbedingt absagen. An seiner Stelle nahm Außenminister und Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher teil.

Der Gipfel brachte kaum greifbare Ergebnisse. Die führenden Industrienationen waren nicht bereit, das bestehende Weltwirtschaftssystem infrage zu stellen, schon gar nicht in Zeiten einer schweren Weltwirtschaftskrise, die nach dem zweiten Ölpreisschock zu Beginn der 1980er-Jahre eingesetzt hatte. Statt Regulierung und Umverteilung zugunsten der ärmeren Staaten forderte Ronald Reagan freie Marktwirtschaft und mehr internationalen Freihandel. Keynesianisch inspirierte Eingriffe des Staates – wie sie vor allem sozialdemokratische Regierungen in Europa praktizierten – lehnte er ab. Wachstum und Wohlstand würden, so argumentierte Reagan, durch den Rückzug des Staates erreicht, der durch Steuererleichterungen Unternehmen entlasten sowie durch soziale Einschnitte Ausgaben senken sollte. Seine Politik steht – unter dem Schlagwort „Reaganomics“ – stellvertretend für die neoliberale Wende zu Anfang des Jahrzehnts. Indes stiegen während Reagans Amtszeit aufgrund der enormen atomaren Aufrüstung die Staatsausgaben und die Neuverschuldung der USA massiv an. Dies wiederum zog sehr hohe Zinsen nach sich und stürzte viele Länder des „Globalen Südens“ in den 1980er-Jahren in eine schwere Verschuldungskrise.

Bundeskanzler Helmut Schmidt versuchte einen Mittelweg zu steuern, wusste sich mit Reagan und auch Thatcher allerdings darin einig, die Strukturen des westlich dominierten Weltwirtschaftssystems, insbesondere der entwicklungs- und währungspolitischen Institutionen Weltbank und IWF, nicht anzutasten. Er trat für Reformen ein, beharrte aber darauf, dass der Wohlstand der Industrienationen notwendig sei, um die weniger entwickelten Länder finanziell zu unterstützen. Schmidt forderte auch die kommunistisch regierten Industriestaaten auf, sich gemeinsam mit dem Westen stärker in der Entwicklungszusammenarbeit zu engagieren. Doch die Sowjetunion verweigerte sich diesem Ansinnen und blieb dem Treffen von Cancún fern. Die sozial-liberale Koalition praktizierte Entwicklungspolitik unterdessen vor allem als aktive Außenhandelspolitik, die zugleich deutschen Exporten und der Rohstoffsicherung dienen sollte. Insgesamt standen geopolitische und weltwirtschaftliche Stabilitätskriterien im Vordergrund.

In einigen wichtigen Punkten unterschieden sich Schmidts Positionen deutlich von den Vorstellungen seines Amtsvorgängers Brandt, der nach 1974 keine Regierungsämter mehr innehatte. Gemeinsam mit der Mehrheit der G77-Staaten verlangte Willy Brandt von den Industriestaaten eine massive Aufstockung der Entwicklungshilfe, um Armut und Hunger weltweit effektiv zu bekämpfen. Zudem verlangte er einen Abbau von Handelshemmnissen und eine grundlegende Reform von Weltbank und IWF, die den Ländern des „Globalen Südens“ mehr Mitsprache ermöglichen sollte. Trotzdem waren auch die Vorschläge seiner Nord-Süd-Kommission im Vorfeld von Cancún durchaus umstritten. Hardliner innerhalb der G77 warfen Brandt vor, die Fundamente einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung nicht anzugreifen zu wollen. In einem Briefwechsel tauschten sich Brandt und Schmidt im Vorfeld des Gipfeltreffens über ihre jeweiligen Vorstellungen und Ziele in der Nord-Süd-Politik aus. Die vorsichtigen Formulierungen im Schreiben des Kanzlers vom 13. Oktober 1981 deuten die erheblichen Unterschiede ihrer Positionen an, wie der unten abgebildete Brief Schmidts belegt.

Außer Formelkompromissen, Absichtserklärungen und der (tatsächlich von vielen gelobten) guten Atmosphäre der Gesprächsrunden brachte der Gipfel letztlich wenig. Grund dafür waren neben der Verschiebung von Prioritäten infolge der erwähnten Weltwirtschaftskrise auch verschärfte Konflikte im Zeichen eines „Zweiten Kalten Kriegs“ zwischen den Supermächten USA und UdSSR. Die in der Wachstumsperiode der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre zwischenzeitlich für Staaten des „Globalen Südens“ aussichtsreichere Agenda einer „Neuen Weltwirtschaftsordnung“ fand in Cancún ihr Ende.

Helmut Schmidt hat stets die Auffassung vertreten, dass auf Gipfelformaten grundlegende Probleme kaum je gelöst werden könnten – es aber dennoch wichtig sei, überhaupt im Gespräch zu bleiben, gerade im persönlichen Kontakt mit anderen Regierungschefs Vertrauen aufzubauen oder zu erhalten. So könnten wenigstens für die Zukunft Türen offengehalten werden. Blickt man auf die die Konflikte und Kriege der Gegenwart, klingt diese Position wie eine Mahnung, ihre Umsetzung jedoch schwieriger denn je. Zugleich fühlt man sich beim Rückblick auf Cancún 1981 an heutige Gipfelformate erinnert: Handels-, industrie- oder energiepolitische Herausforderungen werden meist primär nach geopolitischen Interessenlagen entschieden, Fragen der (sozialen) Gerechtigkeit sind dabei nachgeordnet. Notwendig wären verbindliche Finanzierungs-, Umsetzungs- und Kontrollmechanismen, auf die sich die Teilnehmenden aber kaum je verpflichten.

Unterdessen hat sich das Bild des „Globalen Südens“ seit Cancún stark verändert. Staaten wie China und Indien, schon 1981 mit ihren Staatschefs vertreten, haben heute ein völlig anderes Gewicht. Die damals wichtigsten Industrienationen sind längst nicht mehr allein auf dem Parkett. Viele der ärmeren Länder bleiben jedoch strukturell abhängig, ihre Probleme damit unverändert. Das gilt auch und insbesondere für die Bekämpfung des Hungers: für die Nord-Süd-Kommission schon damals einer der wichtigsten Punkte auf der Agenda.

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Kanzlerwechsel 1974 

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Autor

Dr. Magnus KochLeiter Arbeitsbereich Ausstellungen und Geschichte

Magnus verbindet seine Expertise über Leben und Politikfelder von Helmut Schmidt mit Public-History-Formaten rund um die Ausstellungsprojekte der Stiftung. Zentral ist dabei immer die Frage, wie Geschichte und Gegenwart miteinander verbunden sind.

 

Er studierte Geschichte in Göttingen und promovierte an der Universität Erfurt zur Alltagsgeschichte des Zweiten Weltkriegs. Seit 2005 arbeitete er selbstständig und angestellt als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Ausstellungskurator unter anderem für das Deutsche Historische Museum, Berlin, die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das Hamburger Institut für Sozialforschung sowie für die Universität Wien.