Die CDU/CSU-Opposition gegen die sozial-liberale Koalition in Bonn rieb sich die Hände: Angesichts der Krawalle anlässlich der öffentlichen Vereidigung von 1.200 Bundeswehrrekruten am 6. Mai 1980 in Bremen ließen die beiden Parteivorsitzenden Helmut Kohl und Franz Josef Strauß verlautbaren, es gebe „eine Aktionsgemeinschaft zwischen Jungsozialisten, DGB-Jugend, IG-Metall, ÖTV und Kommunisten“. Zu den gewalttätigen Protesten hätten die Jusos und „linksradikale Gruppen der SPD“ eingeladen, wovor Bundeskanzler Helmut Schmidt, Verteidigungsminister Hans Apel sowie der Bremer Senat mit Bürgermeister Hans Koschnick an der Spitze von den Sicherheitsdiensten frühzeitig gewarnt worden seien. Damit war die Stoßrichtung der Pressemitteilung klar: Alle drei namentlich in die Verantwortung genommenen Politiker gehörten zu den führenden Sozialdemokraten im Lande.
Weiter hieß es zuspitzend in dem zwei Druckseiten umfassenden Statement von Kohl und Strauß, der gegen Schmidt bei der Bundestagswahl im Oktober 1980 als Kanzlerkandidat der Unionsparteien antrat: „Es ist ein Skandal, daß die Soldaten unserer Bundeswehr polizeilichen Schutz brauchen. Es ist ein Skandal, daß Soldaten und Polizeibeamte von den Linksradikalen als Freiwild betrachtet werden. […] Bundeskanzler Schmidt schweigt bis jetzt zu diesen Vorgängen. […] Reichen über 250 verletzte Polizisten und Soldaten nicht aus, um ein klärendes und dankendes Wort vom Kanzler persönlich zu erhalten? Bundeskanzler Schmidt schweigt, weil er nicht über die Kraft und den Mut verfügt, sich gegen die linken Kräfte in seiner eigenen Partei durchzusetzen.“
Alfred Dregger, stellvertretender CDU-Vorsitzender und Bundestagsabgeordneter, kam in einer separat veröffentlichten Erklärung sogar zu dem Schluss: „Schmidt kann Deutschland nicht regieren“. Wörtlich sagte Dregger, der als Vertreter des nationalkonservativen Flügels seiner Partei bekannt war und zur Aufarbeitung der Geschehnisse die Einrichtung von gleich mehreren parlamentarischen Untersuchungsausschüssen forderte: „Die Vorgänge in Bremen haben schlaglichtartig enthüllt, daß der Bundeskanzler ein Feldherr ohne Truppe und die SPD wieder zu einer Ohne-mich-Partei geworden ist. Die deutsche Sozialdemokratie hat sich als unfähig erwiesen, in der gegenwärtigen kritischen Weltlage den inneren und äußeren Frieden und die Freiheit unseres Landes angemessen zu schützen.“ Das Ausmaß des „politischen Versagens“ war laut Dregger beträchtlich, zumal angesichts des Einmarschs der Sowjetunion nach Afghanistan (1979) und der forcierten Stationierung atomarer SS 20-Mittelstreckenraketen in den Warschauer-Pakt-Staaten, die jeden Punkt in Europa – nicht zuletzt westdeutsche Städte – vernichten könnten. Deswegen kritisierte Dregger die Krawalle während des Bundeswehr-Gelöbnisses nicht bloß aus innenpolitischer Perspektive, vielmehr seien diese „im höchsten Maße“ auch von außen- und sicherheitspolitischer Bedeutung: „Wie soll Moskau unter diesen Umständen noch an die Verteidigungsbereitschaft und Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland glauben? […] Wie sollen unsere westlichen Alliierten noch an die Bündnisfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland glauben?“.
Wilhelminischer Feldgottesdienst oder Bekenntnis von „Staatsbürgern in Uniform“?
In der Tat waren bei der öffentlichen Rekrutenvereidigung im Bremer Weserstadion mehrere Hundert Menschen verletzt worden, neben den von Dregger nach vorne gestellten Polizeibeamten und Bundeswehrsoldaten auch Passanten und friedliche Demonstranten, die sich in der Mehrheit befanden. Das Gelöbnis, das auf eine Idee von Hans Koschnick zurückging und mit dem 25. Jahrestag des Eintritts der Bundesrepublik in die NATO zusammenfiel, stieß in der DKP und im Kommunistischen Bund Westdeutschlands ebenso auf Ablehnung wie in der Friedensbewegung, zumal mit Bundespräsident Karl Carstens ein früheres NSDAP-Mitglied daran teilnahm. Selbst der SPD-Landesvorsitzende Konrad Kunick und die sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen äußerten Kritik an Koschnicks Entscheidung, so wie auch Gewerkschaften und in Bremen tätige evangelische Pastoren. Aus der Sicht des stellvertretenden Juso-Bundesvorsitzenden Reinhard Schultz handelte es sich bei dem Gelöbnis um eine „Massenvereidigung in Form eines wilhelminischen Feldgottesdienstes“, die überholte Traditionsformen aus Preußens Glanz und Gloria wiederaufleben lasse.
Für Helmut Schmidt waren die Attacken von Kohl, Strauß und Dregger besonders schwer zu ertragen, weil sie – zu Wahlkampfzwecken und mit Freude an Polemik – zwei seiner zentralen politischen Maximen herausforderten: Erstens das Bild von Soldaten als „Staatsbürgern in Uniform“ sowie das Verständnis der Bundeswehr als Parlamentsarmee, in dem das Prinzip der „inneren Führung“ zu gelten habe; und zweitens Schmidts Eintreten für den NATO-Doppelbeschluss und die Profilierung der Bundesrepublik als verlässliche Partnerin im transatlantischen Verteidigungsbündnis. In diesen Grundüberzeugen wusste sich der Bundeskanzler mit dem Verteidigungsminister Apel einig, der an der öffentlichen Vereidigung in Bremen teilgenommen hatte. Beide Sozialdemokraten missbilligten darüber hinaus die Opposition innerhalb der eigenen Partei gegen das Bundeswehr-Gelöbnis. Bei einem Hintergrundgespräch in der Nähe von Kiel im August 1980 bezeichnete Schmidt die Lage der SPD in Bremen als „zum Kotzen“ und gefährlich.
Keine Tomaten auf Franz Josef Strauß oder: gegen jedwede Form von Gewalt
Direkt am Tag nach der Rekrutenvereidigung, am 7. Mai 1980, dankte Helmut Schmidt den Polizisten und Bundeswehrsoldaten bei einer Wahlkampfveranstaltung in Wuppertal für ihren Einsatz und wünschte den Verletzten baldige Genesung. Sodann ordnete er die Ausschreitungen in den Stadtvierteln rund um das Weserstadion, bei denen es zu regelrechten Straßenschlachten gekommen war, in die größeren Zusammenhänge von Demonstrationsfreiheit und Gewaltverzichtsverbot ein: „Ich will hier eines ganz deutlich sagen: Ob einer mit großen Sprechchören einen politischen Gegner hindert, zu Gehör zu kommen, ob jemand Tomate[n] auf Herrn Strauß wirft oder ob er auf andere Weise Gewalt übt: das alles sind meine Feinde! Das sind Feinde der deutschen Sozialdemokratie! Wir sind Demokraten, und wir verabscheuen jede Art der Gewalt gegen den politischen Gegner. Ebenso verabscheuen wir jede Gewalt im Verkehr zwischen Staaten.“
Ähnlich las sich die offizielle Erklärung der Bundesregierung zu den Vorfällen in Bremen, wenngleich etwas staatstragender. Der Bogen wurde bis zum Bekenntnis zur Bundeswehr als Bündnisarmee in der NATO gezogen, mit besonderem Akzent auf die notwendige Sicherung des Gleichgewichts in der Entspannungspolitik zwischen West und Ost. Am 8. September 1980 legte der vom Deutschen Bundestag auf Initiative der CDU/CSU eingesetzte parlamentarische Untersuchungsausschuss seinen Abschlussbericht vor. Unmittelbar in Wahlerfolge konnten die Unionsparteien ihre politischen Bestrebungen nicht umsetzen: Nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, die am 11. Mai und damit lediglich fünf Tage nach dem Gelöbnis stattfand, blieb Johannes Rau (SPD) weiterhin Ministerpräsident – nunmehr sogar als Chef einer sozialdemokratischen Alleinregierung – und auch bei der Bundestagswahl 1980 konnte Schmidt sein Kanzleramt verteidigen.
Allerdings war offensichtlich, dass sich die von ihm geführte sozial-liberale Koalition in schwerem Fahrwasser befand. Während die FDP auf einen wirtschaftsliberalen Kurs umschwenkte, wuchs bei den Jusos und auf dem linken SPD-Flügel der Widerstand gegen Schmidts sicherheitspolitischem Kurs. Bis zum Erfolg von Helmut Kohl beim konstruktiven Misstrauensvotum gegen den Bundeskanzler am 1. Oktober 1982 dauerte es noch zwei Jahre, von Grund auf überraschend war diese Entwicklung aber nicht. Wie sich am Beispiel der Krawalle anlässlich der Rekrutenvereidigung in Bremen ablesen lässt, verstanden es Kohl und Strauß zum Leidwesen von Schmidt geschickt, die in Fragen von Bundeswehr und globaler Sicherheitspolitik uneinige SPD bloßzustellen und daraus politisches Kapital zu schlagen.

