„Geschichte betrifft jeden Bürger“ mahnte Helmut Schmidt in seiner Ansprache auf dem Historikerkongress 1978. Er sehe, dass Geschichte nicht nur zu bewältigen, sondern auch vorzubereiten sei, so Schmidt weiter. Hierfür leistete der im Alter von 96 Jahren verstorbene Politiker, Publizist und Elder Statesman selbst einen entscheidenden Beitrag und legte ein umfassendes Privatarchiv – das heutige Helmut Schmidt-Archiv (HSA) – an. Schon seit frühester Jugend sammelte er persönliche Ausarbeitungen und Familienerinnerungen, wovon ein großer Teil im Zuge des Bombenangriffs auf Hamburg 1943 verbrannte.
Danach begann Schmidt erneut, seine Erinnerungen und Unterlagen abzulegen, und schuf damit die Basis seines heute umfangreichen Archivs. Der Bestand wuchs bis zu seinem Lebensende auf einen Gesamtumfang von etwa 3.500 Aktenordnern. Dabei spiegeln die überlieferten Dokumente den politischen Diskurs aus den Jahrzehnten ihrer Entstehungszeit wider und gewähren tiefe Einblicke in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, deren transatlantische und weitere internationalen Verflechtungen mit besonderem Akzent auf die europäische Einigung im 20. Jahrhundert.
Das HSA dokumentiert und bewahrt die von Schmidt getroffenen Entscheidungen, Handlungen und Erinnerungen und fungiert dadurch auch als archivischer Speicher und Instrument für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Über diese historische Bedeutung für Forschung und Gesellschaft war sich auch der Altkanzler bewusst. Daher gewährte er schon zu Lebzeiten Forscher*innen und Wissenschaftler*innen Einblick in seine Unterlagen und verfügte persönlich, dass sein Privatarchiv unabhängig von Institutionen und Behörden öffentlich zugänglich gemacht werden solle.
Das Korrespondenzprojekt
Helmut Schmidts Wunsch folgend, wird sein Nachlass seit 2018 umfassend verzeichnet und erschlossen. Dabei handelt es sich um eine umfangreiche Pionierarbeit, denn bis 2017 existierten nur bruchstückhaft Findmittel, die weder die Breite noch die Tiefe des gesamten Bestands abdeckten.
Einen wichtigen Verzeichnungsschwerpunkt bildet dabei die privat-politische Korrespondenz von Schmidt, der sich bis zu seinem Tod mit mehr als 10.000 Personen auf der ganzen Welt brieflich austauschte. In Anbetracht seiner politischen Bedeutung, seines Wirkens auf verschiedenen politischen, ökonomischen und kulturellen Schauplätzen und der Vielzahl von Stimmen ist der Briefbestand von außerordentlichem historischem und gesellschaftlichem Interesse. Zu Schmidts Korrespondenzpartner*innen zählten zahlreiche einflussreiche Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Religion und Sport. Neben außergewöhnlichen Einzelstücken wie den Briefen von Papst Paul VI., König Juan Carlos oder Sportler Dirk Nowitzki umfasst der Bestand über Jahrzehnte geführte Schriftverkehre mit Willy Brandt, Helmut Kohl, Karl Klasen und Hans-Dietrich Genscher. Auch Briefwechsel mit heute relevanten Akteuren verleihen dem Bestand eine aktuelle Relevanz.
Das Korrespondenzprojekt, das 2022 begann und mindestens noch bis 2027 laufen wird, widmet sich der archivwissenschaftlichen Erschließung und Verzeichnung dieser wertvollen Quellen. Ziel des Projekts ist es, die Inhalte der Briefe in Form von kritisch-historischen Regesten, also die Vermittlung der im Brief angesprochenen Sachverhalte und Personen, zu erfassen, im Sinne der langfristigen Substanzerhaltung die Originale zu digitalisieren und sie – unter Beachtung aller geltenden rechtlichen Bestimmungen – der Forschung und Wissenschaft zur Auswertung bereitzustellen.
Was die Briefe verraten
Ob handgeschrieben oder mit der Schreibmaschine verfasst, ob private Nachricht oder offizielles Schreiben: Briefe sind außergewöhnliche Zeugnisse der Geschichte. Sie haben vielfältige Formen und Funktionen und geben wertvolle Einblicke in politische Entscheidungen und historische Hintergründe. Schmidts umfassender Korrespondenzbestand dokumentiert eindrucksvoll das Leben und Wirken von Personen der Zeitgeschichte und ermöglicht die Rekonstruktion von weltumspannenden Netzwerken und Alltagsgeschichte(n). Daneben sind die Briefe das zentrale Bindeglied zwischen dem HSA und dem gegenüberliegenden Wohnhaus der Familie Schmidt. Sie ermöglichen es, die Herkunft zahlreicher Objekte aus dem physischen Nachlass – darunter Kunstwerke, Bücher, Münzen und persönliche Erinnerungsstücke – nachzuvollziehen. Beispielhaft dafür ist der Briefwechsel zwischen Helmut Schmidt und seinem politischen Kontrahenten Helmut Kohl, der vor mehr als 50 Jahren begann: Im Dezember 1983 übermittelte Kohl seinem Vorgänger einen handgeschriebenen Geburtstagsgruß samt Geschenk – eine kleine Plastik in Anlehnung an die Skulptur „Large Two Forms“ von Henry Moore, dessen monumentale Bronzeplastik Schmidt 1979 für den Vorplatz des Kanzleramts in Bonn ausgewählt hatte. Der Brief dokumentiert nicht nur die Beziehung zwischen den beiden Politikern, sondern bescheinigt zugleich die Herkunft des Objekts, das sich bis heute in einer Vitrine des Wohnhauses befindet.
Mit der voranschreitenden Auswertung der Korrespondenz wird mehr und mehr eine systematische Provenienzforschung zu den rund 10.000 Objekten im privaten Wohnhaus möglich sein; auf diese Weise werden Zusammenhänge und Entstehungskontexte sichtbar gemacht.
Die überlieferten Briefe, die bis in die 1950er-Jahre zurückreichen, geben zudem faszinierende Einblicke in Schmidts Arbeitsweise. Geprägt durch seine Tätigkeit in der Behörde für Wirtschaft und Verkehr in Hamburg sowie durch die organisatorischen Anforderungen seiner späteren politischen Ämter, orientierte sich die Ablage an den Prinzipien behördlicher Registraturen. Briefe wurden zunächst jahrgangsweise, später quartalsweise geordnet und abgeheftet. Zahlreiche handschriftliche Notizen, Anmerkungen, Unterstreichungen und Paraphen dokumentieren dabei nicht nur administrative Abläufe, sondern geben zugleich Einblicke in persönliche Beziehungen, Entscheidungsprozesse und politische Kommunikationsstrukturen.
Vom Wert des geschriebenen Wortes
Sprache und Schriftlichkeit sind eine der bedeutendsten kulturellen Leistungen der Menschheit, die durch Form und Inhalt Aufschlüsse über Epochen, Kulturen und Gesellschaften geben. Auch der umfassende Briefbestand im HSA gibt wie kaum eine andere Quelle Auskunft über die private und berufliche Lebenswelt Schmidts, allgemeine gesellschaftliche Konventionen oder individuelle Emotionen und stellt durch seine zwei Betrachtungsebenen, eine inhaltliche und eine gestalterische, immer auch die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Form und Gegenstand.
Hinweis: Aufgrund der laufenden Erschließung des Briefbestands steht dieser Archivnutzer*innen bis voraussichtlich 2027 nur eingeschränkt zur Verfügung.


