„Transatlantische Beziehungen und europäische Handlungsfähigkeit in einer multipolaren Welt“
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges basierten die transatlantischen Beziehungen auf dem Bekenntnis zu einer grundlegenden Werte- und Interessengemeinschaft, einer gewachsenen Sicherheitspartnerschaft sowie der Bereitschaft, gemeinsam globale Verantwortung zu tragen. Diese in den zurückliegenden Jahrzehnten wiederholt Belastungsproben ausgesetzte westliche Partnerschaft wurde nun in der zweiten TrumpAdministration mit Nachdruck aufgekündigt. Schon länger stattfindende Veränderungen in der Innenpolitik, zunehmende normative und Interessendivergenzen sowie regionale Schwerpunktverlagerungen in der Außenpolitik der USA wurden auf europäischer Seite zwar wahrgenommen, aber scheinbar nicht als langfristig relevant und die Beziehungen gefährdend eingeschätzt. Konsequenzen, wie der Aufbau einer wirklich eigenständigen sowie handlungsfähigen Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik wurden nur langsam und eher aus notwendiger Anpassung, denn mit ausreichender Überzeugung verfolgt und vorangetrieben.
Nun aber – konfrontiert mit einer doppelten Zeitenwende aus russischem Angriffskrieg gegen die Ukraine und fundamentalem Wandel der Rolle der USA, inkl. Aufkündigung des egelbasierten liberalen internationalen Ordnungsmodells – stehen die Beziehungen zwischen Europa und den USA an einem kritischen Wendepunkt und vor präzedenzlosen Veränderungen. Die äquidistante bis EU-feindliche Politik der Trump-Regierung, ihre Drohungen und Einmischungen selbst gegenüber Verbündeten, ihre offenen Völkerrechtsbrüche, ihre Nähe zu Autokraten bei gleichzeitiger demokratischer und rechtsstaatlicher Erosion in den USA sowie die wiederholte Infragestellung der gewachsenen Sicherheitspartnerschaft in der NATO, zwingen die Europäer, rasch Versäumtes nachzuholen und eigenständig handlungsfähig zu werden. Das bedeutet, europäische Werte, Interessen und Prinzipien auch dann wahren und umsetzen zu können, wenn sie durch die USA nicht unterstützt, oder sogar direkt bedroht werden.
Europa steht vor einer komplexen Herausforderung: Es gilt die transatlantischen Beziehungen völlig neu zu denken; Kooperation und gegenseitige Abhängigkeiten dort aufrechtzuerhalten, wo sie funktional notwendig oder strategisch sinnvoll bleiben und gleichzeitig die enorme Substanz, wo immer möglich und von beiden Seiten erwünscht, zu bewahren, ohne sich dem „Prinzip Hoffnung“ oder Illusionen hinzugeben. Parallel muss die EU, müssen die Mitgliedsstaaten angesichts der Politik der gegenwärtigen USRegierung rote Linien definieren und konsequente Reaktionen vorbereiten, vor allem aber endlich selbstständig strategisch denken und handeln. Dies ist nicht nur die Voraussetzung für den Schutz der eigenen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Souveränität, sondern auch für belastbare Partnerschaften, transatlantisch und international. In einer zunehmen post-westlichen Welt ist die EU in besonderem Maße gefordert, eine eigenständige Rolle in der internationalen Politik zu definieren, um glaubwürdig und mit Erfolg gegenüber alten und neuen Partnern agieren zu können. Dafür müssen auch die transatlantischen Beziehungen unter erheblich veränderten Bedingungen neujustiert werden.
Zentrale Fragestellungen lauten daher:
- Was sind die veränderten Bedingungen in den transatlantischen Beziehungen (international/systemische Ebene, staatliche und bilaterale Ebene, innerstaatliche Ebene) – was ist strukturell und langfristig, was ist politisch bedingt durch „Trump“ bzw. MAGA?
- Wie kann die Neujustierung erfolgreich gestaltet werden und unter welchen Bedingungen können die transatlantischen Beziehungen (wie) tragfähig bleiben? Was kann und sollte, auch unter veränderten Bedingungen erhalten werden?
- Welche Formen transatlantischer Kooperation sind im 21. Jahrhundert unter veränderten Vorzeichen noch möglich, legitim und strategisch sinnvoll — und über welche Ebenen, Akteure und Themen müssen sie künftig organisiert werden?
- Wenn die gouvernementale Ebene in den USA teilweise ausfällt oder unzuverlässig wird, müssen transatlantische Beziehungen breiter gesellschaftlich und institutionell gedacht werden.
- Beziehungsweise: Wenn angesichts politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen staatliche Beziehungen auf Bundesebene nur ein Referenzrahmen unter anderen sind, gewinnen dann substaatliche Ebenen, zivilgesellschaftliche Akteure, wirtschaftliche und akademische Netzwerke an Bedeutung? Und wie können diese Beziehungen adressiert und positiv gestaltet werden?
- Was würde der Aufbau einer handlungsfähigen EU (Außen-, Sicherheits- und Verteidigungs- sowie globale Ordnungspolitik) und angestrebte strategische Autonomie, inklusive wirtschaftlicher und technologischer Souveränität für das transatlantische Verhältnis bedeuten?
Das Projekt „FOTAR 2026“ greift diese Fragen und Probleme der USA-EuropaBeziehungen unter fundamental veränderten Rahmenbedingungen auf. Es untersucht die Zukunft transatlantischer Beziehungen in drei zentralen Themenfeldern:
- „Frieden, Sicherheit & Zukunft der NATO“
- „Demokratie, Freiheit & Gesellschaft“
- „Internationale Ordnung, souveräne Gleichheit und (Klima-)Gerechtigkeit in einer post-westlichen Welt“
FOTAR 2026 zielt darauf ab, die beschriebenen Spannungen, fortbestehenden wechselseitigen Abhängigkeiten und Kooperationsmöglichkeiten analytisch zu erfassen. Auf dieser Grundlage sollen realistische, wertebasierte und politikrelevante Handlungsperspektiven für die europäische Politik mit Blick auf das transatlantische Verhältnis entwickelt werden.
Unsere Fellows
Amanda Pridmore

Amanda Pridmore ist Projektmanagerin am Global Public Policy Institute (GPPi) in Berlin. Sie leitet die strategische Kommunikation für ENSURED, ein im Rahmen von „Horizont Europa“ gefördertes Konsortium, das sich mit globaler Governance und der Zukunft des europäischen Multilateralismus befasst. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der globalen Ordnung, strategischen Narrativen und politischer Kommunikation, einschließlich der Erforschung des EU-Ansatzes zum Multilateralismus und der Durchführung von Narrativ-Schulungen für den Europäischen Auswärtigen Dienst. Zuvor arbeitete sie am United States Holocaust Memorial Museum und war im Rahmen eines Fulbright-Stipendiums in Deutschland tätig, wo sie zu Narrativen und Erinnerungspolitik forschte. Sie hat Abschlüsse in Politikwissenschaft und Philosophie von der Clemson University und steht kurz vor dem Abschluss ihres Masterstudiums in Internationalen Beziehungen an der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Potsdam.
Ben Speggen

Ben Speggen ist Vizepräsident der Jefferson Educational Society, eines überparteilichen Thinktanks mit Sitz in Erie, Pennsylvania. Darüber hinaus ist er als Redakteur für den Erie Reader tätig, eine regionale, unabhängige Alternativzeitung, an deren Gründung er 2011 als leitender Chefredakteur mitwirkte. Er war außerdem als Redaktionsleiter der Our Towns Civic Foundation tätig. Darüber hinaus moderierte er eine Sendung zu kommunalen Themen im öffentlichen Rundfunk und unterrichtete Schreiben und Literatur an einer Hochschule. Als Sohn eines Bergarbeiters und einer Pflegehelferin war Ben der erste in seiner Familie, der ein Studium absolvierte. Er erwarb sowohl seinen Master- als auch seinen Bachelor-Abschluss an der Gannon University, wo er Kreatives Schreiben, Literatur, Geschichte und Journalismus studierte.
Isolde Ruhdorfer

Isolde Ruhdorfer ist Redakteurin für Außenpolitik beim Online-Magazin Krautreporter in Berlin. Sie studierte Osteuropastudien in Köln und Nischni Nowgorod. Sie ist IJP-Fellow, Sylke-Tempel-Fellow und Kellen-Fellow. Ihre bisherigen Recherchen führten sie unter anderem in die USA, nach Israel/Palästina und nach Ungarn. In ihrer Arbeit versucht sie, ihren Leser*innen zu verdeutlichen, inwiefern internationale Politik mit ihrem Leben zusammenhängt. In ihrem FOTAR-Projekt wird sie gemeinsam mit Jason Moyer die Zukunft der NATO in Europa untersuchen.
Jason Moyer

Jason C. Moyer ist Programmleiter für Außen- und Sicherheitspolitik bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington, DC. Der Schwerpunkt des Programms liegt auf der Stärkung des transatlantischen Austauschs zu Themen wie globaler Frieden und Sicherheit, Klimasicherheit und menschliche Sicherheit. Zuvor war Jason als Programmreferent beim „Global Europe Program“ des Wilson Center tätig und arbeitete davor am Center for Transatlantic Relations der Johns Hopkins SAIS. Er ist Autor von mehr als 50 Artikeln über die aktuellen transatlantischen Beziehungen, wobei sein Schwerpunkt auf der NATO, der EU als Sicherheitsakteur, hybrider Kriegsführung und der Geopolitik der Arktis liegt. Er hat einen Master-Abschluss in Germanistik und Europastudien von der School of Foreign Service der Georgetown University. Vor seinem Masterstudium unterrichtete Jason zwei Jahre lang im Auftrag des koreanischen Bildungsministeriums Englisch in Südkorea. Er lebt mit seiner Frau und dem gemeinsamen Rettungshund Nori in Alexandria.
Jonathan Lehrer

Jonathan Lehrer ist Programmmanager für internationale Angelegenheiten bei der Körber-Stiftung. Jonathan arbeitet für die „Körber Emerging Middle Powers Initiative“ und ist Herausgeber von The Berlin Pulse, der jährlichen außenpolitischen Publikation der Körber-Stiftung. Bevor er zur Körber-Stiftung kam, arbeitete Jonathan bei Professional Briefing China.Table. Darüber hinaus sammelte er Berufserfahrung im Auswärtigen Amt in Berlin, bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) sowie im Deutschen Bundestag. Jonathan hat einen Master-Abschluss in Internationalen Beziehungen der Technischen Universität Dresden und absolvierte Auslandssemester an der Qingdao-Universität sowie am Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO).
Nathalie Frisch

Nathalie Frisch, FOTAR-Stipendiatin der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung und des Europakollegs Hamburg, beschäftigt sich mit den Themen internationale Ordnung, (Klima-)Gerechtigkeit und transatlantische Beziehungen. Sie ist LL.M.-Studentin an der USC Gould School of Law mit Schwerpunkt Wirtschaftsrecht. Ihre Forschungsschwerpunkte sind internationales Investitionsrecht, Verhaltenspflichten im Völkerrecht und innovative Finanzierungsmechanismen für den Klimaschutz.