„Ich habe ihn geliebt…“

Über die Freundschaft zweier Politiker und dem gemeinsamen Willen zum Frieden

Liebe Leser*innen,

Helmut Schmidt ist zeitlebens einer Vielzahl interessanter und bedeutsamer Persönlichkeiten begegnet. Doch welcher politische Mensch hat ihn am stärksten beeindruckt?
Wir lösen auf: Es ist der frühere ägyptische Staatspräsident Anwar as-Sadat. Am 6. Oktober 2021 jährte sich dessen Ermordung zum 40. Mal. Dies nehmen wir in unserem Schmidtletter zum Anlass, die Freundschaft und politischen Standpunkte der beiden Staatsmänner näher zu beleuchten. Sie erfahren außerdem, was es mit einer erinnerungsträchtigen Nilfahrt auf sich hat.

Eine erkenntnisreiche Lektüre wünscht Ihnen
Ihre Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung


 

Es ist Helmut Schmidts 90. Geburtstag. Er sitzt in einem abgedunkelten Raum auf einem samtroten Lehnsessel und spricht mit Reinhold Beckmann über sein bewegtes Leben. Der Altkanzler zieht konzentriert an seiner Zigarette, als er seinen Gegenüber unterbricht: „Aber ich will eine andere Frage, die Sie nicht gestellt haben, beantworten: Welcher von meinen politischen Gesprächspartnern hat mich am meisten beeindruckt?“ Die Antwort kommt prompt − es ist der frühere ägyptische Staatspräsident Anwar as-Sadat.

1977 − ein Jahr der Entscheidung?

Schmidt und Sadat lernten sich bei einem diplomatischen Austausch im Frühjahr 1976 kennen. Zwischen den Staatsmännern entwickelte sich schnell ein tiefes Vertrauen und eine lebenslange Bewunderung für einander. Dabei bildete die Basis ihrer Verbundenheit ihr unbedingter Wille zum Frieden, der aus ähnlichen Kriegserfahrungen erwachsen war. Sadat, der noch 1973 als Präsident die letzte Offensive gegen Israel geführt hatte, hatte erkannt, dass vor allem der Frieden im Nahen Osten wichtiger denn je war. Er war davon überzeugt, dass die religiösen Gemeinsamkeiten des Islams und Judentums die Basis für einen dauerhaften Frieden mit Israel hätten sein können. Denn Juden, Christen und Muslime erblicken in der Figur Abraham den gemeinsamen Vater ihres Glaubens.

Und tatsächlich: Im November 1977 besuchte der Ägypter als erster muslimischer Präsident Jerusalem und durfte am 20. November vor der Knesset, dem israelischen Parlament, seine Friedensinitiative erläutern. Seine wichtigste Forderung war der Rückzug Israels aus den seit 1967 besetzten Gebieten Jerusalems, dem Berg Sinai und den Golan-Höhen − Orte mit hoher religiöser Bedeutung: „Wir alle lieben dieses Land, dieses Land Gottes. Wir alle, Moslems, Christen und Juden, die wir Gott verehren.“ rief er den Zuhörenden zu und plädierte für ein friedliches Nebeneinander. Doch Sadat forderte auch realpolitische Zugeständnisse von den Israelis, wie die Schaffung eines Palästinenserstaates auf dem Gebiet der Westbank und des Gazastreifens sowie das Recht aller Staaten der Region auf gesicherte und garantierte Grenzen.

Was nur Wenige wissen: Über dieses außergewöhnliche Friedensvorhaben beriet Sadat sich im Vorfeld ausführlich mit dem damaligen Bundeskanzler und seinem Freund Helmut Schmidt (mehr dazu im Interview mit der NZZ).

Die Welt blickte gebannt auf den Nahen Osten, als der israelische Ministerpräsident Menachem Begin den ägyptischen Staatschef auf dem Flughafen in Tel-Aviv begrüßte. Erstmals schien der Friede in Sicht.

Ein Religionsgespräch auf dem Nil

Sadats Besuch in Jerusalem lag erst einige Wochen zurück, als Loki und Helmut Schmidt Ende Dezember 1977 auf Staatsbesuch − und das erste Mal überhaupt − nach Ägypten reisten. Die Zusammenkunft stand ganz im Zeichen praktischer Interessenpolitik. Dabei musste Schmidt stets die diplomatische Balance wahren zwischen der Zustimmung zur Friedensmission Sadats einerseits und der Berücksichtigung der Rechte und Interessen der Israelis und der Palästinenser*innen andererseits. 

Doch es waren nicht der diplomatische Austausch oder die Besichtigungen altertümlicher Stätten, die diese Reise zu einer ganz besonderen machten. Es war ein Gespräch während einer Nilfahrt, das Schmidt tief beeindruckte. Auf dem Deck unter klarem Sternenhimmel sprach Sadat mit ihm über die gemeinsamen geschichtlichen und religiösen Wurzeln der drei monotheistischen Religionen und erläuterte seinem Freund seine Visionen von einem friedlichen Nebeneinander von Islam, Juden- und Christentum und seine Vorstellung einer Versöhnung der drei abrahamitischen Religionen. „Sadat hoffte auf eine große friedliche Begegnung von Judentum, Christentum und Islam“, schreibt Schmidt in seinem Buch „Weggefährten“ rückblickend im Jahr 1996. „Sie sollte symbolisch auf dem Berg Sinai stattfinden, dem Mosesberg, wie er im Arabischen genannt wird. Dort sollten nebeneinander eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee gebaut werden, um die Eintracht zu bezeugen.“

Dieses für Schmidt unvergessliche Gespräch veränderte sein Bild von der Bedeutung der großen Religionen für ein friedliches Zusammenleben der Menschen entscheidend. Bis ins hohe Alter hat Helmut Schmidt auf dieses Narrativ zurückgegriffen, um seinem jeweiligen Publikum von der Bedeutung und den Zusammenhängen des Friedens, der Weltreligionen und politischen Akteur*innen zu berichten. Schon ein Jahr nach der Nilreise, während einer Ansprache in einer Kölner Synagoge, griff er darauf zurück. Es war eine Zeit großer Erwartungen, denn mittlerweile hatten erste Friedensgespräche zwischen Ägypten und Israel stattgefunden und Hoffnung bei den Menschen geweckt.

(K)ein historischer Frieden 

Immerhin dauerte es über ein Jahr, bis Sadat und Israels Ministerpräsident Begin ein separates Friedensabkommen unterschrieben, und zwar unter Vermittlung des US-amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter in Camp David. Es war das erste zwischen einem arabischen Staat und Israel überhaupt, doch die Reaktionen seitens der verbündeten Staaten Ägyptens waren verheerend. Syrien, Irak, Libyen und Algerien brachen die diplomatischen Beziehungen ab, und Ägypten geriet in eine außenpolitische Isolation. Grund dafür war die damit verbundene Anerkennung des Existenzrechts von Israel. Doch auch innerägyptisch formierte sich eine Front gegen Sadat, der mehr und mehr die militante Opposition − vor allem radikale Anhänger der Muslimbruderschaft − inhaftieren ließ.

Das Attentat vom 6. Oktober 1981 

Kritiker machten Sadat für diese fatale innenpolitische Entwicklung verantwortlich, die im Ergebnis auch islamistische Verschwörer stärkte. Es waren vier von ihnen, die am 6. Oktober 1981 während einer Militärparade das Attentat auf Anwar as-Sadat verübten. Während er auf der Ehrentribüne saß, feuerten die Attentäter dutzende Kugeln auf ihn ab, wovon drei Sadat tödlich verwundeten. Die Nachricht über den gewaltsamen Tod des ägyptischen Staatspräsidenten erschütterte die westliche Welt. Auch Helmut Schmidt war tief getroffen.

Schmidt bekannte öffentlich: „Ich habe ihn geliebt. Wir waren bis auf zwei Tage gleichaltrig. Unsere nächtliche Unterhaltung auf dem Nil gehört zu den glücklichsten Erinnerungen meines politischen Lebens“. Sadats Friedenswille sei buchstäblich über Grenzen gegangen, so Schmidt weiter. Sadat habe gewusst, dass er mit dieser Friedensinitiative sein Leben riskierte. Doch weil er trotzdem seinem Gewissen folgte, sei er unter allen Staatslenkern derjenige, der ihn am stärksten beeindruckt habe.

Hintergrund

Auch in den arabischen Staaten ist diese Geschichte des Nahostkonflikts, aber auch die Freundschaft zwischen Anwar-as Sadat und Helmut Schmidt ein vielbesprochenes Thema. So wurde das Buch "Dass wir alle Kinder Abrahams sind..." Helmut Schmidt und Anwar as-Sadat. Ein Religionsgespräch auf dem Nil von Professor Karl-Josef Kuschel 2020 ins Arabische übersetzt. 

Übersetzer: Dr. Mahmoud Abdallah (Universität Tübingen)

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