Die aufgebaute Wanderausstellung im Bundestag

Ein Jahr „#ChallengingDemocracy – Von Helmut Schmidt bis heute“

Ein Jahr ist unser neuestes Geschichtsprodukt nun alt: „#ChallengingDemocracy – Von Helmut Schmidt bis heute“ tourt in politisch turbulenten Zeiten durch die Republik. Bei vier Landtagswahlen und der Bundestagswahl wurden Kräfte stärker, die Geist und Buchstaben des Grundgesetzes missachten. Insbesondere die AfD schürt den Hass auf gesellschaftliche Minderheiten und stellt somit den ersten und zentralen Artikel der bundesrepublikanischen Verfassung in Frage: den Schutz der Menschenwürde und damit auch den auf Pluralismus und Toleranz ausgerichteten Grundkonsens. Gerade in diesen Zeiten braucht es Räume, in denen demokratischer und faktenbasierter Austausch für ein Aushandeln gesellschaftlicher Zukunft möglich ist. Als Historiker*innen und historisch-politische Bildner*innen tragen wir Verantwortung, diesen offen zu halten und Menschen zur aktiven Teilhabe zu ermutigen. Die gesetzlich verankerte Überparteilichkeit unserer Stiftung darf dabei eines keinesfalls bedeuten: Neutralität gegenüber jenen, die die grundlegenden Prinzipien unseres Zusammenlebens angreifen.

Raum für faktenbasierten Austausch und Diskussionen

So einen Raum soll die Wanderausstellung schaffen, auch außerhalb der Stiftungsheimat Hamburg: „#ChallengingDemocracy“ erzählt deutsche Demokratiegeschichte. Ausgehend von der Person Helmut Schmidt widmen wir uns wichtigen Debatten, welche die Menschen in den 1960er- bis 1980er-Jahren bewegten. Dabei zeichnen wir das Bild einer vielschichtigen Gesellschaft, in der politische Macht über „checks and balances“ durch die Zivilgesellschaft, eine unabhängige Justiz, die Wissenschaft, Medien, Interessensverbände und Vereine eingehegt wird. Was schützt und was bedroht Demokratie? Wie nachhaltig und wie sozial ist sie? Und was hat das eigentlich mit mir zu tun? Diese Fragen stellen wir sowohl an die Geschichte als auch an die Gegenwart und laden so unsere Gäste ein, an den Interaktionsstationen selbst aktiv zu werden: Diskutieren, Abwägen, Stellung beziehen muss gelernt sein und kann hier trainiert werden.

Wir sind alle gefragt

In Gesprächen mit Menschen in der Ausstellung, durch Wunschbaum-Karten oder auch aus dem Gästebuch nehmen wir wahr, dass viele Menschen durch die Weltlage verunsichert sind und sich umso mehr Stabilität, Lösungen und Kontinuität in der Politik wünschen – und das gilt nicht nur für die, die Schmidts Wirken als Politiker noch miterlebt haben. Rechtsextreme und andere die Demokratie gefährdende Akteure stellen grundlegende Prinzipien demokratisch regierter Staaten infrage: freie Wahlen ohne Einschüchterung des Wahlvolks oder andere Manipulationen, Gewaltteilung und das heißt insbesondere eine unabhängige Justiz, das Prinzip des Rechtsstaats und nicht zuletzt die Ermöglichung eines friedlichen Machtwechsels. Alle diese Punkte waren für Schmidt zentral und markieren somit aus unserer Sicht wichtige Positionen im Rahmen einer dringend notwendigen Abgrenzung der politischen Mitte hin zu den autoritären, extremistischen oder auch (religiös) fundamentalistischen Kräften. Ob im Bundestag, im Freundeskreis, im Supermarkt oder auf der Straße: Alle sind gefragt und können Verantwortung für eine Gesellschaftsordnung übernehmen, die uns das Maximum an Freiheit ermöglicht.

Vielseitiges Rahmenprogramm

Seit der Eröffnung in Berlin im April 2024 im Deutschen Bundestag haben wir unsere Ausstellung in vier weiteren Städten gezeigt: Bonn, Leipzig, Rostock und Hannover. Im Mai geht die Reise weiter nach Osnabrück, darauf folgen in diesem Jahr noch Worms und Potsdam. Nach fundierten Schätzungen haben wir bisher über 7.500 Menschen erreicht, Menschen diverser Herkunft, Schicht und Bildung. Die Wanderausstellung steht an höchst unterschiedlichen, öffentlich gut zugänglichen Orten: in Rathäusern, Bibliotheken, Museen, Volkshochschulen oder Kultur- und Konzerthäusern. Im Rahmenprogramm, bestehend aus öffentlichen Führungen, einem Escape-Game, Demokratiesprechstunden, „Streitbars“ und Paneldiskussionen, greifen wir den Ausstellungstitel auf und widmen uns aktuellen Herausforderungen der Demokratie. So haben wir in Bonn und Hannover über den Umgang mit demokratiefeindlichen Akteur*innen gesprochen – einmal mit Blick auf die politischen wie rechtlichen Optionen und dann ganz konkret im persönlichen Umgang in Schulen und Kultureinrichtungen. In Leipzig ging es um die Frage, welchen Beitrag mehr Bürgerbeteiligung für die Zukunft der Demokratie leisten kann.

Gesucht: Partner vor Ort

Nur gemeinsam mit Partnern vor Ort können wir mit der Ausstellung das politisch-kulturelle Leben der jeweiligen Region für eine Zeit bereichern. Die ständigen Ortswechsel sind zugleich Chance und Herausforderung: Herauszufinden, wie wir vor Ort einen Mehrwert bieten können, ist aus der Ferne mühsam, arbeitsintensiv, aber höchst spannend. Engagierte Menschen an den verschiedenen Orten kennenzulernen, denen die Demokratie am Herzen liegt und sich mit ihnen über die je eigene Gegenwart und die Zukunft auszutauschen, ist auch auf persönlicher Ebene für uns Mitarbeiter*innen der Wanderausstellung bereichernd. Diese immer neuen Perspektiven versuchen wir zu nutzen, um an den nächsten Tourstopps einerseits Bewährtes zu wiederholen, aber auch, um Neues auszuprobieren, um Impulse für die Stärkung unserer Demokratie zu setzen.
Für die nächsten Jahre sind wir noch offen für Anfragen von Kooperationspartnern. Haben Sie Interesse, die Ausstellung in Ihrer oder einer Stadt in Ihrer Nähe zu zeigen? Dann melden Sie sich gerne unter .

Foto Mitarbeiter:in

Autorin

Lisa QuernerTourmanagerin Wanderausstellung

Lisa studierte einen Bachelor in Geschichte an der Universität Hamburg und absolviert nun ihren Master in Public History an der Freien Universität Berlin. Als Werkstudentin arbeitete sie bei der Körber-Stiftung und für die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Als Mitarbeiterin des Arbeitsbereichs Ausstellung und Geschichte kuratierte sie hier unter anderem die neue Wanderausstellung „#ChallengingDemocracy – Von Helmut Schmidt bis heute“, deren Tourmanagement sie im April 2024 übernommen hat.

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Autor

Dr. Magnus KochLeiter Arbeitsbereich Ausstellungen und Geschichte

Magnus verbindet inhaltliche Expertise über Leben und Politikfelder von Helmut Schmidt mit Public-History-Formaten rund um die Ausstellungsprojekte der Stiftung. Zentral ist dabei immer die Frage, wie Geschichte und Gegenwart miteinander verbunden sind.

 

Er studierte Geschichte in Göttingen und promovierte an der Universität Erfurt zur Alltagsgeschichte des Zweiten Weltkriegs. Seit 2005 arbeitete er selbstständig und angestellt als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Ausstellungskurator u.a. für das Deutsche Historische Museum, Berlin, die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das Hamburger Institut für Sozialforschung sowie für die Universität Wien.