Objekt der Woche: Die „Polnische Bibliothek“

Am 22.04.2008 erklärte Helmut Schmidt in einem Kamingespräch mit dem „Deutschen Polen-Institut“ man müsse sich mit seinem Nachbarn beschäftigen, wenn man mit ihm in Frieden leben wolle. „Das ist doch schon in einem Reihenhaus so“.

Wie sehr Helmut Schmidt sich mit dem Nachbarn Polen beschäftigte, wird deutlich, wenn man einen Blick in sein Wohnzimmer in Langenhorn wirft. Neben Skulpturen, Bildern und verschiedenen Objekten findet sich hier vor allem Literatur aus aller Welt. Direkt neben dem Kamin, ungefähr auf Kniehöhe, steht eine besondere Auswahl an Büchern: Die im Suhrkamp-Verlag erschienene „Polnische Bibliothek“, herausgegeben von Karl Dedecius. Der 2016 verstorbene Schriftsteller und Initiator des Deutschen Polen-Instituts übersetzte hierfür 50 polnische Werke und galt als großer Vermittler zwischen Polen und Deutschland. Helmut Schmidt bezeichnete ihn laut Deutschem Polen-Institut gar als „Pontifex der Versöhnung“.

Welche Bedeutung das Land für Helmut Schmidt hatte, zeigt nicht nur seine Zeit als Präsident des Deutschen Polen-Instituts von 1995 bis 1999. Bereits 1966 reiste er das erste Mal mit seiner Familie in einem kleinen Opel Rekord nach Polen, wo ein „starkes Gefühl der Zuneigung“ für die Menschen dort entstand, wie Schmidt 1990 in „Die Deutschen und ihre Nachbarn“ schrieb.

Dass diese Zuneigung auch auf politischer Ebene stattfand, wurde in den Siebziger Jahren deutlich, als der Bundeskanzler Helmut Schmidt im polnischen Fernsehen sagte: „Ich liebe Polen!“ und damit nicht nur einige Polen überraschte.

Die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze war für Helmut Schmidt Grundlage für ein deutsch-polnisches Verhältnis und essenzieller Punkt des von ihm, Wehner und Brandt ausgehandelten Warschauer Vertrages. Auch am Rande der „Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE) in Helsinki 1973 erarbeitete Schmidt mit dem Parteichef der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, Edward Gierek, eine Vereinbarung, die die Wogen zwischen den beiden Ländern glätten sollte.

Zum einen sah Helmut Schmidt die Deutschen in der Verantwortung gegenüber den Polen, da diese in der Vergangenheit mehrfach verschiedenen deutschen Eroberungszügen zum Opfer gefallen waren. Zum anderen ging es um die geografische Verantwortung Deutschlands als Zentrum Europas, die es für Schmidt unbedingt notwendig machte, in einem guten Verhältnis zu Polen zu stehen. Dafür nahm er auch Anfeindungen und Kritik der Opposition in Kauf.

In „Die Deutschen und ihre Nachbarn“ schreibt Helmut Schmidt: „Es ist unsere Aufgabe, gegenüber allen unseren Nachbarn den Frieden und gute Nachbarschaft zu wahren“. Er selbst hat diese Aufgabe angenommen und kompromisslos umgesetzt. In seinem Reihenhaus steht dafür als ein sichtbarer Beweis der Verbundenheit die „Polnische Bibliothek“.

© Frederik Küll

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