Zwischen Geist und Macht: Die vielen Facetten von Helmut Schmidt

Eine wissenschaftliche Betrachtung Helmut Schmidts als Intellektueller

Liebe Leser*innen,

der schmidtsche Pragmatismus ist bis heute in aller Munde. Doch Helmut Schmidt zeichnete sich durch viele Eigenschaften aus. Kunst, Musik und Literatur waren für ihn sein Leben lang von größter Bedeutung. Er blieb nie an einer Stelle stehen, bildete sich immer weiter und beteiligte sich aktiv am gesellschaftlichen Diskurs.

Unser Stiftungsmitarbeiter und Ideenhistoriker Tobias Lentzler beschäftigt sich in diesem Schmidtletter mit der Frage, inwieweit Helmut Schmidt als Intellektueller angesehen werden sollte.

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Ihre Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung


 

„Macher“ und „Pragmatiker“, „Elder Statesman“ und „Weltökonom“ – dies sind nur einige Worte, mit denen Helmut Schmidt im Laufe seines langen Lebens beschrieben wurde. Er selbst hat sich wahlweise als „leitende[n] Angestellte[n] der Bundesrepublik“ bezeichnet, aber auch als „Intellektuellen“. In einem großen Gespräch mit der Zeit im Sommer 1980, das Schmidt – damals noch Bundeskanzler – mit Fritz J. Raddatz, zu diesem Zeitpunkt Leiter des dortigen Feuilletons, sowie den Schriftstellern Günter Grass und Siegfried Lenz führte, ließ sich Schmidt gleich zu Beginn des Interviews mit folgendem Satz zitieren: „Ich halte mich selbst für einen Intellektuellen, ohne daß ich darin schon eine zureichende Charakterisierung meiner Person sehen kann“ (Die Zeit, Nr. 35, 22. August 1980). Vorausgegangen war diesem Satz die Kritik von Raddatz, bei der SPD überwiege „ein Mißtrauen gegen Intellektuelle und Künstler“. Diesen Vorwurf kontert Schmidt mit der Vereinnahmung des Begriffs für sich selbst.

Auf den ersten Blick mag Helmut Schmidts Selbstbild als Intellektueller überraschen. In Erinnerung geblieben ist diese Beschreibung zumindest nicht. Viel eher hält sich bis heute das Image des nüchternen Pragmatikers. Freimütig gab er dies auf dem SPD-Parteitag in Mannheim in einer Rede am 12. November 1975 zu: „Ich bin […] in der Tat ein Pragmatiker. Aber kein theorieloser Pragmatiker und schon gar kein wertfreier“. An diesem Zitat lassen sich zugespitzt einige Eigenschaften von Helmut Schmidt erkennen: die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis, ein klares Bild von sich selbst, sein Verständnis von Politik sowie ein Hang zur Pointe. Ebenso scheint in diesen wenigen Sätzen durch, dass Helmut Schmidts politisches Handeln eine feste intellektuelle Basis hatte. 

Es gab in Helmut Schmidts Leben eine Reihe von „intellektuellen Fixsternen“. Marc Aurel zählte dazu, Immanuel Kant, dessen 300. Geburtstag wir dieses Jahr begehen, ebenso wie Max Weber und Karl Popper. Schmidts intellektuelles Fundament kann man also als von einem vernunftgeleiteten Denken geprägt bezeichnen. Hinzu traten eine starke Betonung von Pflicht und Verantwortung sowie die von Popper angeregte Einsicht, dass Gesellschaften sich nicht auf einem seit jeher vorgezeichneten historischen Pfad befänden, sondern ihre Entwicklung als fortwährender Prozess zu verstehen sei, der Reflexionen und Fehlerkorrekturen zulasse. 

Anlässlich der Übergabe des von Henning Albrecht verfassten Buchs „,Pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken‘. Helmut Schmidt und die Philosophie“ (2008) an Helmut Schmidt, hielt der Philosoph Volker Gerhardt eine Rede, in der er über das Verhältnis von Philosophie und Politik sprach. Während Platon der Auffassung gewesen sei, dass ein Staat nur dann gut geführt würde, wenn er von Philosophen regiert würde, unterschied Kant streng zwischen beiden Tätigkeiten. Regieren und Philosophieren ließen sich nicht in einer Aufgabe vereinen. Allerdings – so führt Gerhardt aus – stehe Helmut Schmidt exemplarisch für einen Typus Politiker, der sich der Arbeitsteilung von Philosophie und Politik bewusst gewesen sei. Zudem habe er das Balancieren zwischen den Polen der „politische[n] Verantwortung und sittliche[n] Verpflichtung“ trotz der von Kant behaupteten Trennung in einer Person vereint. 

Wenn man Intellektuelle nicht nur als Personen versteht, deren Aufgabe es ist, öffentliche Debatten anzuregen und die Mächtigen zu kritisieren, sondern auch Verantwortung für die Gestaltung eines Gemeinwesens zu übernehmen, so kann man Helmut Schmidt mit gewissem Recht als Intellektuellen bezeichnen. Seine philosophische Vorbildung darf als Grundlage seiner praktischen politischen Handlungen gesehen werden. Zugleich sollte man nicht annehmen, dass die Philosophie allein Helmut Schmidts Berater in Momenten der Entscheidungsfindung gewesen sei. 

Viel eher sollte man in Schmidt einen Menschen sehen, der – wie vor ihm politische Persönlichkeiten wie Walther Rathenau oder Theodor Heuss – den häufig behaupteten Gegensatz zwischen Geist und Macht überwand und damit zu einer Normalisierung des Intellektuellenbegriffs in Deutschland beitrug. Dass Schmidt die Trennung zwischen Kultur und Politik für künstlich hielt, lässt sich neben den Anregungen, die er aus der Philosophie bezog, an einer Beobachtung festmachen, die Werner Irro in einem Buch über „Helmut Schmidt und die schönen Künste“ festhält. Für Schmidt sei Kunst „nie ein Statussymbol“ gewesen, schreibt Irro, sondern habe „existenzielle Bedeutung“ gehabt. Er habe neben Freude vor allem Kraft aus der Kunst bezogen, die für ihn nie Weltflucht, sondern Ermutigung für die „wirklich wichtigen Fragen des Lebens“ gewesen sei. 

Schmidt suchte – ähnlich wie sein Vorgänger Willy Brandt – das Gespräch mit Künstler*innen und Intellektuellen. So ist in Briefwechseln belegt, dass er Intellektuelle wie zum Beispiel Walter Jens um Anregungen für Regierungserklärungen oder andere Reden bat. Gut begründete Kritik an eigenen Positionen nahm er zumeist auf. So schildert Henning Albrecht eine Episode, in der der Kant-Experte Norbert Hinske Schmidt in dem Beitrag „Kant und der Kanzler“ für die Welt am 26. Juni 1974  dafür kritisierte, dass er die drei Ebenen des Handelns, die Kant unterscheide, unzulässig miteinander vermische. Die Reaktion Schmidts war ein brieflicher Austausch mit Hinske, der am Ende dazu führte, dass Schmidt seine Position korrigierte, zugleich aber Hinske sich für die Schärfe einiger Vorwürfe entschuldigte. 

Mit dem Ende seiner Kanzlerschaft 1982 wechselte Schmidt im Mai 1983 als Mitherausgeber der Zeit auf das Feld der Publizistik. Fortan war er dort als Rat- und Stichwortgeber gefragt und übte von außerhalb des politischen Felds Kritik. Für den Soziologen M. Rainer Lepsius war genau diese „inkompetente Kritik“, also die Kritik aus einem Betätigungsfeld, deren Mitglied man nicht (mehr) ist, das Hauptcharakteristikum des Intellektuellen. 

Doch gleich, ob wir Schmidt nun als Intellektuellen bezeichnen wollen oder nicht, – er bleibt eine Figur mit hohem Anregungspotenzial und dem Mut, sich vehement in öffentliche Debatten einzuschalten. Dass er zusätzlich die Fähigkeit besaß, Positionen nach gut begründeter Kritik zu überdenken und gegebenenfalls anzupassen, darf uns bis heute als Vorbild für die politisch aufgerauten Debatten der Gegenwart gelten. 

 

Zitierte Literatur:

Albrecht, Henning: „Pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken“. Helmut Schmidt und die Philosophie, Studien der Helmut und Loki Schmidt-Stiftung, Bd. 4, Bremen 2008.

Gerhard, Volker: Helmut Schmidt und die Philosophie, in: Neue Gesellschaft | Frankfurter Hefte 2009, H. 1/2, S. 28–32, URL = <https://www.frankfurter-hefte.de/media/Archiv/2009/Heft_01-02/NGFH_Jan-Feb_09_Gerhard_Web.pdf> (zuletzt abgerufen: 29. November 2023).

Hübinger, Gangolf; Hertfelder, Thomas (Hg.): Kritik und Mandat. Intellektuelle in der deutschen Politik, Stuttgart 2000.

Irro, Werner: „Mit großem Vergnügen und mit tiefer innerer Zustimmung...“. Helmut Schmidt und die schönen Künste, Studien der Helmut und Loki Schmidt-Stiftung, Bd. 11, Bremen 2018.

Lepsius, M. Rainer: Kritik als Beruf. Zur Soziologie der Intellektuellen, in: Interessen, Ideen und Institutionen, Opladen 1990, S. 270–285.

Bundesfinanzminister Helmut Schmidt liest das Grundgesetz in seinem Ferienhaus am Brahmsee im Sommer 1973. Foto: picture alliance / Sven Simon

Schachprofi Lothar Schmid spielt Simultan-Schach unter anderem gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt im Jahr 1979. Foto: picture alliance / photothek | Thomas Imo

Autor: Tobias Lentzler

Wissenschaftliche Assistenz in der Programmlinie Globale Märkte und soziale Gerechtigkeit

Nach einem Studium der Philosophie, Politik und Ökonomik an der Universität Witten/Herdecke und einem unabhängigen Forschungsaufenthalt an der Yale University arbeitete Tobias Lentzler von 2019 bis 2022 als Projektmanager bei der Bertelsmann Stiftung. Seit August 2022 promoviert er an der TU Chemnitz im Bereich der Intellectual History und ist seit Dezember 2022 als wissenschaftlicher Assistent in der Programmlinie Globale Märkte und soziale Gerechtigkeit tätig.

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