Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Helmut Schmidt und sein Engagement für die deutsche Einheit

Autor/in:Magnus Koch

Liebe Leser*innen,

als Helmut Schmidt im Dezember 1981 die DDR besuchte, um sich mit Erich Honecker zu treffen und den deutsch-deutschen Dialog nach einer mehrjährigen Pause wieder aufzunehmen, war Deutschland noch in Ost und West geteilt und die Wiedervereinigung in weiter Ferne.

Mittlerweile sind über drei Jahrzehnte vergangen seitdem die DDR aufgelöst und Deutschland wieder eins wurde. In diesem Jahr wird der Tag der Deutschen Einheit mit einem vielfältigen Programm am 2. und 3. Oktober in Hamburg gefeiert. 

Dr. Magnus Koch ist unser Leiter im Bereich Ausstellung und Geschichte und nimmt Sie im aktuellen Schmidtletter auf eine Reise in die Vergangenheit des geteilten Deutschlands mit und beleuchtet die facettenreiche Beziehung zwischen Helmut Schmidt und Erich Honecker.

Eine spannende Lektüre und einen schönen Feiertag wünscht Ihnen
Ihre Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung


 

Am 3. Oktober 1990 trat die Deutsche Demokratische Republik (nach Artikel 23 Grundgesetz) der Bundesrepublik Deutschland bei. Damit endete die gut 40-jährige Geschichte der DDR. Die staatliche Einheit sollte für die Bürger*innen der neuen Bundesländer jene Forderungen erfüllen, für die sich vor allem seit Anfang der 1980er-Jahre noch eine kleine Minderheit eingesetzt hatte und für die seit dem Herbst 1989 schließlich hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen waren: Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die friedliche demokratische Revolution in der DDR gelingen konnte, war der wirtschaftliche und auch politische Niedergang des SED-Regimes und mit ihm der osteuropäischen Staaten unter Führung der Sowjetunion Ende der 1980er-Jahre.
Für die Menschen in den neuen Bundesländern verlief der mit der Einheit einhergehende Umbruch nach 1990 zum Teil dramatisch: Auf der einen Seite eröffneten sich neue Möglichkeiten der beruflichen und privaten Neuorientierung. Neben der Reisefreiheit galt nun auch eine Niederlassungsfreiheit in ganz Europa – denn die Bevölkerung der ehemaligen DDR wurden zugleich EU-Bürger*innen. Politisch gesehen endeten außerdem Konformitätsdruck und Gesinnungsterror und für einige auch die Befreiung aus Gefängnissen und Zuchthäusern.

Zwar erhielten die Menschen praktisch über Nacht Zugang zu der von vielen lange vermissten westlichen Warenwelt, doch die infolge der Pleite zahlreicher Betriebe massiv steigende Arbeitslosigkeit nach der „Wende“ trübte vielen die Freude angesichts solcherlei neuer Errungenschaften. Trotz der Freude also über vielfache neue Freiheiten: Der durch falsche wirtschaftspolitische Entscheidungen, zum Teil auch durch betrügerische Praxis herbeigeführte wirtschaftliche Niedergang trug dazu bei, dass sich die Menschen nicht überall mit dem neuen Gemeinwesen und seiner kapitalistischen Wirtschaftsweise identifizieren konnten. Ein langfristig angelegtes Wirtschaftsprogramm („Aufbau Ost“) trägt bis heute weiter dazu bei, die Lebensbedingungen in Ost und West einander anzugleichen.

1990 gab es in Deutschland große Zustimmung für die Vereinigung der deutschen Staaten. Grundlage dafür war ein über vier Jahrzehnte der Teilung hinweg starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit – auch wenn dies je nach generationeller Lagerung oder auch politischer Präferenz je unterschiedlich ausfiel. Dass die Menschen sich über die tiefe Spaltung nicht nur der beiden Länder, sondern großer Teile der damaligen Welt in zwei sich feindlich gegenüberstehende Blöcke hinweg nicht fremd wurden, war ein zentrales Element der Deutschlandpolitik westdeutscher Regierungen. Das gilt in der Praxis zunächst vor allem für den Wechsel hin zu einer „Politik der Annäherung“ im Zuge der „Neuen Ostpolitik“ unter Bundeskanzler Willy Brandt, konsequent fortgesetzt durch seinen Nachfolger Helmut Schmidt. Insbesondere seit der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 wuchs innerhalb der sozialdemokratischen Parteiführung die Einsicht, dass ein grundsätzlicher Systemwandel auf staatlicher Ebene in den osteuropäischen Ländern kaum realistisch war; größeren Erfolg vor allem für die Menschen in beiden deutschen Staaten versprach, auf einer alltäglichen Ebene dafür zu sorgen, dass sich Deutsche in Ost und West nicht zu stark voneinander entfremdeten. Fernziel einer ganzen Reihe staatsrechtlicher Verträge („Ostverträge“) war immer die Vollendung der Einheit Deutschlands. Dass diese bereits 1990 Realität werden würde, hatte Ende der 1980er-Jahre die meisten überrascht. Schmidt und andere Zeitgenossen gingen davon aus, dass die Teilung noch weit bis ins 21. Jahrhundert hinein Bestand haben würde.

Umgesetzt wurde das Programm einer Politik der Annäherung von den sozial-liberalen Koalitionen (1969-1982) auf verschiedenen Feldern: die Senkung des von der DDR erhobenen, vor allem für materiell schlechter gestellte Westdeutsche problematischen „Zwangsumtauschs“ für Reisen durch den Eisernen Vorhang, die Verbesserung der Verkehrswege zwischen den Staaten, der Freikauf von DDR-Häftlingen durch die Bundesrepublik, die Erweiterung der Möglichkeiten von Reisen in den Westen für DDR-Bürger*innen und anderes mehr.

Helmut Schmidt pflegte auch auf anderen Gebieten den Austausch. Bis heute bekannt sind etwa sein Besuch in Güstrow 1981, in der Hochzeit des „Zweiten Kalten Kriegs“: die gespenstischen Bilder einer durch die DDR-Staatssicherheit abgeriegelten Stadt prägten sich im Bildgedächtnis ebenso ein wie sein spontaner Versuch, mit den Menschen auf der Straße Kontakt aufzunehmen. Dann, nach seiner Kanzlerschaft, seine Reden in ostdeutschen Gotteshäusern und Kontakte zu hohen Kirchenrepräsentanten wie den Konsistorialpräsidenten der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg Manfred Stolpe (1982 – 1989). Ganz im Sinne dieses Engagements für den deutsch-deutschen Austausch nicht nur auf politisch-institutioneller, sondern darüber hinaus kulturell beziehungsweise zivilgesellschaftlicher Ebene gründete er 1993 die Deutsche Nationalstiftung und brachte in sie einen Teil seines privaten Vermögens ein. Die Stiftung will bis heute „das Zusammenwachsen Deutschlands fördern, die Idee der deutschen Nation als Teil eines vereinten Europas stärken und zu einer nationalen Identität in einem friedlichen, weltoffenen Deutschland beitragen“.

Neben diesem direkten Engagement war Schmidt stets auch publizistisch aktiv, um seine deutschlandpolitischen Ziele voranzubringen. Mut und Zuversicht verband er in seinen Aufsätzen, Reden und Monografien dabei mit Mahnungen und Skepsis. So kritisierte er in einem Essay vom August 2004 (erschienen in der Textsammlung „Auf dem Weg zur Deutschen Einheit“ von 2005), dass westdeutsche Politiker*innen die Menschen (in Ost und West) von vornherein deutlicher auf die großen vor allem wirtschaftlichen Zumutungen angesichts der Einheit hätte vorbereiten müssen. Auch aufgrund der daraus folgenden großen Enttäuschungen hätten sich die Menschen „im Osten vom Westen getäuscht, bevormundet und herabgesetzt“ gefühlt. Aber auch die Bevölkerung der ehemaligen DDR warnte er vor falscher Anspruchshaltung: Die Kaufkraft, zum Beispiel ihrer Renten, sei erheblich höher als in anderen postkommunistischen Staaten, die Transferleistungen, die Staat und Gesellschaft im Westen in den Jahren nach 1990 für den Osten aufgebracht hätten, seien außerordentlich hoch gewesen; wie fast immer mahnte er auch in diesem Zusammenhang zu Besonnenheit, Realismus und gegenseitigem Verständnis – und warnte vor allzu einfachen Lösungen, angeboten von populistischen Stimmen. Schmidt der Pragmatiker und Mahner, der Skeptiker, der als Publizist und Elder Statesman lange nach seinem Abtreten von der politischen Bühne des Bundestags nach Lösungen suchte und dabei immer wieder umfassende Maßnahmen und Konzepte anbot – und dem bis zum Schluss die Überwindung der Teilung beider deutscher Staaten am Herzen lag.

Bundeskanzler Helmut Schmidt mit dem Vorsitzenden des Staatrats der DDR Erich Honecker bei seiner Ankunft am Flughafen Berlin-Schönefeld am 11. Dezember 1981. Foto: picture alliance / Helmuth Lohmann

Bundeskanzler Helmut Schmidt und Erich Honecker während des dreitägigen Treffens in der DDR im Dezember 1981. Foto: picture-alliance / Sven Simon

Erich Honecker schenkt Bundeskanzler Helmut Schmidt, nach dessen DDR-Besuch bei seiner Abreise am 13. Dezember 1981 auf dem Bahnhof von Güstrow ein Lutschbonbon vom Weihnachtsmarkt. Foto: picture-alliance / Dieter Klar

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